Uster will «städteplanerischen Dinosaurier» beerdigen
Verzicht auf Eschenbüel-Planung
Am Westrand von Uster sollte eigentlich ein neues Quartier für 2100 Einwohner entstehen. Geht es nach dem Willen des Stadtrats, wird daraus nichts.
Die Dimensionen für die Überbauung des Eschenbüels zwischen der Zürich- und der Sonnenbergstrasse sind riesig: Auf einer Fläche von 23,6 Hektaren sollen dort, wo heute noch Kühe weiden, Wohnungen für 2100 zusätzliche Ustermerinnen und Ustermer entstehen.

Zudem könnten dort rund 425 neue Arbeitsplätze in Läden, Büros und Gewerbe geschaffen werden. Und schliesslich sind dort ein Kindergarten, öffentliche Plätze, eine Wertstoffsammelstelle, eine grosse oberirdische Sammelgarage und Veloabstellanlagen geplant.
Verdichtung statt grüne Wiese
Aus diesen Plänen, die letztmals 2020 im grösseren Stil angepasst worden sind, dürfte allerdings nichts werden. Denn der Ustermer Stadtrat will das Grossvorhaben ad acta legen. Seiner Meinung nach stammt das 2005 lancierte Projekt aus einer «mittlerweile abgelösten Planungsepoche».
Innenverdichtung statt Bauen auf der grünen Wiese: Dadurch ist die Gesamtplanung Eschenbüel zu einer Art städteplanerischem Dinosaurier geworden: Noch am Leben, aber ohne Zukunft. Deshalb beantragt der Stadtrat nun den Abbruch des Vorhabens. #uster #eschenbüel https://t.co/waj4N7taXH
— Stefan Feldmann (@feldmann_uster) February 8, 2024
Usters Bauvorstand Stefan Feldmann (SP) drückt es so aus: «Das Projekt sollte noch klassisch auf der grünen Wiese realisiert werden. Das Thema Innenverdichtung spielte damals noch keine grosse Rolle.» Heute stehe das Vorhaben hingegen quer in der Landschaft. Oder wie er in einem Post auf Facebook und X schreibt: «Innenverdichtung statt Bauen auf der grünen Wiese: Dadurch ist die Gesamtplanung Eschenbüel zu einer Art städteplanerischem Dinosaurier geworden: noch am Leben, aber ohne Zukunft.»
Er gesteht dem Vorhaben ursprünglich durchaus gewisse positive Planungsabsichten zu. So müsste die Überbauung nach dem Vorbild der 2000-Watt-Gesellschaft ökologisch realisiert werden. Und die Struktur am Siedlungsrand sei attraktiv. Aber Feldmann meint dazu: «In Zeiten der Innenverdichtung ist auch eine vorbildliche Überbauung auf der grünen Wiese halt dennoch schlechter als gar keine Überbauung.»
Bevölkerung zeigt sich kritischer
Neben diesem fachlichen Grund führt der Stadtrat aber noch andere Probleme ins Feld. Das Gebot des haushälterischen Umgangs mit der Ressource Boden und der Klimawandel hätten auch die Bevölkerung sensibilisiert. Das habe sich in den letzten Jahren im Abstimmungsverhalten gezeigt.

