Teure Sanierung belastet Brocki-Betreiber aus Turbenthal
Brockenhaus ohne Bewilligung
Seit fast zwei Jahrzehnten führt Christian Kaiser eine Brockenstube im Turbenthaler Weiler Oberhofen. Nach einer Kontrolle von Feuerpolizei und Bauamt muss er sich entscheiden: Teuer sanieren oder schliessen?
Die Brockenstube von Christian Kaiser im Turbenthaler Weiler Oberhofen ist ein Paradies für Fans von seltenen Fundstücken und Trouvaillen aus längst vergangenen Tagen. Ein Geheimtipp, könnte man sagen.
Dass ein Brief dieses Paradies ins Wanken bringen könnte, hätte Kaiser selbst nicht geglaubt. Bis genau das passierte. «Ich bin seit vier Monaten im Dauerstress», erzählt er, nachdem er sich zwischen den vollgepackten Regalen hervorgezwängt hat.
Das Schreiben kündigte eine feuer- und baupolizeiliche Kontrolle des alten Stalls am Chatzenbach an. Kaiser und seine Frau hatten ihn vor 17 Jahren zum Brocki umfunktioniert und dieses seither mit Herzblut betrieben.
Illegale Bauten und mangelnde Sicherheit
Es seien bei der Feuerpolizei Meldungen eingegangen, die eine Kontrolle von Fall zu Fall rechtfertigen würden, heisst es in dem Brief, den die Kaisers erhielten.
«Sind Mängel bekannt oder werden diese vermutet, ist die Brandschutzbehörde in der Pflicht, eine Kontrolle durchzuführen», erklärt Barbara Greuter, Kommunikationsbeauftragte der Gebäudeversicherung Kanton Zürich (GVZ).
Die Gemeinden und die Gebäudeversicherung Kanton Zürich (GVZ) teilen sich die Verantwortlichkeit für die Feuerpolizei. Für kleinere Geschäfte wie ein Brocki ist die Gemeindefeuerpolizei zuständig.
Die Anforderungen an den Brandschutz sind von verschiedenen Kriterien abhängig, so etwa von der Bauart, der Anzahl Stockwerke und der Nutzung.
Im Zuge einer feuerpolizeilichen Kontrolle werden auch baurechtliche Aspekte überprüft. Neben Stichproben gibt es je nach Gebäudeart auch periodische Kontrollen. (nos)
Der originale Doppeldeckerbus aus England, der dort stand, das Gartenhaus, der Imbisswagen: All das sind unbewilligte Bauten, wie die Gemeinde später in einem Bericht klarstellt. Selbst die Hochbeete sind unzulässig, weil sie zu nahe am Bach stehen.
Im Inneren des Liebhaber-Brockis, dessen Verkaufsfläche sich über drei Stockwerke ausdehnt, fiel die Bilanz nicht minder ernüchternd aus. Praktisch die gesamten Räumlichkeiten seien widerrechtlich umgenutzt worden, so das Verdikt.
Zudem fehlte es etwa an Fluchtwegen, Absturzsicherungen und Feuerlöschern. Die Unzulänglichkeiten waren so gross, dass die Feuerpolizei die oberen Geschosse auf der Stelle für die Kundschaft schloss. Offen bleibt einzig die Verkaufsfläche im Erdgeschoss.
Sanieren oder schliessen
Das Ultimatum: Jeder Bau muss einzeln bewilligt werden, andernfalls muss er weg. Kaiser entschied sich für letztere Option. «Natürlich war ich schockiert, aber ich schaue immer nach vorne.»
Also begann der 51-Jährige, seinen Garten aufzuräumen und die Objekte zu verkaufen. «Nach ein paar Spassbietern fand ich für den Doppeldeckerbus auf den letzten Drücker noch einen Käufer, der gleich das ganze Teil abtransportierte», erzählt Kaiser.
Der Erlös aus dem Verkauf der Gegenstände fliesst in die Sanierung des Brocki. Der reiche aber unmöglich, um alle Kosten zu decken, so Kaiser. 15’000 Franken sind im nachträglich eingereichten Baugesuch veranschlagt.
Um Kosten zu sparen, hat er die Pläne für die Sanierung selbst gezeichnet – von Hand. «Dank meiner Maurerlehre wusste ich wenigstens ungefähr, wie man so etwas macht.»
Die restlichen Kosten berappen Kaiser und seine Frau von ihrem Ersparten. Das Brocki ist nämlich kein Goldesel, sondern vielmehr ein Nebenerwerb: «Wir verdienen hier unser Feriengeld.»
Immerhin: Kaiser kann auf sein Umfeld zählen, das sich solidarisch zeigt. «Vom Brocki Turbenthal konnte ich einen Lastwagen ausleihen, eine Frau hat mir Geld gespendet und ein Freund die Leuchtschilder für die Notausgänge.»
Ich kenne bestimmt 100 Brockis, die so aussehen wie meines.
Christian Kaiser
Inhaber des Brocki Oberhofen
Auch die Gemeinde habe ihm geholfen, wo es gegangen sei – zum Beispiel bei der Vermittlung eines Brandschutzexperten.
Dass er die Bauten hätte bewilligen lassen müssen, leuchtet Kaiser im Nachhinein ein. «Ich will es ja richtig machen und kann einige der Bedenken nachvollziehen», sagt er, «aber ich kenne bestimmt 100 Brockis, die so aussehen wie meines.»
Verdacht auf Verrat
Bleibt die Frage, wer die Meldung erstattet hatte. Man kenne ihn im Dorf, und er habe es mit allen gut, versichert Kaiser. Doch er hegt einen Verdacht – die Spur führt zurück in den vergangenen Sommer.
«Ein Kunde interessierte sich für eine Teekanne», erinnert sich der Brocki-Betreiber noch genau. «Er bot mir dafür 5 Franken statt der 50, die sie wert ist.»
Nachdem Kaiser ihn aus dem Laden hinauskomplimentiert hatte, beleidigte dieser ihn als «Trottel» und schickte nach, er werde ihm «ein Ei legen». Um wen es sich dabei handelte und ob er wirklich hinter der Meldung steckt, bleibt trotz Kaisers Bemühungen ein ungelöstes Rätsel.
«Geärgert hat mich vor allem, dass man wegen einer Meldung direkt in die Mühlen der Bürokratie gerät», so Kaiser. Nun heisst es: warten, bis das Baugesuch bewilligt wird.
Wenn alles klappt, soll das Brocki im Sommer wieder vollumfänglich öffnen. Dann, so hofft er, rechtlich wasserdicht und auch etwas schicker. «Dass die ganze Geschichte bald aufgeräumter und etwas neuer daherkommt, ist ja auch ein Vorteil.»
Hinweis: In einer früheren Version hiess es, Kaiser hoffe, das Brocki im Sommer wieder öffnen zu können. Tatsächlich war die Verkaufsfläche im Erdgeschoss zu keinem Zeitpunkt geschlossen – sie ist auch aktuell geöffnet. Der Text wurde nachträglich um diese Information ergänzt (nos).