Bezirk Hinwil

Bezirk Pfäffikon

Bezirk Uster

Tösstal

Themen

Specials

Services

ZO Portale

Abo

Gesellschaft

Kostenlose Abgabe von Lebensmitteln – eine dreifach gute Sache

Für Menschen mit begrenzten finanziellen Mitteln, gibt «Tischlein deck dich» dienstags Lebensmittel ab. Ein Angebot, das gut genutzt wird.

Nicht gebrauchte und dennoch einwandfreie Lebensmittel werden oft grundlos weggeschmissen – das Angebot von Tischlein deck dich wirkt nicht nur dem Food Waste entgegen, sondern ermöglicht es Menschen mit wenig finanziellen Mitteln, Lebensmittel zu beziehen.

Foto: Marie Fredericq

Kostenlose Abgabe von Lebensmitteln – eine dreifach gute Sache

Tischlein deck dich im Oberland

Immer mehr Personen in der Schweiz sind von Armut betroffen. Damit steigt die Nachfrage nach Unterstützungsangeboten wie die Lebensmittelabgabe – auch im Oberland.

«Bereits um 7 Uhr morgens stehen manchmal Bezüger mit ihren Einkaufswägeli vor der Tür», sagt Andrea Brunner, Pfarrerin in der Evangelisch-methodistischen Kirche Uster. Wofür die Leute bereits drei Stunden anstehen, ist klar – sie warten auf die wöchentliche Lebensmittelabgabe der Organisation Tischlein deck dich.

Einmal wöchentlich werden per Lieferwagen Lebensmittel vom Winterthurer Hauptquartier in die Kirche geliefert, um Menschen mit wenig finanziellen Mitteln die Möglichkeit zu bieten, fast gratis Lebensmittel zu beziehen.

Arm in einem reichen Land

«Manchmal reicht es einfach nicht», so Brunner. Gerade Familien mit vielen Kindern oder Personen mit Flüchtlingsstatus seien schlechter gestellt. Aber auch Unfälle oder andere Schicksalsschläge können dazu führen, dass das Geld Ende Monat knapp ist. «Obwohl viele Menschen arbeiten, sind sie immer noch unter der Armutsgrenze.»

Armut in der Schweiz

Laut Caritas Schweiz gelten in der Schweiz rund 745’000 Personen als arm (Stand 2021). Diese Zahl inkludiert Kinder, nicht erwerbstätige sowie erwerbstätige Personen und Pensionierte. Eine armutsbetroffene Familie mit zwei Kindern hat gemäss Caritas im Durchschnitt im Monat 3989 Franken zur Verfügung. Zu den sogenannten «Working Poor» gehört man, wenn man trotz Arbeitstätigkeit nicht genug zum Leben hat: für angemessenen Wohnraum, für Krankenkassenprämien, für etwaige Zusatzausgaben wie den Zahnarztbesuch. Laut Caritas Schweiz sind hierzulande 157'000 Menschen betroffen.

«Armut ist in der reichen Schweiz ein Tabuthema», erklärt Rémy Beusch, Mitarbeiter beim Verein Diakonie Uster für alle und Tagesleiter bei der Abgabestelle Uster von Tischlein deck dich. Er ist seit Jahren in der Region tätig und hat im Rahmen seiner Arbeit in der niederschwelligen Sozialbegleitung vor allem mit Menschen zu tun, die es finanziell schwieriger haben.

«Manchmal braucht jemand nur für kurze Zeit Unterstützung, beispielsweise nach einer Trennung. Andere kommen seit Jahren, weil sie etwa den Anschluss im Arbeitsleben nicht mehr finden.»

Um ebendiese Menschen zwar nicht mit Geld, aber mit Lebensmitteln zu unterstützen, gibt es das Angebot von Tischlein deck dich. Die Organisation bekommt von der Evangelisch-methodistischen Kirche Uster die Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt – losgelöst von einem religiösen Gedanken. Bereits seit zwölf Jahren gibt es die Lebensmittelausgabe in Uster.

Uster ist nur eine von sieben Abgabestellen im Oberland. Das Angebot der Lebensmittelabgabe werde auch in der Region stetig mehr genutzt. Im Jahr 2021 stellte die Organisation in der Region gerettete Lebensmittel für insgesamt 41’800 Personen zur Verfügung.

«Das entspricht durchschnittlich rund 850 Einzelpersonen und ihre Familien, die Woche für Woche im Zürcher Oberland Essen von den Abgabestellen erhielten», erklärt Dina Hungerbühler, Leiterin Kommunikation bei Tischlein deck dich. Bis im Jahr 2023 stieg diese Anzahl Personen auf 51’400 und damit rund 1040 Einzelpersonen und ihre Familien pro Woche.

Wo und wie sich das Tischlein deckt

Tischlein deck dich ist die erste Organisation der Schweiz, die nicht gebrauchte, aber intakte Lebensmittel sammelt und an Menschen abgibt, die wenig finanzielle Mittel haben. Im Jahr 2023 konnte sie 7200 Tonnen einwandfreie Lebensmittel retten und damit Armutsbetroffene in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein versorgen.

Die Organisation finanziert sich ausschliesslich über Spendengelder von Partnern, Stiftungen, Kirchen, Vereinen und Privatpersonen. Diese unterstützen mit Lebensmitteln oder finanziellen Spenden. Wenn Sie Lebensmittel oder Geld spenden möchten oder ebenfalls gerne in der Freiwilligenarbeit tätig werden wollen, finden Sie alle Informationen dazu unter tischlein.ch

Tischlein deck dich wurde 1999 gegründet und ist seither auf 158 Abgabestellen gewachsen. Im Oberland gibt es solche Stellen neben Uster auch in Effretikon, Hinwil, Pfäffikon, Schwerzenbach, Volketswil, Wald und Wetzikon.

