Der Big Brother der Schweizer Glaubenslandschaft
Relinfo aus Rüti
Seit mittlerweile 60 Jahren überschaut die Evangelische Informationsstelle Relinfo aus Rüti die Veränderungen in der Schweizer Religionsszene. Eine umfangreiche, spannende, aber zuweilen auch unangenehme Aufgabe.
Seit mittlerweile 60 Jahren überschaut die Evangelische Informationsstelle Relinfo aus Rüti die Veränderungen in der Schweizer Religionsszene. Eine umfangreiche, spannende, aber zuweilen auch unangenehme Aufgabe.
Worum es bei Georg Otto Schmids Arbeit geht, lässt sich schwer übersehen. Im Beratungszimmer seiner Info-Stelle direkt beim Bahnhof Rüti ist der Glauben omnipräsent. Die Wände werden von Büchern und Broschüren regelrecht tapeziert, in den Ecken stehen Figuren. Buddha, Jesus im Schneidersitz, die ägyptische Gottheit Anubis.
Tatsächlich kennt Schmid, wie sich im anschliessenden Gespräch herausstellen wird, jede Ecke in der Glaubenslandschaft. Kein Wunder, wenn man seine Blutslinie betrachtet: Sein Vater und seine Mutter waren reformierte Pfarrer, er selbst versuchte sich während des Theologiestudiums ebenfalls in dieser Rolle – zumindest eine Stellvertretung lang.
Weil er dabei feststellte, dass er dafür nicht geeignet ist, stieg er schliesslich Anfang der 1990er Jahre fest bei der «Evangelischen Informationsstelle Kirchen – Sekten – Religionen» ein, die sein Vater Georg neben seinem Amt als Pfarrer in Greifensee führte. Anfang 2014, die Stelle war da bereits nach Rüti umgezogen, übernahm er deren Leitung.
Nun feiert Schmid sein 10-Jahr-Jubiläum in dieser Funktion – und es fällt auch gleich zusammen mit dem 60-Jahr-Jubiläum der Organisation. «Manche hielten Relinfo für einen Familienbetrieb», blickt Schmid lächelnd zurück. Gegründet wurde sie aber vom Pfarrer Oswald Eggenberger, der sie zwischen 1963 und 2012 aufbaute und leitete.
Getragen vom Verein Relinfo, wird die Organisation beauftragt und finanziell unterstützt von den Reformierten Kirchen der Deutschschweiz. 2019 sind auch noch die Katholischen Kirchen des Kantons und der Stadt Zürich hinzugekommen. Ihr Auftrag besteht darin, für die Öffentlichkeit die hiesige Glaubenslandschaft zu beobachten und zu dokumentieren. Publiziert wird über aktuelle Mitteilungen und ein laufend aktualisiertes Lexikon, das auf der Website relinfo.ch aufgeschaltet ist.
Ein Lexikon mit 1150 Einträgen
Darüber hinaus bietet sie Beratungen und Hilfe für Betroffene und Interessierte an. Seien es einfache telefonische Anfragen oder die konkrete Betreuung von Ausstiegswilligen. So hat sich Relinfo etwa bereits vor mehreren Jahren um Opfer der fundamental-christlichen Domino Servite Schule aus dem sankt-gallischen Kaltbrunn gekümmert. Der Fall, in dem unter anderem gegen den ehemaligen Chocolatier Jürg Läderach Anklage erhoben wurde, hatte im letzten Herbst grosse mediale Wellen geschlagen.
Sowieso fehlt es Relinfo nicht an Arbeit. Das riesige Feld, das von den grossen Weltreligionen über die Freikirchen bis hin zu esoterischen Gruppen, Ufo-Bewegungen und Staatsverweigernden reicht, wächst ständig. Inzwischen ist das Lexikon auf 1150 Einträge angewachsen.
So sind aktuell fünf Mitarbeitende mit Studium und drei Administrativkräfte für Relinfo tätig. Immer wieder kommt es vor, dass die Hochschulen die Spezialistinnen abwerben. «Wir schreiben keine wissenschaftlichen Beiträge, sondern Artikel für die Allgemeinheit. Umgekehrt haben wir an uns den Anspruch an die Vollständigkeit», erklärt Schmid, der sich mit seinen 58 Jahren bereits Gedanken um seine eigene Nachfolge macht, den Unterschied zwischen den Disziplinen.
Ganz ungefährlich ist die Materie indessen nicht. Sie beschäftigt sich mit Sphären, die mit zu den persönlichsten des Menschen gehören. Von schlimmeren Eskalationen kann Georg Otto Schmid zwar nicht berichten, doch Drohungen gehören zum Geschäft. Deshalb zeigt Relinfo auf der Website auch noch seinen Schutz- und Bewachungsverantwortlichen: den Berner Sennenhund Prabhu.
