So wird die Kirche Uster mit Worten «beslammt»
Poetry-Slam und Jesus
Wortakrobatik in einem reformierten Gotteshaus. Ein Wettstreit zwischen gestandenen Slam-Poetinnen und dichtenden Pfarrern. Ob das Konzept funktioniert?
Poesie trifft auf Theologie, Wortkunst auf rhythmisierte Predigt. Im Programm steht, es soll ein frecher und humorvoller Abend werden: Routinierte Slam-Poeten wie Valerio Moser oder Gina Walter werden auf Pfarrer und Pfarrerinnen treffen – sie werden miteinander und gegeneinander «slammen» und mit Wortakrobatik um sich werfen.
Der Ustermer Slam-Poet Jonas Balmer steht neben dem Taufstein und eröffnet den Abend mit den Worten «Ihr seht toll aus, und ich klinge gut». Seine Stimme habe noch nie so fest gehallt bei einer Veranstaltung.
Tatsächlich ist die Akkustik in der Kirche etwas gewöhnungsbedürftig. Balmer fügt an: «Und ich wollte schon immer einmal neben einem Steinhaufen auftreten.» Damit meint der junge Ustermer nicht das Taufbecken, sondern einen kleinen Hügel mit aufgetürmten Felsbrocken.

Schauplatz ist die reformierte Kirche in Uster, diese feiert ihr 200-jähriges Bestehen mit dem Thema Aufbruch. Deswegen die Steine. 70 Menschen sind in die Kirche gekommen, darunter viele Senioren, aber auch einige junge Köpfe sind im Publikum auszumachen.
Moderator Balmer führt gekonnt durch den Abend und erklärt zu Beginn die Regeln des Poetry-Slams. Man soll zum Beispiel bitte nicht buhen. «Aber das ist hier in diesem Haus wohl auch nicht so üblich.» Alle lachen. Der junge Ustermer war schon auf einigen Slam-Bühnen unterwegs.
Balmer erklärt auch, warum im Raum ein Flipchart steht. Diese soll als Gedankenstütze dienen. Denn das Publikum entscheidet am Ende mit der Lautstärke des Applauses, welches der Paare gewinnt. Vortragen tut man allein – gewinnen aber im Zweierpack. Somit haben natürlich auch die Preachers eine Chance, denn diese sind immer mit einem gestandenen Slam-Poeten in der Gruppe.
Humor verbindet, das spürt man an diesem Abend. Die Texte sind zum Teil anspruchsvoll poetisch gestaltet, zum Teil einfach zum laut Herauslachen. Zum Beispiel als Valerio Moser beschreibt, warum er jeden Abend freiwillig gegen den Schachcomputer verliert. «Natürlich könnte ich den Schwierigkeitsgrad herunterschalten – aber wer gewinnt schon gerne gegen jemanden, der absichtlich schlecht spielt?»





Auch ein gerührtes Tränchen kullert bei der einen oder dem anderen herunter, als Slam-Poetin Gina Walter von ihrem verstorbenen Kater erzählt, der ihr seit seinem Ableben noch immer überall begegnet. Walter beschreibt, wie sie sich dann selber auf dem Teppich zusammenrollt und die Welt aus der Sicht ihres verstorbenen Büsis erforscht.
Trifft man Jesus als Avatar
Preacher-Slammer Andreas Kessler überzeugt mit seiner witzigen Geschichte, wie er im Metaverse auf den digitalen Jesus trifft und mit ihm interagiert. Er habe da so einen Verdacht. Nämlich, dass Jesus nicht unbedingt derjenige sei, für den ihn alle halten. Dabei erkundet er auch die unaufgeräumte Werkstatt des Schreiners Jesus und fragt sich, ob der Sohn des Herrn wohl unter ADHS leide. Zum Schluss erhärtet sich Kesslers Verdacht: «Du findsch de Jesus, wo zu dir passt.»
Natürlich hört man bei den weniger routinierten Preacher-Slammern zum Teil auch noch heraus, dass sie es eher gewohnt sind, zu predigen. Sie lassen die eigene Person aus den Geschichten heraus, was eine gewisse Distanz herstellt.
Der Enkeltrick schafft Nähe
Nicht so die «professionellen Slamerinnen», wie zum Beispiel Julia Steiner, deren Text zum Schluss als «Enkeltrick» als Gedankenstütze aufs Flipchart geschrieben wird. Sie sucht bei ihrem Text zu schön geschriebenen Liebesbriefen einen neuen Partner. Einer, der so gut und romantisch schreibt wie der neunjährige Mauro damals.
Ein schwieriges Unterfangen, mit dem sie sich ganz offen ans Ustermer Publikum richtet. Wobei sie mit Blick in die Kirchenränge dann zögerlicher hinzufügt: «Also, sie sind ja hier alle etwas älter, vielleicht haben sie aber einen Sohn oder auch einen Enkel, der zu mir passen würde?»
Zum Schluss stehen auf dem Flipchart verschiedene Stichworte: Enkeltrick und Omi, Katzenleben und Zahnlücke oder Schachcomputer und Jesus. Diese sollen als Gedankenstütze dienen, damit sich die Zuschauerinnen und Zuschauer am Ende an die zwölf vorgetragenen Texte erinnern können.
Pfarrerin als Lokalmatadorin
«Die Kirche möchte Neues erfahren und mit neuen Formaten experimentieren», sagt Manuela Schäfer. Die Pfarrerin hat den Abend rund um die Wortakrobatik ins Leben gerufen. «Denn Worte spielen auch in einem Gotteshaus eine grosse Rolle.» Man wolle näher zum Publikum. «Von der Kanzel runterpredigen ist nicht mehr so zeitgemäss.» Die Idee des Preacher-Slams sei nicht neu, sagt Schäfer, die als «Slam-Einsteigerin» selber zum ersten Mal auftritt.