«Ich bin sehr froh über das Unterstützungsangebot», erzählt eine Bezügerin. «Auch wenn die Lebensmittel nicht für eine ganze Woche reichen, gerade bei einer grossen Familie, hilft uns das sehr.» Rund 60 Personen kommen wöchentlich in der evangelisch-methodistischen Kirche Uster vorbei, um die Lebensmittelabgabe zu nutzen.

«Es ist eine dreifach gute Sache: Menschen mit beschränkten finanziellen Mitteln bekommen Nahrungsmittel, Helfende können freiwillig sinnvolle Arbeit leisten, und man wirkt dem Food Waste entgegen», so Pfarrerin Andrea Brunner.

Gleiche Chancen für alle

Wer bei der Abgabestelle in Uster Lebensmittel beziehen darf, ist klar geregelt. Anders als bei alternativen Angeboten, müssen sich Bezüger anmelden und von einer befähigten Stelle (beispielsweise beim Sozialamt) nachweisen, dass sie auf das Angebot angewiesen ist.

Ob die Aufnahmekriterien noch aktuell sind, werde jährlich überprüft. Anschliessend bekommen die Bezüger eine Art Mitgliederkarte, auf welcher vermerkt ist, wie viele Personen im Haushalt zu verpflegen sind.

Denn die Sache mit der Verteilung ist gar nicht so einfach. «Anders als im Lebensmittelgeschäft werden die Bezüger durch den vorbereiteten Raum begleitet, und die Nahrungsmittel werden von den Freiwilligen abgegeben», erklärt Brunner.

In der Kirche Uster können Bezüger mit wenig finanziellen Mitteln fast gratis Lebensmittel abholen.
Die Lebensmittel werden von den Freiwilligen portioniert, um für Fairness zu sorgen. Je nachdem, wie viele Personen im Haushalt zu verpflegen sind, können Bezüger pro Bezugskarte eine oder mehrere Portionen nehmen.

Damit würde sichergestellt, dass eine faire Verteilung gewährleistet werde. Sind alle Bezüger durch, gibt es am Ende noch eine Überraschungsrunde für die übrig gebliebenen Waren. Wer warten möchte, kann dann am Schluss nochmal durch den Raum. «Unser Ziel ist, möglichst keine Lebensmittel wegwerfen zu müssen.»

Der symbolische Franken

«Es ist uns wichtig, niemanden zu bevorzugen. Jemand, der um 7 Uhr sein Wägeli vor der Türe hat, sollte keine Vorteile gegenüber jemandem haben, der erst um 10.30 Uhr kommt.» Ganz im Sinn der Fairness werden deshalb Nummern für die Reihenfolge gezogen. Eine Art Bingo, wer als Erstes dran ist.

Und so werden frisches Gemüse und Früchte, lang haltbare Dosenlebensmittel, Softgetränke, Grundnahrungsmittel wie Reis, Nudeln oder Mehl, aber auch Kartoffelmilch, Glace und Weihnachtsschokolade verteilt. Das Ganze kostet die Bezüger einen symbolischen Franken.

Etwas zurückgeben

Neben Lebensmittel- und Geldspenden lebt das Unternehmen vor allem auch von der Unterstützung von freiwilligen Helfern. Diese braucht es für den Auf- und Abbau sowie die Lebensmittelausgabe an die Bezügerinnen und Bezüger.

Die Freiwilligen kommen bereits frühmorgens, um die von Tischlein deck dich gelieferten Lebensmittel zu sortieren und im Saal alles vorzubereiten. Anschliessend werden die Bezüger von den Freiwilligen durch den Raum begleitet, und die Lebensmittel werden abgegeben.

In der Kirche Uster können Bezüger mit wenig finanziellen Mitteln fast gratis Lebensmittel abholen.
Die Abgabestellen von Tischlein deck dich sind auf die Arbeit der Freiwilligen angewiesen. Sie schmeissen den Laden.

«Ich wollte schon immer etwas in der Freiwilligenarbeit machen, wenn ich pensioniert bin», erzählt Maria Schäpper aus Uster. Sie hilft bereits seit acht Jahren bei Tischlein deck dich mit, jeweils zweimal im Monat.

Viele der Freiwilligen möchten ihre Zeit sinnvoll investieren, etwas der Gesellschaft zurückgeben. «Einer der Bezüger bringt um die Weihnachtszeit selbst gebackene Bretzeli mit», so Schäpper. «Es ist natürlich toll, wenn man merkt, dass die Arbeit geschätzt wird.»

Wie ich dir, so du mir

Die Bezüger der Lebensmittelabgabe in Uster sind selbstverständlich zu nichts verpflichtet – dennoch findet Tagesleiter und Stadtdiakon Rémy Beusch, dass es ein Geben und Nehmen sein sollte. «Ich will nicht als Helfer gesehen werden», sagt er.

Vielmehr wolle er einen Kreislauf der Nächstenliebe in Gang setzen. Dementsprechend gehe er in seiner Arbeit bald schon auf die Bezüger zu und frage, ob sie denn ihm bei etwas helfen könnten. Beispielsweise bei wohltätigen Veranstaltungen, in der Küche oder im Service.

«Viele freuen sich, wenn sie wieder etwas zur Gesellschaft beitragen können», so Beusch. Sie wollen etwas zurückgeben, sich auch beteiligt fühlen. «Genau so funktioniert meiner Meinung nach Integration.» Denn so hätten alle etwas davon, dass Gutes getan werde. Und das sei die Idee von Nächstenliebe – etwas Gutes für alle.

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.

Kontakt

Inserieren

Abo

Services

Über uns