So hiessen die Ustermer die Kulturland-Initiative für Nänikon und die Initiative für den Schutz des Walds gut. Und auch die kantonale Kulturlandinitiative habe hier eine hohe Zustimmung gefunden – und zu einem Planungsunterbruch fürs Eschenbüel geführt.
Dementsprechend sei damit zu rechnen, dass einer Überbauung dieses Lands, das heute noch in der Reservezone liege, Opposition erwachsen werde.
Zahlreiche Stolpersteine
Und die planerischen Hürden, die das Vorhaben auf dem Weg zu einer Realisierung noch nehmen müsste, sind zahlreich. Die Gesamtplanung besteht aus mehreren eigenständigen Planungsverfahren mit unterschiedlichen Mitwirkungsverfahren und eigenen Rechtsmitteln: Quartierplan mit öffentlicher Auflage, Einzonung, Anpassung der Richt- und Nutzungsplanung, Mehrwertausgleich, auch ein Gestaltungsplan sind Stichworte dazu.
Für den Stadtrat besteht eine reelle Chance, dass das Vorhaben nicht nur weiter verzögert würde, sondern letztlich auch an der Urne scheitern könnte.
Hohe Planungskosten
Und dann sind da noch die Kosten. Bis heute hat die Stadt gesamthaft 1,334 Millionen Franken in die Planung gesteckt. Die bisher gesprochenen Kredite sind nahezu aufgebraucht.
Würde das Vorhaben weiterverfolgt, kämen nach Schätzung des Stadtrats Auslagen in Höhe von 115’000 bis 250'000 Franken hinzu. Und das bei ungewissem Ausgang. «Wir müssen auch das Absturzrisiko abwägen», meint der Bauvorstand.
Platz für zusätzliche 5000 Einwohner
Ein wichtiger Punkt bei der Absage an eine Eschenbüel-Einzonung ist für Feldmann, dass die Stadt Uster auch ohne Überbauung dieses Gebiets die vom Kanton geforderte «Aufnahmekapazität» erreicht. So verlangt das Raumordnungskonzept, dass Uster Platz für 42'000 Einwohner nachweisen können muss. Aktuell hat die Stadt etwas über 37'000 Einwohner.
«Mit Aufzonungen im Rahmen der Bau- und Zonenordnung sowie den bestehenden Ausnützungsreserven ist diese Zahl erreichbar», erklärt der Bauvorstand. Diese Innenverdichtung sei übers ganze Stadtgebiet möglich. «Es kommt gar nicht so sehr auf einzelne Zonen an», meint Feldmann, «früher wurde generell viel lockerer gebaut als heute.» Hinzu komme noch die laufende Verdichtung im Zentrum.
Parlament muss entscheiden
Aus all diesen Gründen will der Stadtrat nun die ganze Übung abbrechen. Ob das Parlament das auch so sieht, wird sich weisen müssen. Immerhin stand in der langen Planungszeit jeweils ein Grossteil der Politiker hinter dem Vorhaben. Doch mittlerweile hat sich die parteipolitische Zusammensetzung geändert, und die Gewichte haben sich mehr in Richtung links-grün verschoben.
Der Stadtrat verhehlt nicht, dass auch die sogenannte Verfahrensausleitung Risiken birgt. Ein Quartierplan kann nicht einfach abgebrochen werden, sondern muss ausgeleitet werden. Und dazu muss letztlich auch der Kanton seinen Segen geben. Die Stadtplanung schätzt die Kosten für diese Ausleitung auf 50'000 Franken. Wird das Eschenbüel zur Planungsleiche, müsste die Stadt mit dessen Beerdigung insgesamt Aufwendungen von 1,4 Millionen Franken abschreiben.
«Wir werden sehen, ob das Ausleitungsverfahren ein grosses politisches Potenzial hat», meint Feldmann. Er verortet es jedenfalls nicht auf dem Links-rechts-Schema. Das Geschäft ist für die Gemeinderatssitzung vom 25. März traktandiert. Es könnte aber auch erst am 13. Mai behandelt werden.
Rekurse von den Grundeigentümern?
Gegen eine Ausleitung könnten die über 20 Grundeigentümer im Eschenbüel Rekurs einlegen. Schadenersatzpflichtig wird die Stadt gegenüber den Landbesitzern in den Augen Feldmanns nicht. «Einerseits haben sie bisher nichts an die ganze Planung bezahlt. Andererseits haben sie auch keinen Anspruch auf einen erfolgreichen Abschluss des Verfahrens und damit eine Einzonung ihrer Grundstücke als Bauland.»
Reserve für kommende Generationen
Auch wenn die nun bald 20-jährige Planung fürs Eschenbüel abgebrochen würde: Das ganze Gebiet soll weiterhin in der Reservezone bleiben. Uster verfügt heute über elf solche über das ganze Stadtgebiet verteilte Reservezonen.

Das Eschenbüel und das Grossriet sind die weitaus grössten. Letzteres wird allerdings im Rahmen der Zonenplanrevision der Landwirtschaftszone zugewiesen werden müssen, wie der Stadtrat festhält. Das ist eine Folge der Annahme der Kulturlandinitiative.
Alle anderen sollen aber weiterhin in diesem Schwebezustand zwischen Landwirtschafts- und Bauland bleiben. «Gebiete in Reservezonen stellen eine strategisch bedeutsame Chance für die Stadtentwicklung dar», schreibt die Exekutive. Damit werde auch künftigen Generationen ein Planungsspielraum eingeräumt.
Die Planungsgeschichte
7. November 2005
Der Gemeinderat beauftragt den Stadtrat, für die Reservezonen Eschenbüel/Rüti Nutzungsvorstellungen auszuarbeiten.
22. Mai 2007
Der Gemeinderat genehmigt die Nutzungsvorstellungen samt Richtlinien für die zukünftige Gebietsentwicklung: Die Stadt soll südlich der Bahnlinie mit einer ökologischen Überbauung erweitert werden.
29. Januar 2008
Der Stadtrat leitet Quartier- und Gestaltungsplanverfahren Eschenbüel ein; in einem städtebaulichen Wettbewerb wird ein Planungsteam ausgewählt.
2010/2011
Es finden zwei Grundeigentümerversammlungen im Rahmen des Quartierplanverfahrens statt.
2012
Mit der Annahme der Kulturlandinitiative erlässt die kantonale Baudirektion ein vorübergehendes Einzonungsverbot. Die Planungsvorlage Eschenbüel wird sistiert.
2016
Wiederaufnahme des Planungsverfahrens.
2018
Dritte Vorprüfung des Projekts durch den Kanton.
18. Juli 2018
Der Bezirksrat rügt den Stadtrat, bei der Planung Eschenbüel seine finanziellen Kompetenzen überschritten zu haben.
Dezember 2020
Vierte Vorprüfung des Projekts durch den Kanton.
1. Januar 2021
Das seit Mai 2019 wegen des Mehrwertausgleichsgesetzes bestehende erneute Einzonungsverbot wird aufgehoben.
April 2021
Das Projekt wird wegen fehlender Ressourcen bei der Stadt Uster zurückgestellt.
Februar 2024
Der Stadtrat stellt dem Gemeinderat den Antrag, die Planungsarbeiten abzubrechen.
