Egger Kanti-Lehrer entdeckt seine jüdischen Wurzeln
Familie auf Flucht vor den Nazis
Das Warum des Wegzugs von Wien ist bisher nicht klar gewesen. Nun hat der Egger Thomas Bachmann die ganze Wahrheit zu seiner Familiengeschichte gefunden.
«Mormor war die wichtigste Verwandte für uns», erinnert sich Thomas Bachmann. Mormor ist schwedisch und steht für die «Mutter der Mutter». Die Grossmutter kam jeweils über Weihnachten von Skandinavien für drei Wochen in die Schweiz, um hier mit der Familie Bachmann zusammen zu sein.
«Sie war eine ganz tolle Frau, wir haben sie verehrt», erklärt der 50-jährige Bachmann. Seit über 20 Jahren wirkt der Egger an der Kantonsschule Stadelhofen. Zunächst lag sein Fokus auf dem Sportunterricht, seit einigen Jahren konzentriert er sich auf das Fach Geschichte.
Die offizielle Version
Mit 92 Jahren starb Mormor 2012. «Ich bedaure bis heute, dass ich nie genauer nachfragte, warum sie 1938 von Wien nach Göteborg zog», meint Bachmann, der im luzernischen Sursee aufgewachsen ist. Immerhin war seine Grossmutter damals erst 18 Jahre alt.
Die offizielle Version war, dass Anny Ebeling, wie seine Grossmutter nach der Hochzeit mit einem schwedischen Offizier hiess, mit einem Ensemble auf Europatournee war und dann kurz vor Kriegsausbruch bei Verwandten in Stockholm hängen blieb. Mormor war eine begnadete Tänzerin. Thomas Bachmann besitzt diverse Fotos von damals.

Weshalb im selben Jahr im Gegensatz zu Anny ihre Schwester – und im Jahr darauf auch deren Eltern – nach London umzog, war im Familienkreis kaum ein Thema.
Die Vermutung wird zur Gewissheit
Bachmann interessierte sich für Familiengeschichte lange nur am Rande. Doch dann stellte er sich von seinem Beruf als Geschichtslehrer her Fragen. Im März 1938 wurde Österreich ans Deutsche Reich angeschlossen. Und seine Verwandten reisten «Hals über Kopf» aus Wien ab. «Da kann es eigentlich nur einen Grund dafür geben: Die Verwandtschaft muss jüdisch sein.»
Und so machte sich der Kanti-Lehrer zunächst online auf Spurensuche. Vertieft hat er diese während des Sabbaticals, das er diesen Winter über einzieht. Anfang November reiste Bachmann nach Wien und fand das Haus, in dem seine Grossmutter aufgewachsen war. Auch das Geschäftslokal, in welchem seine Urgrosseltern einst eine Handschuh-Manufaktur betrieben, existiert noch.
Und er nahm mit der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Kontakt auf, wo er Einblick in die Geburtsbücher erhielt. Er suchte nach Stiasny, einem Geschlecht aus Böhmen – und dem Namen seiner Urgrosseltern. «Da bestätigte sich schwarz auf weiss: Meine Urgrosseltern auf beiden Seiten sind jüdisch.»
Das Schicksalsjahr 1938
Seine Mormor fand er verzeichnet als Anna Maria Stiasny. Die Jüdin konvertierte in Schweden zum Luthertum. Bachmanns Mutter, die 1971 für einen Aufenthalt in die Schweiz kam und beim Skifahren seinen Vater kennen- und lieben lernte, war protestantisch. «Gemäss meiner Mutter war ihr jedes jüdische Vorleben unbekannt.»
Im Lauf seiner Recherchen stiess der Egger auf weitere Dokumente. So fand er etwa das Maturzeugnis seiner Grossmutter. Sie hatte im Mai 1938 in Wien noch das Abitur erlangt, kurz bevor jüdische Kinder keine öffentlichen Schulen mehr besuchen durften. Mit dem Anschluss Österreichs ans Nazireich wurden quasi über Nacht die Nürnberger Rassengesetze in der neuen «Ostmark» implementiert.
Für die Stiasnys galt es damals rasch zu handeln, wie die gefundenen Unterlagen zeigen. «Die Familie versuchte händeringend, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen», analysiert Bachmann. Die junge Anna Maria wollte nicht nur aus der israelitischen Religionsgemeinschaft austreten, sondern suchte in ihrer Verwandtschaft ausserhalb der Ostmark nach einer neuen Bleibe und stellte einen Ausreiseantrag.
Aufgewachsen in behüteten Verhältnissen
Als Abiturientin, die noch kein Einkommen hatte, musste sie immerhin keine «Reichsfluchtsteuer» zahlen. Bachmann fand auch ihre «steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung». Aufgewachsen war sie in einer Gemeinschaft von assimilierten, säkularisierten Juden, die zur oberen Mittelschicht Wiens gehört haben dürften.
