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Zürichs Sprung zum Stadtstaat

Vor 600 Jahren sicherte sich Zürich die Grafschaft Kyburg. Ein historischer Blick zurück in die Vergangenheit.

Fürstensitz und Landvogtei: die Kyburg in einer Ansicht aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Die Anlage wurde in zürcherischer Zeit ausgebaut; vor der Brücke liegt die Kapelle, wo die Jahrzeit der Gräfin von Toggenburg gestiftet wurde.

aus: Ehrenspiegel des Hauses Österreich von Johann Jakob Fugger, 1555

Zürichs Sprung zum Stadtstaat

Schloss Kyburg bei Illnau-Effretikon

Vor 600 Jahren sicherte sich Zürich die Grafschaft Kyburg – gegen den Willen der Burgherren. Die Zürcher Herrschaft reichte damit plötzlich bis zum Rheinfall.

Peter Niederhäuser

Der 9. Februar 1424 war für Zürich ein besonderer Tag: Nicht weniger als sechs Urkunden wurden von König Sigismund von Luxemburg in Ofen (Budapest) ausgestellt. Sie erlaubten dem Zürcher Rat eine massive Ausweitung seines Einflusses. Zwei weitere, ein paar Tage später datierte Schriftstücke geben zudem einen Einblick in die Hintergründe. Mehrere hundert Gulden gingen nämlich als «Dankesgeld» an den König und dessen Kanzlei – ein Handwerker verdiente vielleicht zwei bis drei Dutzend Gulden im Jahr.

Geld und Aufwand zeigen, dass es sich bei diesem Geschäft um eine höchst politische Angelegenheit handelte. Dank den am 9. Februar verfassten Königsbriefen übernahm Zürich Anfang Juni 1424 Schloss und Grafschaft Kyburg und vergrösserte sein Territorium auf einen Schlag bis vor die Tore Schaffhausens.

König Sigismund räumte Zürich auch das Recht ein, Herrschaftsgebiete entlang der Handelsroute zwischen Zürichsee und Walensee zu erwerben. Was im Fall von Kyburg gelang, scheiterte dort aber – das Vorgehen Zürichs war offensichtlich nicht unbestritten. Der 9. Februar 1424 wirft deshalb ein Schlaglicht auf die politischen Hintergründe der damaligen Zeit.

Eine Gräfin als Burgherrin

Als Erbe der Kyburger übernahm Rudolf von Habsburg 1264 die Kyburg. Seither und bis heute bezeichnen sich die Habsburger auch als Grafen von Kyburg. Trotz der Grösse der Grafschaft und der stattlichen Burganlage wussten die Fürsten aber wenig mit der Kyburg anzufangen.

Wie andere Herrschaftsgebiete wurde dieses im 14. Jahrhundert an Adlige verpfändet, 1384 kam es an die Grafen von Toggenburg. Nach Streitigkeiten um das familiäre Erbe zwischen dem letzten Grafen Friedrich und dessen Cousine Kunigunde ging die Kyburg 1402 an Letztere. Sie war mit dem Grafen Wilhelm von Montfort verheiratet und hielt sich oft in dessen Residenz Bregenz auf, während Amtsleute die Herrschaft Kyburg verwalteten.

Mit den Appenzellerkriegen und anderen Konflikten änderte sich ab 1400 die Situation in der Ostschweiz. Nachdem Zürich lange Zeit vor allem an der Handelsroute Richtung Graubünden interessiert war, begann die Stadt ihre Fühler auch in andere Richtungen auszustrecken und war dabei nicht allein. Die Stadt Konstanz, der Ort Schwyz und Adlige wie Graf Friedrich von Toggenburg suchten ebenfalls die Krisen und die zeitweilige Schwäche Habsburgs auszunutzen.

Eine Karte zeigt die Grafschaft Kyburg.
Mit dem Erwerb der Grafschaft Kyburg baute die Stadt Zürich ihren Einfluss bis an den Rheinfall aus. Anfänglich umfasste die Landvogtei auch Gebiete südlich der Glatt.