Sie hat das Format nach Uster gebracht. Es ist das erste Mal, dass ein Preachers-Poetry-Slam in der Region stattfindet. «Das Konzept stammt aus Basel, dort wurde es schon vor einigen Jahren von der Kirche aufgegriffen.» Schäfer ist seit zwei Jahren als Pfarrerin in Uster tätig, davor predigte sie im St. Galler Rheintal. Die Idee zum Slam in der Kirche trage sie schon seit einigen Jahren mit sich herum. «Doch erst jetzt fühlte sich die Zeit reif an.»
Das Publikum ist durchmischt – wenngleich die Mehrheit der Anwesenden schon eher über fünfzig ist. So auch der Senior Erich Werder aus Oberuster. «Es gab in letzter Zeit viele neue Pfarrerinnen und Pfarrer in Uster – wir möchten alle mal durchhören». Er und seine Frau haben in den vorderen Rängen Platz genommen. «Wir kennen diese Kunstform des Poetry-Slams nicht, sind aber sehr neugierig», sagt er mit strahlenden Augen.
Von Uster nach Zürich bringen
Zwei jüngere Frauen sitzen in der hinteren Reihe. Sie seien noch nie an einem Preacher-Slam gewesen. «Ich möchte hören, wie es ist, denn ich kenne Poetry-Slam nur von Youtube-Videos.» Nathalie Dürrmüller ist selber Pfarrerin in Höngg und möchte das Format nach Zürich bringen.
Sie ist mit einer Freundin angereist. Sie sei mitgekommen, weil sie die Mitteilung zum Event auf ihrem Höngger Kirchen-Whatsapp Channel gesehen habe. Für die beiden Frauen ist klar, dass man mit diesem Format auch ein jüngeres Publikum ansprechen könne.

Zu gewinnen gibt es dieses Mal keinen Whiskey. Dieser war früher in der Poetry-Szene als Siegertrophäe kaum wegzudenken. Stattdessen dürfen die Gewinner lokale Spezialitäten wie ein Quittensaft aus Freudwil und einen Gin aus der Zürichseeregion nach Hause tragen.
Das Auftrittspaar Kessler-Moser räumt ab, obwohl fast alle Zweiergespanne gleich viel Applaus ernten. Lokalmatadorin Schäfer ist zufrieden. Auch das ältere Ehepaar aus Oberuster sagt, sie würden wiederkommen, sie hätten sich königlich amüsiert.
Woher kommt dieses Format ursprünglich?
Die Veranstaltungsform entstand 1986 in Chicago und verbreitete sich in den 1990er Jahren weltweit. Der Begriff Poetry-Slam wird englisch ausgesprochen. Das Wort «slam» heisst eigentlich «schlagen». Sinngemäss lässt sich ein Poetry-Slam mit «Dichterschlacht» oder «Dichterwettstreit» übersetzen.