Nicht der Glaube, sondern Kultur und insbesondere Musik waren sehr wichtig. Zum erweiterten Freundeskreis der Familie zählten etwa auch der Psychoanalytiker Sigmund Freud und der Schriftsteller Stefan Zweig. Beide waren ebenfalls jüdischer Abstammung. «Auf den ersten Blick hatten sie ein sorgenfreies Leben. Sie bewegten sich damals in einem Milieu, das so etwa wie eine Bahnhofstrasse light bezeichnet werden könnte», meint der Historiker.
Allerdings bekam dieses Gefüge schon nach dem Ersten Weltkrieg Risse, setzte doch ein langsamer wirtschaftlicher Niedergang ein. Die Handschuh-Manufaktur, die einst sogar an Weltausstellungen präsent war und am Ersten Weltkrieg prächtig verdiente, lief nicht mehr so gut. Insbesondere die Weltwirtschaftskrise 1929 setzte dem exportorientierten Unternehmen zu.
Telefonbuch als Quelle
Die Vermutung lag nahe, dass das Geschäft 1938 oder 1939 arisiert worden wäre. Das traf aber nicht zu. Die letzte Nennung der Firma fand Bachmann im Wiener Telefonbuch – «eine wichtige Quelle», wie der Lehrer betont – von 1935. Sein Urgrossvater musste das Geschäft damals aufgeben und lebte fortan vom Ersparten und Gelegenheitsjobs. Die Urgrosseltern, die 1938 zunächst noch in Wien blieben, erfuhren die ganze Härte des neuen Regimes – inklusive der neuen Vornamen Israel und Sarah. Der damalige Gauleiter wollte Wien judenfrei machen, um günstig zu Wohnungen zu kommen. Diese waren damals ein rares Gut.
Auch die Urgrosseltern Stiasny wurden, mittlerweile mittellos, in eine sogenannte Sammelwohnung umquartiert. Dort wurden Juden zusammengepfercht. Eine Zwischenstation bis zu deren Deportation.
Dieser konnten die Stiasnys aber ganz knapp noch entgehen. Bachmann hat in einem Onlinearchiv in Tel Aviv deren Auswanderungsanfragen gefunden. Gerade noch zwei Wochen vor Kriegsbeginn – bei dem die Grenzen geschlossen wurden – schafften sie es zu ihrer ältesten Tochter nach England. Dort wurden sie zunächst interniert und blieben dann für den Rest ihres Lebens.
Die Todesfallanzeige
Auf der Suche nach seinen Wurzeln stiess Bachmann aber auf ein Dokument, das ihn erschütterte: die «Todesfallanzeige» von Friedrich Stiasny aus dem Ghetto Theresienstadt, das nördlich von Prag lag. Er war einer der Brüder seines Urgrossvaters. «Ich bin im KZ Theresienstadt vor den vier Öfen gestanden und bin mir bewusst geworden, dass hier mein Urgrossonkel verbrannt worden ist.»

Bachmann will demnächst auch noch nach London auf Spurensuche gehen. Innerlich hat seine Reise in die Vergangenheit einige Veränderungen in Gang gesetzt. «Ich könnte jetzt beantragen, dass ich den jüdischen Glauben übernehme.» Aus jüdischer Sicht ist er trotz seiner Zugehörigkeit zur Römisch-katholischen Kirche Jude, da das Judentum jeweils über die Mutter automatisch weitergegeben wird.
Da er sich aus Religion aber nicht viel gemacht habe, werde er wohl nicht konvertieren. Wenn schon, möchte er zur Reformierten Kirche wechseln, der seine Frau und die vier Kinder angehören. Im Wissen um seine jüdischen Wurzeln ändere sich aber schon der Blick auf die aktuellen Geschehnisse im Zusammenhang mit dem Krieg in Israel.
Ein Stolperstein fürs Erinnern
Auf jeden Fall will der Egger für die Familie nun ein Buch über deren Geschichte verfassen. Und er trägt sich mit dem Gedanken, einen Stolperstein für seine Familie zu setzen. Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, das im Jahr 1992 begann. Mit im Boden verlegten kleinen Gedenktafeln soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, vertrieben, ermordet oder in den Suizid getrieben wurden.
Zurzeit betreut Bachmann eine Maturarbeit zu solchen Stolpersteinen. Dort, in der Schule, werde sich das Bewusstsein um seine Wurzeln wohl auch im Unterricht niederschlagen. «Ich bin mir bisher zu wenig bewusst gewesen, dass meine Familie eine Fluchtgeschichte hat.» Nun könne er das als anschauliches Beispiel bringen, gelte es doch, jeweils einen Realitätsbezug zu schaffen. «Und die aktuellen Geschehnisse zeigen, dass sich die Geschichte, siehe Antisemitismus, wiederholt.»