Oberländer Amphibien brauchen Unterstützung
Auf gefährlicher Wanderung
Frosch, Kröte und Molch «pilgern» im Frühjahr durch die Region, um zu ihrem Laichplatz zu gelangen. Dabei setzen sie sich diversen Gefahren aus.
Im Winter verscharren sie sich in den Wäldern, unter Blättern und in der Erde – wo sie über mehrere Monate bleiben, bis im Frühjahr die Temperaturen wieder steigen. Dann wachen die Frösche, Kröten und Molche aus ihrem «Winterschlaf» auf und haben nur eines im Sinn: Ab zum Laichplatz! Was in der Theorie nach einer gemütlichen Wanderung zum Wasser klingt, stellt in der Realität eine Lebensgefahr für die Amphibien dar.
Die kleinen Tierchen wissen zwar genau, wo sie hinmüssen – doch rechnen sie nicht mit den Hürden, die sie zu überwinden haben. «Würden wir da nicht eingreifen und den Amphibien bei ihrer Wanderung helfen, würde ein Grossteil die Reise nicht überleben», erklärt Andreas Hasler, Geschäftsleiter von Pro Natura Zürich.
Das Oberland bietet Lebensraum
Im Oberland gibt es mehrere wichtige Laichplätze für Frosch, Kröte, Molch und Co. Die Gemeinden kennen gefährliche Strassenstellen, wo es zu Überquerungen von Amphibien kommt und Vorsichtsmassnahmen nötig sind. Deshalb werden dort Amphibienzäune aufgestellt, Ausstiegshilfen montiert, Froschwarntafeln aufgestellt. Wo das nicht möglich ist, müssen Freiwillige unterstützen. Selten werden zur Ablenkung Stillgewässer ausserhalb der Gefahrenzonen angelegt.
«Die Amphibien sind geschützte Tiere, weshalb Gemeinden für die Organisation von Schutzmassnahmen zuständig sind», erklärt Reto Schwitter, Bereichsleiter Natur und Landschaft in Egg.

Das Oberland hat Dutzende kleine Weiher, Wasserstellen und Seen, die unter anderem von den Amphibien genutzt werden und sich zu Lebensräumen entwickelt haben – manchmal sogar aus Zufall. So beispielsweise in Wald, wo früher viel mit Wasserkraft gearbeitet wurde oder Weiher zur Eisherstellung angelegt wurden.
«Durch die Stilllegung der Textilfabriken sind auch diese Gewässer zur Stromerzeugung überflüssig geworden», erklärt eine langjährige Freiwillige des Naturschutzvereins in Wald*. Nun gäbe es in Wald deshalb viele Amphibienarten: Grasfrösche, Erdkröten, Wasserfrösche, Berg- und Fadenmolche. Aber auch die seltenen Feuersalamander, Gelbbauchunken, Geburtshelferkröten, Kreuzkröten und Laubfrösche gehören zur Oberländer Population.
Hand in Hand
So ist beispielsweise das Naturschutzgebiet Örmis in Illnau-Effretikon ein Amphibiengebiet von nationaler Bedeutung mit verschiedenen Arten und vielen Amphibien, die hier jedes Jahr zum Laichen hinkommen. Deshalb hilft Andreas Hasler, der auch Mitglied im lokalen Naturschutzverein ist, seit Jahren bei den Schutzmassnahmen.
Achtung, Auto!
Sobald es nachts über fünf Grad warm wird und feuchteres Wetter herrscht, sollte auf bekannten Amphibienwanderrouten, zwischen Weihern und um Naturschutzgebiete prinzipiell langsam gefahren werden – denn die Tiere verharren gerne auf den warmen Strassen. «Damit steigt natürlich die Gefahr, dass sie überfahren werden», sagt Hasler.
Doch selbst wenn die kleinen Tierchen nicht direkt unter die Räder kommen, können sie wegen des grossen Strömungsdrucks so starke innere Verletzungen erleiden, dass sie verenden. «Eine maximale Fahrtgeschwindigkeit von 30 km/h ist erforderlich.»
«Wir sind froh um die Unterstützung des hiesigen Naturschutzvereins», sagt Marc Weiss, zuständig für den Bereich Naturschutz der Stadt Illnau-Effretikon. Nicht nur die helfenden Hände, sondern auch das Fachwissen unterstütze die Gemeinde bei ihrer Arbeit rund um die Amphibienwanderung.
So übernimmt der Naturschutzverein beispielsweise die Strassensperrung an den Wochenenden, die im Örmis während der Reisezeit der Tiere wegen der schnell befahrenen Strecke vonnöten ist. «Damit sind sie weniger Gefahren ausgesetzt» , sagt Hasler. Den Rückweg würden die Tiere dank unterirdischer Tunnel allein bestreiten können. Dennoch sei die Freiwilligenarbeit ein zentrales Element, um sie vor den lauernden Gefahren zu schützen.
Über mehrere Wochen im Jahr engagieren sich die Gemeinden und freiwillige Helfer für die Amphibienwanderung. «Früher waren das rund sechs Wochen im Jahr», erklärt Marc Weiss. Aufgrund der veränderten Wetterverhältnisse ticke aber auch die innere Uhr der Tiere anders: In warmen Perioden beginnen sie bereits früher zu wandern, wird es dann kälter, gibt es Unterbrüche. Auch dieses Jahr begann die Wanderung bereits früher – Mitte Februar mussten bereits Massnahmen ergriffen werden.
Das sei für die Tiere zwar keine erhöhte Gefahr, verzögert aber die gesamte Wanderung. Deshalb braucht es mehr Freiwillige, die länger einsatzbereit sein müssen – und daran mangele es in den meisten Gemeinden.
Für den Erhalt der Artenvielfalt
Doch dabei sind freiwillige Helfer dringend nötig, um die Schutzmassnahmen während der Amphibienwanderung nahtlos umsetzen zu können – fehlt es an helfenden Händen, können beispielsweise keine Zählungen durchgeführt werden, oder die Tiere verharren zu lange in den «Fallen», wo sie für Hauskatze und Raubvogel ein gefundenes Fressen sind. Deshalb sind Gemeinden dankbar um Interessierte, die sich beim örtlichen Naturschutzverein für Einsätze melden wollen – und diese gibt es im Oberland zur Genüge.
Wer lieber in den eigenen vier Wänden respektive im Garten unterstützen mag, kann «Fallen» beseitigen: Löcher und Abläufe können mit Stöcken oder Textilfliess ausgelegt und Schächte mit Netzen bedeckt werden, damit die Tiere nicht hineinstürzen oder wieder rausklettern können. Verstecke wie Laub- und Asthaufen helfen den Amphibien, sich vor Feinden zu verstecken. Mut zu einem unaufgeräumten Garten und der Verzicht auf Gift hilft, Frosch, Kröte und Co. zu unterstützen – und damit beim Erhalt der Population zu helfen.
«Der Laichklumpen eines Grasfrosches besteht beispielsweise aus rund 3000 Eiern», erklärt Andreas Hasler. Natürlicherweise blieben bis zum Erreichen der Geschlechtsreife aber nur ein bis drei Frösche übrig. Sterben die Tiere bei ihrer Wanderung zum Laichplatz auf der Strasse, sinke die Population immer mehr. «Das wäre für die Artenvielfalt verheerend.»
* Aus persönlichen Gründen möchte diese Person nicht namentlich erwähnt werden.
