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Gemeinde räumt ein: «Müssen Hinwiler Altersleitbild überarbeiten»

Die Stiftung Wohnen im Alter und die Gemeinde Hinwil beziehen Stellung zu den Vorwürfen der Hinwiler Senioren.

Matthias Fuhrer von der Stiftung Wohnen im Alter Hinwil vor den Häusern mit den begehrten Alterswohnungen.

Foto: Karin Sigg

Gemeinde räumt ein: «Müssen Hinwiler Altersleitbild überarbeiten»

Selbständiges Wohnen im Alter

Wer ist verantwortlich für altersgerechten, bezahlbaren Wohnraum? Die Stiftung Wohnen im Alter Hinwil sowie die Gemeinde Hinwil nehmen Stellung.

«Es liegt nicht in unserer Kompetenz, jedem Einwohner Hinwils altersgerechten, günstigen Wohnraum zur Verfügung zu stellen», lautet die klare Aussage von Matthias Fuhrer.

Der Geschäftsführer der Stiftung Wohnen im Alter Hinwil (SWIA) reagiert pragmatisch auf die Vorwürfe zweier Leserbriefschreiberinnen. «Als unabhängige Stiftung arbeiten wir zwar nicht gewinnorientiert. Aber Ende Jahr müssen wir schwarze Zahlen aufweisen. Wir erhalten keine Defizitgarantie oder andere finanzielle Unterstützung durch die Gemeinde Hinwil.»

«Eine Analyse über die Finanzlage der über 75-Jährigen würde zeigen, ob ein Mehrbedarf an günstigem, altersgerechtem Wohnraum besteht.» Doch dies anzugehen, wäre gemäss Fuhrer Aufgabe der Politischen Gemeinde.

«Viele Hinwiler gehen davon aus, dass sich die SWIA um sie kümmern muss, wenn sie älter werden.» Hier liege ein grosses Missverständnis vor – denn erste Anlaufstelle für alle Altersfragen sei ebenfalls die Gemeinde Hinwil.

Doch wie eine Anfrage bei der Gemeinde bestätigt, besteht dort keine aktuelle Altersstrategie. «Derzeit sind 1100 Hinwiler älter als 75-jährig», resümiert Fuhrer, «ein entsprechendes Konzept würde durchaus Sinn machen.»

Wie erklärt die Stiftung das Servicepaket, das neu für eine Alterswohnung mitgebucht werden muss?

Matthias Fuhrer: Wir wollen ältere Menschen damit nicht entmündigen, sondern bieten dieses Konzept an, weil wir überzeugt sind davon. Immer mehr Menschen wollen so lange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden leben. Wenn eine betagte Person nicht mehr den ganzen Haushalt erledigen mag, aber der Schritt in ein Altersheim noch zu früh ist, bietet eine Wohnung mit Service die ideale Lösung.

Warum?

Die Person profitiert von Dienstleistungen wie täglichem Mittagessen, wöchentlicher Wohnungsreinigung oder einem Notrufsystem. Jedoch mit mehr Privatsphäre als in einem Altersheim und mit der Freiheit, den Tagesablauf selber zu gestalten. Das verstehen wir unter Selbständigkeit. Nebenbei ist dieses Angebot für den Mieter günstiger, als in einem Altersheim zu wohnen – und Krankenkassen- sowie Beiträge der öffentlichen Hand werden geschont.

Man sieht ältere Menschen gemeinsam essen.
Älteren Menschen ein soziales Netzwerk zu bieten, sieht Matthias Fuhrer als eine der Hauptaufgaben der Stiftung.

Das Servicepaket optional anzubieten, sei für die SWIA keine Option. «Unser Kerngeschäft ist nicht die Vermietung von möglichst günstigen Wohnungen», erklärt Matthias Fuhrer, «als KMU sind wir darauf spezialisiert, Bewohner mit Einschränkungen aufzunehmen und sie so lange wie möglich in ihrer Autonomität zu unterstützen.»

Und wie stellt sich die SWIA zur plötzlichen Aufhebung der Warteliste?

Matthias Fuhrer: Eine Warteliste zu führen, ist nicht mehr zeitgemäss. In den letzten Jahren hatten wir im Schnitt einen Mieterwechsel pro Jahr. Mit über 100 Personen geht die Rechnung nicht mehr auf – eine Person auf der 100. Position wird nie die Chance auf eine Wohnung bekommen. Neu schreiben wir die freien Wohnungen wie im öffentlichen Immobilienmarkt aus. So haben alle die gleich fairen Bedingungen. Alle Personen, die auf der Warteliste waren, haben wir frühzeitig über diese Änderung informiert.

Gemeinde Hinwil ist noch nicht bereit

Viele Oberländer Gemeinden verfügen über eine Altersstrategie, um ältere Einwohner in ihren Sorgen und Herausforderungen zu beraten und zu betreuen. Die Gemeinde Hinwil noch nicht: Gemäss Gemeindeschreiber Roger Winter wurde 2012 ein Konzept über die Pflegeversorgung gemäss den Vorgaben des Kantons erstellt und 2017 überarbeitet.

«Dieses Konzept kann auf der Website der Gemeinde eingesehen werden und ist für alle zugänglich», so Winter, «im Jahr 1994 ist ein Altersleitbild für Hinwil festgesetzt worden, welches in die Jahre gekommen ist und einer dringenden Überarbeitung bedarf.» Aus diesem Grund werde Anfang 2024 eine Arbeitsgruppe unter der Leitung der Abteilung Gesundheit und Umwelt mit der Erarbeitung einer Hinwiler Altersstrategie starten.

