Zwischen Aufgeben und Auflehnen auf dem Atzmännig
Räumung wegen Hochwassergefahr
Bis Mai 2025 müssen 74 Parzellenmieter des Campings Atzmännig ihre Plätze räumen. Viele sind seit Jahrzehnten hier und verlieren damit ihr zweites Zuhause. Jetzt wehren sie sich.
«Nach 50 Jahren ist man hier einheimisch, kennt Land und Leute», sagt Daniel Maurer aus Richterswil. Er gehört zu den Campern, die den Camping Atzmännig am längsten nutzen – seine Eltern mieteten die Parzelle 1974 an, da war er gerade einmal vier Jahre alt. «Und jetzt sollen wir all diese Erinnerungen zurücklassen, die wir hier als Kinder gemacht haben.»
Die Tage der Parzellenmieter des unteren Teils des Campingplatzes sind gezählt. Wegen eines zu schmalen Bachabflusses besteht Hochwasserrisiko, der Kanton St. Gallen hat deshalb entschieden, dass Campieren nicht mehr möglich ist. Bei starken Regenfällen könnte es laut Gutachten alle 300 Jahre (HQ300) zu Überschwemmungen kommen und der Wasserpegelstand auf 4,5 Meter steigen – und damit den gesamten unteren Campingplatz überfluten. Betroffen sind 74 Stellplätze.
Am Freitagmorgen hatte die Sportbahnen Atzmännig AG die betroffenen Mieterinnen und Mieter über den definitiven Entscheid der Gemeinde informiert. Damit platzt der Traum vieler Camper, ihre Parzellen nahe am Goldingerbach erhalten zu können.
Und nun müssen die betroffenen Stellplätze bis Mai 2025 geräumt werden, an denen Erinnerungen hängen, in die viel Herzblut und zig Arbeitsstunden investiert wurden. «Meine Kinder sind die dritte Generation hier. Es wäre traumhaft gewesen, hätten auch die Enkel das noch erleben dürfen», sagt Maurer.
Heute ist er 54 Jahre alt, hat in der Lehre die Parzelle seiner Eltern übernommen, ein Häuschen aufgebaut, immer wieder investiert.

Er will sich mit dem Entscheid des Kantons nicht zufriedengeben, will um sein zweites Zuhause kämpfen. Deshalb hat er Rekurs bei der Gemeinde Eschenbach eingelegt, indem er um die erneute Abklärung der Sache bittet.
Es muss Alternativen geben
Unter anderem schlägt er vor, die Renaturierung des alten Wasserfalls mit den dahinter liegenden Rückhaltemöglichkeiten im oberen Bereich des Goldingerbachs zu prüfen. Seiner Meinung nach würde dies eine Überschwemmung verhindern oder dämmen, wodurch das Risiko vermindert würde und eine Räumung nicht nötig wäre.
Des Weiteren schreibt er in seinem Rekurs: «Falls alle Stricke reissen, sollten wenigstens die erst jetzt in Kenntnis gesetzten Parzellenmieter eine längere Übergangsfrist zur Räumung erhalten.» Die jetzige Situation will er nicht akzeptieren.
Dass es so schnell vorbei sein soll, ist schon heftig.
Roland Kessler, Turbenthal
Mieter auf dem Campingplatz Atzmännig seit 2007
Damit ist er nicht allein: In einem weiteren Schreiben melden sich knapp 30 Camper zu Wort. «Wir erwarten hiermit eine konstruktive Kooperation zwischen der Gemeinde Eschenbach und der Atzmännig AG zum Wohle der Benutzer und zum Erhalt der Campingplätze 1–74», steht im Rekurs geschrieben. «Unser Ziel ist ganz klar der Erhalt der Plätze. Und falls das nicht möglich ist, immerhin eine Fristverlängerung», sagt Roland Kessler aus Turbenthal. Er vertritt die Campergemeinschaft im Schreiben. Er selbst hat seit 2007 seinen Wagen auf dem Platz, seine Kinder ebenso.
«Natürlich wussten wir, dass etwas im Gange ist. Aber dass es so schnell vorbei sein soll, ist schon heftig.» Deshalb verlangt er von der Gemeinde, vom Kanton und von der Sportbahnen Atzmännig AG, die Bedürfnisse der Camper ernst zu nehmen und nach einer gemeinsamen Lösung zu suchen.
Rekurrieren oder rauszögern
Ob der Rekurs der Mieter etwas bewirken wird, steht aktuell noch in den Sternen. «Grundsätzlich haben betroffene Mieter auch das Recht, Rekurs einzulegen, nicht nur der Grundbesitzer, in diesem Fall die Sportbahnen Atzmännig AG, selbst», erklärt Niklaus Eichbaum, Leiter der Rechtsabteilung Bau- und Umweltdepartement beim Kanton St. Gallen. Die Rekurslegitimation müsse aber jeweils im Einzelfall geprüft werden.
