Alterswohnung nur noch für Aufpreis – Hinwiler fühlen sich entmündigt
Selbständiges Wohnen im Alter
Neue Bedingungen bei der Vermietung von Alterswohnungen sorgen für Empörung bei älteren Einwohnern Hinwils. Zwei rüstige Seniorinnen machen ihrem Unmut Luft.
Vreni Knecht sitzt am Küchentisch ihres kleinen, heimeligen Häuschens. Seit 50 Jahren ist sie Bürgerin von Hinwil. Zehn davon lebt sie schon allein, nachdem ihr Mann viel zu früh verstorben ist.
Noch lebt die 72-Jährige in ihrem eigenen Häuschen und ist nicht auf eine Alterswohnung angewiesen. Dass sich eine solche in Hinwil auch künftig Menschen leisten können, dafür setzt sich Knecht ein. Denn: In ihren Augen werden durch neue Vorschriften bei der Vermietung von Alterswohnungen in Hinwil Seniorinnen und Senioren entmündigt. Ein Umstand, der nicht nur sie aufregt.
Darum geht es
In den 1960er Jahren baute die Gemeinde Hinwil 16 altersgerechte Wohnungen, die von Einwohnern im Pensionsalter zu einem sehr günstigen Preis gemietet werden konnten. So kostete ein Studio bis vor Kurzem weniger als 1000 Franken, eine Wohnung durchschnittlich 1400 Franken Miete pro Monat.
Die Nachfrage nach günstigem Wohnraum für betagte Menschen war schon damals gross. Interessenten konnten sich auf eine Warteliste setzen lassen – die Fristen, bis man die Zusage für eine Wohnung erhielt, betrugen etwa fünf bis sieben Jahre. Einwohner Hinwils wurden bei der Aufnahme bevorzugt behandelt.
Im Jahr 2008 wurde das bisher der Gemeinde Hinwil angegliederte Alters- und Pflegeheim in eine eigenständige Stiftung umgewandelt. Die Verantwortung für die Alterswohnungen wurde an die neue Stiftung Wohnen im Alter Hinwil (SWIA) abgegeben. Die Betreuung besagter Warteliste gehörte ebenfalls dazu.
Um der grossen Nachfrage gerecht zu werden, baute die Stiftung zwei Mehrfamilienhäuser. Seit 2016 können damit 29 altersgerechte Wohnungen zu attraktiven Preisen angeboten werden.
«Vor einigen Monaten wurde die Warteliste, ohne Grundangabe, abgeschafft», entsetzt sich Vreni Knecht. Die rüstige Seniorin besuchte kürzlich eine Informationsveranstaltung der Gemeinde Hinwil zum Thema «Leben im Alter».
Dort habe Gemeinderätin Gabriela Casutt (FDP) die Aussage gemacht, dass Hinwiler Bürger kein Vorrecht mehr geniessen würden bei der Vergabe von Alterswohnungen. «So kann es sein, dass ein langjähriger Steuerzahler aus Hinwil das Nachsehen hat gegenüber einem auswärtigen Interessenten», sagt Knecht und schüttelt ungläubig den Kopf.
Servicepaket stösst viele vor den Kopf
Eine weitere Tatsache jedoch ist für Vreni Knecht und andere betagte Einwohner noch viel schlimmer: «Ab sofort werden die Alterswohnungen nur noch mit einem obligatorischen Servicepaket vermietet.» Dieses beinhalte das tägliche Mittagessen im Altersheim sowie eine wöchentliche Reinigung durch Mitarbeitende der Stiftung Wohnen im Alter Hinwil.
«Konkret sind das 800 Franken pro Monat, die zusätzlich zur Miete anfallen», so die engagierte Hinwilerin. «Auf der einen Seite wird die Bedeutung von Altersaktivitäten gepredigt, auf der anderen Seite wird mit dem Aufzwingen dieses Pakets die Selbständigkeit der älteren Menschen beschnitten.»
Eine weitere betagte Hinwilerin, Yvonne Hürzeler, teilt die Ansicht von Vreni Knecht. «Die Zuständigen können nicht einfach über die Köpfe der älteren Menschen hinweg entscheiden, was gut für sie ist», äussert sie entrüstet. Aus ihrer langjährigen Erfahrung in der Altersarbeit wisse sie um die Wichtigkeit einer möglichst langen Eigenständigkeit. «Die Autonomie eines Bewohners muss sichergestellt sein. Er oder sie muss das Recht haben, selbständig zu kochen, zu putzen oder beispielsweise die langjährige Reinigungskraft weiterhin zu beschäftigen.»
Wer sich das Dienstleistungspaket nicht leisten könne, bleibe auf der Strecke. «Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich in einer altersgerechten Wohnung lebe, die günstiger ist als die Wohnungen der Stiftung», sagt Hürzeler.
Auch Knecht ist nicht auf eine Alterswohnung angewiesen. «Ich bleibe, solange es geht, in meinem Haus», erklärt sie, «mit den Diensten der Spitex ist dies hoffentlich noch bis ins hohe Alter möglich.» Beide Frauen möchten mit ihrem Engagement für jene betagten Menschen einstehen, die sich nicht (mehr) selbst wehren können.
Kritiker stellen Stiftungsgründung infrage
Für Vreni Knecht war es rückblickend keine gute Idee, das Altersheim in eine eigenständige Stiftung umzuwandeln. «Wir Hinwiler haben damals an der Urne einen Fehlentscheid getroffen», erklärt sie, die Stiftung sei nun unabhängig und könne nach eigenem Ermessen handeln.
«Rechtlich halten die aktuell von der Stiftung getroffenen Entscheidungen, aber moralisch finde ich diese verwerflich», sagt sie enttäuscht, «wir Alten sind nur ein Kostenfaktor und sollen möglichst viel Geld einbringen. Muss die SWIA ein Defizit ausgleichen?»
Yvonne Hürzeler macht auf eine Leistungsvereinbarung aufmerksam, welche die Gemeinde Hinwil mit der Stiftung Wohnen im Alter Hinwil führt. Dabei verweist sie auf folgende Textpassage: «Sie (die Stiftung) stellt das Wohlbefinden der Heimbewohnerinnen und Heimbewohner in den Vordergrund.» Dem wird gemäss Hürzelers Ansicht nicht entsprochen, wenn eine Dienstleistung ungefragt aufgezwungen würde. «Die älteren Menschen werden entmündigt», empört sie sich. «Jeder Mensch sollte selber darüber entscheiden können, wie er leben und später auch sterben möchte.»
Auch dem Abschnitt, «bei der Aufnahme von Bewohnerinnen und Bewohnern berücksichtigt die Stiftung in erster Linie Einwohnerinnen und Einwohner von Hinwil», werde nicht mehr Rechnung getragen.
Aus der genannten Leistungsvereinbarung geht hervor, dass das Mitspracherecht der Politischen Gemeinde in der Stiftung durch den permanenten Einsitz eines Mitglieds des Gemeinderats mit Stimmrecht im Stiftungsrat gewährleistet wird. «Dann soll sich unsere Gemeinderätin für die betagten Hinwiler einsetzen», fordert Yvonne Hürzeler, «wir betagten Hinwiler wollen uns nicht bevormunden lassen.»
Stellungnahmen
Lesen Sie hier was die Stiftung und die Gemeinde auf die Vorwürfe entgegnen. (ks)