«Die Thematik ‹altersgerechte Wohnungen› wird sicherlich in diese Altersstrategie einfliessen und dort behandelt werden», stellt Roger Winter in Aussicht. «In Hinwil wurden in den letzten Jahren auf privater Basis über 50 barrierefreie und altersgerechte Wohnungen gebaut. Hinzu kommen die 29 Wohnungen der SWIA.»

Man sieht Roger Winter im Porträt.
Gemeindeschreiber Roger Winter über das Angebot an altersgerechtem, günstigem Wohnraum.

Günstiger Wohnraum sei nicht nur in Hinwil knapp und ein generelles Problem. «Bezahlbaren Wohnraum für die Bevölkerung zu finden, ist allgemein ein sehr grosses Problem», so Winter, «sei es nun für unsere älteren Mitmenschen, junge Familien, Alleinstehende oder Alleinerziehende, aber auch für Asylsuchende und Sozialhilfeempfänger.»

Wie stellt sich die Gemeinde Hinwil zu den Vorwürfen, dass sich nicht alle betagten Personen das «Wohnen mit Service» bei der Stiftung leisten können?

Roger Winter: Die SWIA hat das Projekt «Alterswohnungen» initiiert und wird sich im Rahmen ihres Wirkens über die Rückmeldungen aus der Bevölkerung Gedanken machen müssen. Für Menschen, die sich das Angebot der SWIA nicht leisten können, besteht die Möglichkeit, die fehlenden finanziellen Mittel durch einen Zusatzleistungs- oder Sozialhilfeanspruch auszugleichen, was jedoch im Einzelfall auf Antrag durch das Sozialamt der Gemeinde geprüft würde.

Wie lautet die Antwort der Gemeinde Hinwil auf die Forderung, sich für die aufgebrachten betagten Hinwiler einzusetzen?

Seit August 2008 ist die SWIA eine eigenständige Stiftung, welche die Führung, Organisation und Ausrichtung der Pflege- und Betreuungsleistungen in der Gemeinde selbständig, unabhängig und in der Regel mit unternehmenseigenen Ressourcen sicherstellt sowie selbständige Entscheide fällt. Die Politische Gemeinde ist im Stiftungsrat vertreten und kann ihre Anregungen mit einbringen sowie auch mitbestimmen.

Bald keine Pflegeheime mehr?

Ob es Alters- und Pflegeheime auch in 20 Jahren noch geben wird, kann heute niemand sagen. Was für viele neu sein dürfte: Die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich (GD) ist an der Erarbeitung einer Pflegeheimbettenplanung. Am 1. Januar 2027 wird eine Pflegeheimliste in Kraft treten. Ab diesem Zeitpunkt dürfen nur noch gelistete Heime auf finanzielle Unterstützung durch die öffentliche Hand zählen. Nach einem vorgängigen Bewerbungsverfahren entscheidet der Kanton, welche Heime zur Versorgungsregion gehören und es damit auf die begehrte Liste schaffen. Für die restlichen Institutionen dürfte es schwierig werden, wenn sie die Kosten selbst tragen oder diese auf die Bewohner abwälzen müssen.

Dies sei für die Stiftung Wohnen im Alter Hinwil einer der Gründe, das Geschäftsmodell neu auszurichten. «Wir brauchen einen Plan B, wenn wir 2027 nicht zur Versorgungsregion gehören sollten», sagt Matthias Fuhrer. Mit dem Konzept «Wohnen mit Service» hätten bereits andere Institutionen positive Erfahrungen gemacht. In einer Pflegegruppe der SWIA, die aufgrund des Fachkräftemangels geschlossen werden musste, sollen demnächst weitere Servicewohnungen entstehen. «Alterswohnungen mit Dienstleistungsangeboten gehörten bereits zum 2017 überarbeiteten Konzept zwischen der Politischen Gemeinde und der Stiftung», so Fuhrer.

Interimistische Änderungen durch Umbau

Unter der Hinwiler Bevölkerung hat sich offenbar herumgesprochen, dass die Bewohner des Alters- und Pflegeheims ihre Mahlzeiten nicht mehr im Speisesaal, der direkt neben dem öffentlichen Restaurant angesiedelt ist, einnehmen dürfen. «Sie werden dazu angehalten, in den Wohngruppen zu essen», empören sich sowohl Vreni Knecht als auch Yvonne Hürzeler, «für viele von ihnen entfällt damit eine willkommene Abwechslung. Das öffentliche Restaurant ist im Moment geschlossen, ob es nach dem Umbau wieder aufgeht, wissen wir nicht.»

«Sobald der Umbau beginnt, werden wir unser öffentliches Restaurant vorübergehend schliessen», kündigt Fuhrer an. Dies sei auch der Grund, weshalb die Bewohner während dieser Zeitspanne für die Mahlzeiten auf die Wohngruppen oder in einen anderen Saal ausweichen müssten. «Ist der Umbau erst einmal abgeschlossen, freuen wir uns weiterhin auf rege Besuche von externen Gästen.» Er erklärt auch den Umstand, weshalb bereits jetzt viele Bewohner in ihren Wohngruppen essen: «Bei den meisten von ihnen hat sich der Gesundheitszustand altersbedingt so verändert, dass sie von sich aus nicht mehr in den Speisesaal dislozieren möchten.» (ks)

Vortrag zum Thema

Am Mittwoch, 17. Januar, treten Pascal Huber, Stiftungsratspräsident, und Matthias Fuhrer, Geschäftsführer der Stiftung Wohnen im Alter Hinwil (SWIA), als Referenten bei den Aktiven Seniorinnen und Senioren Hinwil (ASSH) im «Hirschen»-Saal in Hinwil auf (Anmeldung erforderlich). Um 10.30 Uhr referieren sie zum Thema «Das Pflegeheim Hinwil im Spannungsfeld der Gesundheitspolitik». (ks)

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