So geht es Frauchigers vier Jahre nach dem Grossbrand im Unteren Wolfsberg
Brand in Bauma
Auch mehrere Jahre nach dem Grossbrand im Weiler Unterer Wolfsberg ist noch nicht alles beim Alten. Doch die Familie ist auf dem Weg dorthin. Die Redaktion hat sie vor Ort besucht.
Wer heute nichtsahnend die schmale Strasse von Bauma zum Unteren Wolfsberg hochfährt, könnte sich im Traum eines Bauern wähnen. Das Holz der Häuser ist noch gänzlich unverwittert, aus dem geräumigen Stall tönt das Muhen der Kühe, die Baukräne über den Nachbargebäuden versprühen Aufbruchstimmung.
Es ist der Traum von Landwirt Remo Frauchiger und seiner Frau Christina. Doch wer die ganze Geschichte vom Bauernhof im Baumer Weiler kennt, weiss, dass es keinerlei Grund gibt, neidisch zu sein.
Vier Jahre ist es inzwischen her, dass ein Grossbrand während Sturm «Sabine» praktisch den ganzen Weiler zerstörte. Fünf Gebäude brannten bis auf die Grundmauern nieder. Für die Familie war schnell klar: Sie will alles wieder aufbauen, was das Feuer zerstört hat.
Ein Zuhause für Mensch und Tier
Gut anderthalb Jahre nach dem Spatenstich scheint sich vieles zum Guten gewendet zu haben. Doch: «Von Normalität kann keine Rede sein», sagt Remo Frauchiger. Noch nicht.
Durch den Planungsstress blieb vieles liegen, noch immer müssen einzelne Dinge an Haus und Hof ausgebessert werden, das Telefon klingelt mehrmals am Tag. Noch ein, zwei Monate, dann wird es ruhiger, davon sind Frauchigers überzeugt.
Und doch. Wer das helle Holzhaus betritt, am Küchentisch Platz nimmt und sich umsieht, erkennt: Die junge Familie hat jetzt das zurück, was ihr die Flammen geraubt haben – ein richtiges Zuhause. Auch wenn noch nicht alles fertig eingerichtet ist.
«Ich würde mir gerne mehr Zeit dafür nehmen, aber habe fast immer Dringenderes zu tun», sagt Christina Frauchiger. Immerhin: So lässt sie sich weniger zu Schnellkäufen verleiten.

Ihr neues Heim konnte die Familie einen Tag vor Weihnachten beziehen. Zuvor wohnte sie einige Monate bei Remo Frauchigers Schwester in Wald, später dann in einer provisorischen Holzhütte auf dem Hof.
«Die Freude in unserem Umfeld ist riesig», sagt Frauchiger. Und auch der kleine Aschi, mittlerweile dreijährig, scheint angekommen zu sein, schwirrt leichtfüssig über den hellen Parkettboden, plappert fleissig.
Im Gegensatz zu ihrem neuen Zuhause steht das der Kühe, der Stall, bereits seit letztem Juni. «Er hatte oberste Priorität, damit sie wieder heimkommen können», erzählt Christina Frauchiger.
Während des Wiederaufbaus kamen einige Tiere auf anderen Höfen unter, die Milch konnten die jeweiligen Landwirte in dieser Zeit behalten. Die restlichen Kühe kamen in einem Provisorium im Weiler unter. Dort wirtschafteten Frauchigers fast wie zu Gotthelfs Zeiten – rund eine Tonne Futter verteilten sie am Tag, per Hand.
Streit um Wiederaufbau
Zum kräftezehrenden Alltag gesellten sich mentale Belastungen hinzu. Nicht nur für das Paar selbst, sondern auch für sein Umfeld. «Wir waren alle kollektiv am Warten», beschreibt es die 31-Jährige. Warten zum Beispiel auf das Okay zu Baueingaben.
«Und kaum war man mal zuversichtlich, kam der nächste Rückschlag», ergänzt ihr Mann. So etwa der Clinch mit der Gebäudeversicherung.
Sie wollte nur den Verkehrswert des abgebrannten Stalls ersetzen. Grund: Frauchigers wollten ihn nicht am ursprünglichen Ort, sondern auf der Wiese unterhalb des bestehenden Hofs wiederaufbauen. Und sie entschieden sich nicht für einen Anbindestall, sondern für einen moderneren Laufstall.
Hintergrund ist das Gesetz über die Gebäudeversicherung. Es sieht eine Vergütung des vollen Versicherungswerts nur dann vor, wenn das Gebäude am ungefähr gleichen Ort zum gleichen Zweck innerhalb von zwei Jahren mindestens im Rohbau wiederaufgebaut ist.


Da das am Unteren Wolfsberg nicht zutrifft, hat das Paar nach langwierigen Verhandlungen auf das Versicherungsgeld für den Stall verzichtet. Im Gegenzug hat es den vollen Versicherungswert der abgebrannten Wohnhäuser erhalten.
Eine tragende Rolle beim Wiederaufbau spielten aber auch die zahlreichen Spenden, die die Familie nach dem Brand erhielt. Über eine Million Franken sind insgesamt auf dem Spendenkonto eingegangen, das die Gemeinde Bauma nach der Katastrophe eingerichtet hatte.
Die Gebäude der Nachbarin sind aktuell noch im Bau – daher die Baukräne auf dem Hof. «Weder der moderne Stall noch das Haus wären ohne Spenden machbar gewesen», betont Remo Frauchiger.
Um etwas zurückzugeben, will die Familie im Lauf des Jahrs einen «Tag der offenen Hoftür» organisieren. Teil davon soll auch die Einweihung einer öffentlichen Erinnerungsstelle sein, einer Art Denkmal. Denn das Schicksal der Frauchigers hat sich auch im kollektiven Gedächtnis der Gemeinde festgesetzt.
Der Wind weckt Erinnerungen
Bleibt die Frage, wie das Landwirtepaar die Katastrophe hinter sich lassen kann. Respektive ob das überhaupt möglich ist. «Man muss das Trauma loslassen können, und das braucht Zeit», sagt Christina Frauchiger.
Zeit, die sie sich zu wenig nimmt, wie sie einräumt – auch am Jahrestag. «Man schwatzt vielleicht kurz mit der Nachbarin darüber, aber schliesslich ist es ein Tag wie jeder andere.» Manchmal würden sie ihn sogar vergessen.

Nicht der 10. Februar ist es, der Verdrängtes wieder hervorbringt und hie und da für ein flaues Gefühl im Magen sorgt. Es ist ausgerechnet der Wind, der am Unteren Wolfsberg omnipräsent ist. «Wenn es windet, sind wir alle angespannt, und ich würde am liebsten wegfahren», erzählt die junge Frau. Sie habe Wind ohnehin nie gemocht. Auch vor dem Brand nicht.
Und die nächste Herausforderung wartet schon: «Irgendwann müssen wir Aschi erklären, was damals passiert ist.» Dabei helfen sollen Fotos und Videos, die Christina Frauchiger mit diesem Gedanken im Hinterkopf aufgenommen hat.
Dazu das Credo, keine Energie in die Frage nach dem «Was wäre, wenn?» zu verschwenden. «Alles andere», sagt sie, «ist einfach eine Geschichte. Das Leben. Rauf und runter.»