Die Sportbahnen Atzmännig AG werde voraussichtlich auf den Gebrauch des Rechtsmittels verzichten. «Wir sehen darin nur eine Verschiebung der unumgänglichen Räumung», erklärt Geschäftsführer Roger Meier. Daran sei das Unternehmen nicht interessiert – und auch für die Mieter würde sich eine erneute Frist ergeben und die Sache weiter hinauszögern. Zudem seien die Erfolgschancen eher gering. Für den Unmut und die Trauer der Mieter um ihre Plätze bringt Meier «vollstes Verständnis» auf.
Eine geballte Ladung Emotionen
Manche Mieter würden die am Freitag veröffentlichte Information akzeptieren, andere seien emotional stark angeschlagen. «Am Freitag mussten Kinder und Enkel hochkommen, weil manche Mieter nicht aufhören konnten zu weinen», so Meier. Einige der Camper seien den Grossteil ihrer Zeit auf dem Platz, wohnten quasi auf dem Atzmännig.
«Das sind Lebensfreundschaften, die über die Jahre auf dem Platz entstanden sind. Wir verstehen, dass da Schicksale, Lebensgeschichten und Erinnerungen dranhängen.» Dementsprechend seien die Emotionen mehr als verständlich.
Dennoch sehe er keine Alternative zur Räumung. Die Vergrösserung des Tunneldurchlasses würde über zwei Millionen Franken kosten, 2027 kommt der einheitliche Gewässerschutzabstand. Und dann müssten ohnehin Dutzende Stellplätze geräumt werden. Weiter besitzt die Sportbahnen Atzmännig AG keine zusätzliche Fläche, wohin die Mieter ausweichen könnten. «Viele Mieter wären bereit, das Risiko einer Überschwemmung auf sich zu nehmen und sogar einen Rekursverzicht zu unterschreiben», sagt er. «Aber das wird aus rechtlicher Sicht für den Kanton wohl keine Rolle spielen.»
Wir verstehen, dass da Schicksale, Lebensgeschichten und Erinnerungen dranhängen.
Roger Meier
Geschäftsführer der Sportbahnen Atzmännig AG
Mit der Teilräumung des Campingplatzes kommen auf die Sportbahnen Atzmännig AG auch finanzielle Einbussen zu. Die Einnahmen durch die Jahresmieten liegen insgesamt bei etwa 150'000 Franken. Entsprechend werde sich das Unternehmen bereits jetzt Gedanken darüber machen, wie der Platz nach der Räumung genutzt werden könne, da es weiterhin Intensiverholungszone Tourismus sei.
Nun gehe es aber erst einmal um die betroffenen Mieter. «Wir verstehen, dass der Entscheid hart ist. Wir konnten die Räumung zumindest bis Mai 2025 aufschieben. Da endet aber auch unser Spielraum.»
Es mangelt an alternativen und günstigen Standplätzen
Der Campingplatz der Sportbahnen Atzmännig AG bewegt sich bei seinen Platzmieten im preisgünstigen Segment: Pro Quadratmeter bezahlt man hier 25 Franken, was eine Jahresmiete von 1800 bis 2800 Franken ergibt.
Erst vor wenigen Monaten schloss der Campingplatz in Auslikon am Pfäffikersee seine Tore, im Umkreis gibt es nur wenige Alternativen. Zudem gibt es nur wenige Ganzjahresplätze, viele Angebote decken ausschliesslich die Sommersaison. «Freunde von mir sind seit Jahren auf Wartelisten», so Daniel Maurer, Mieter auf dem Campingplatz. Er hat wenig Hoffnung, einen vergleichbaren Platz für denselben Preis zu finden. «Der Atzmännig bietet eine einmalige Umgebung, es ist wunderbar hier zum Skifahren und zum Wandern.» Umso trauriger sei das Schicksal der 74 Parzellen.
«Es isch, wie s isch»
Doch nicht alle tun sich mit dem Entscheid schwer, sondern nehmen die Sache pragmatisch. Herr Güntensperger hat seinen Platz auf dem Camping Atzmännig seit 37 Jahren.
Der Entscheid ist gerade einmal vier Tage öffentlich, da ist der Langzeitcamper Güntensperger bereits in der Abrissplanung. «Das wars für uns. Ich habe Probleme mit Rücken und Hüfte, deshalb hören wir jetzt auf – und nicht erst auf Ende Mai 2025», sagt er. «In den 37 Jahren gab es hier nie Hochwasser, das ist natürlich umso ärgerlicher. Jetzt hatten wir halt Pech.»
Auch Alfred Erni nimmt es rational. Er ist bereits dabei, erste Sachen zu entsorgen – Dinge, die sich in 40 Jahren auf dem Campingplatz angestaut haben. Er bepackt seinen Schlitten, zieht ihn den Hügel hinauf, entsorgt die Gegenstände. Dann fährt er auf dem leeren Schlitten wieder runter.
«Wir werden schon dieses Jahr aufhören. Ich bin bald 80, wir haben zu Hause noch Pferde, das macht genug Arbeit», erzählt der Volketswiler. «Natürlich tut es weh, gerade wenn man sieht, wie viele Stunden hier gewisse Menschen investiert haben.» Er lässt sich davon aber nicht die Laune verderben, sondern blickt auf schöne Jahre zurück. «Es isch, wie s isch.»