Ein Indiz für die neue Orientierung Zürichs war ein scheinbar belangloser Streit, bei dem Zürich Wilhelm von Montfort gefangen nahm. Bei seiner Freilassung im März 1412 musste er schwören, nicht mehr auf der Kyburg zu wohnen und keine Ansprüche auf die Grafschaft zu erheben. Da seine Frau Kunigunde von Toggenburg Burgherrin und Inhaberin der Herrschaft war und das einzige Kind des Ehepaars kurz zuvor geheiratet hatte, suchte sich Zürich in Sachen Kyburg offensichtlich in eine gute Ausgangslage zu bringen.

Als der habsburgische Landesherr Herzog Friedrich auf dem Konstanzer Konzil 1415 von König Sigismund ins Abseits manövriert wurde und seine Länder verlor, spitzte sich die Frage der Besitzrechte weiter zu. Der König trat grosszügig – und gegen viel Geld – habsburgische Herrschaftstitel an seine Verbündeten ab, nicht ohne später seinem Rivalen Friedrich eine Rückgabe in Aussicht zu stellen. Von dieser Schaukelpolitik profitierte Zürich, das als Reichsstadt und als wichtiger Geldgeber des Königs einen besonderen Draht zu Sigismund besass. Im Frühling 1418 stand die Übernahme der Kyburg erstmals zur Diskussion, scheint aber an der Höhe der Entschädigung gescheitert zu sein.

Machtpolitisches Pokern

Anfang 1424 nahm Zürich einen zweiten Anlauf. Kurz vorher war Wilhelm von Montfort gestorben. Damit stand das Erbe der Gräfin von Toggenburg in absehbarer Zeit zur Diskussion. Gleichzeitig verlangte Herzog Friedrich seine verlorenen Gebiete zurück und trat die Stadt Konstanz in der Ostschweiz immer mehr als Rivalin Zürichs auf.

Angesichts dieser Umstände wollte der Rat der Limmatstadt Fakten schaffen. Man liess sich am 9. Februar 1424 in Ofen einen Blankoscheck ausstellen, um sich zwei für Zürich wichtige Herrschaftskomplexe zu sichern. Gräfin Kunigunde von Toggenburg wurde mit den königlichen Urkunden vor vollendete Tatsachen gestellt. Sie bot schliesslich Hand für eine geregelte Übergabe und quittierte Zürich am 1. Juni 1424 die Zahlung der beträchtlichen Pfandsumme von 8750 Gulden. Ihr Cousin Friedrich von Toggenburg hingegen lehnte die Zürcher Ansprüche auf das Gebiet zwischen Ober- und Walensee erfolgreich ab.

Urkunde vom 9. Februar 1424.
Ein Blankoscheck für die Zürcher Machtpolitik: König Sigismund erlaubt am 9. Februar 1424 der Limmatstadt die Übernahme der Grafschaft Kyburg.

Mit der Kyburg vergrösserte Zürich gegen Norden seinen Einflussbereich um ein Vielfaches. Allerdings konnte erst 1432 mit Konstanz die heute noch gültige Grenze zwischen den Landgrafschaften Kyburg und Thurgau fixiert werden. Kyburg wurde zur mit Abstand grössten und wichtigsten Vogtei. Habsburg vergass aber keineswegs seine Ansprüche. Es verzichtete zwar nach dem Alten Zürichkrieg in Aufrechnung von Schulden 1452 auf die Kyburg. Diese blieb aber habsburgisches Pfand.

Und auch in einer anderen Beziehung bedeutete der Übergang an die Limmatstadt keinen Bruch. Als nämlich Kunigunde von Toggenburg die Kyburg übergab, stiftete sie in der heutigen Dorfkirche eine Jahrzeit für sich und ihren verstorbenen Mann und verpflichtete so die Einwohnerinnen und Einwohner zum jährlichen Gebet für die früheren Burgherren, die 1424 die Kyburg alles andere als freiwillig an Zürich abtreten mussten.

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