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Er hat einen halben Dinosaurier ausgegraben

Der Abenteurer Nicolai Christiansen erzählt, wie er im Sauriermuseum Aathal einen Diplodocus aufgebaut hat.

Nicolai Christiansen hat auch schon im Aatal im Sauriermuseum gearbeitet.

Foto: Eleanor Rutman

Er hat einen halben Dinosaurier ausgegraben

Urechsenforscher in Guatemala getroffen

Der dänische Paläontologe Nicolai Christiansen hat für das Sauriermuseum im Aatal einen Dino aufgebaut und in Portugal einen Stegosaurus freigelegt.

Manchmal ist die Welt sehr klein: Da ist man in Zentralamerika in einer Bootswerft und trifft auf einen Mann, der im Aatal einen Dinosaurier aufgebaut hat. Der Däne Nicolai Christiansen scheint ein Abenteurer zu sein. In seinen Augen kalkuliere er Risiken gut ein, «aber einige Freunde von mir denken schon, dass ich manchmal etwas draufgängerisch bin», sagt er und lacht.

In Guatemala ist er wortwörtlich gestrandet: Er war mit dem Segelboot unterwegs, eines Nachts löste sich der Anker wegen eines Sturms, und sein Boot landete bei der Insel Utila auf einem Steinfelsen. «Es ging alles sehr schnell, wir konnten nichts mehr tun», sagt Christiansen. Den Schaden am lädierten Boot muss er jetzt erst mal reparieren – in ebendieser Werft.

Der Däne macht alles selbst, er kennt das Material Fiberglas schon von seiner Arbeit als Paläontologe. Denn Dinosaurierknochen werden mit demselben Stoff nachgebaut, aus dem auch Segelboote hergestellt werden.

«It’s a nasty material», sagt der 42-Jährige. Es sei ein «böses» Material. Damit meint er die feinen Staubteilchen, die kratzen und auf der Haut jucken, wenn man damit arbeitet. Dennoch ist Fiberglas beliebt, denn es ist ein robuster und langlebiger Faserverbundwerkstoff.

Wenn man ein Dinosaurierskelett für eine Ausstellung vorbereitet, macht man oft auch Abgüsse der Originalknochen. «Das zur Ergänzung derjenigen Knochen, die nicht gefunden worden sind», sagt Christiansen. In Labors werden die Knochen vorgängig von Wissenschaftlerinnen und Experten auf neue Erkenntnisse hin erforscht.

Solche Möglichkeiten kommen nur einmal, wenn du sie nicht packst, sind sie weg.

Nicolai Christiansen

Dinosaurierforscher

Jetzt sitzt Christiansen im Café der Werft und nippt an einem Cappuccino. Es regnet in Strömen: An seinem Boot kann er momentan nicht arbeiten. Also erzählt er von seiner Berufung. Er scheint einer dieser Menschen zu sein, denen auf ihrem Lebensweg immer wieder verschiedene Optionen angeboten werden. «Solche Möglichkeiten kommen nur einmal, wenn du sie nicht packst, sind sie weg.»

Als er zehn war, zog seine Familie nach Südfrankreich für drei Jahre. Er lernte Französisch und freundete sich mit dem Inhaber eines Fossilien- und Mineraliengeschäfts an. «In meiner Freizeit arbeitete ich dort.» Der Inhaber des Ladens gab ihm Tipps, wo er spezielle Abdrücke finden kann. «Die besten Plätze hat er mir natürlich nicht gezeigt», schmunzelt Christiansen.

Zurück in Dänemark, suchte er den Kontakt zu Gleichgesinnten. «Ich wurde Vorstandsmitglied eines Fossilienklubs», sagt er und lacht. «Die meisten Leute in dem Klub waren 60 oder 70 Jahre alt – und ich war 14.»

Mit 18 schon Co-Leiter an einem Fundort

Danach kam die Anfrage eines dänischen Geologen, der sagte: «Ah, du sprichst Englisch und Französisch, besuche doch mal die Ausgrabungsstätten in Lourinhã.» Das war die Einladung nach Portugal. Dort sah der Direktor der Ausgrabungen Christiansens Passion und gab ihm einige Artikel zum Lesen.

So schrieb sich die Geschichte des angehenden Paläontologen weiter. Auch die Jahre danach ist der damalige Teenager immer wieder zurück nach Lourinhã gefahren.

So kam es, dass er als 18-Jähriger schon vor seinem Studium als Co-Leiter in der Ausgrabungsstätte in Portugal arbeitete und Menschen führte, die älter waren als er. «Dafür habe ich aber auch viele Jahre investiert», sagt er. Zusätzlich lag es daran, dass er ziemlich gut Portugiesisch sprechen konnte.

Ursprünglich wollte Christiansen gar kein Dinosaurierforscher werden. «Dieser Beruf erschien mir auf den ersten Blick zu wenig wissenschaftlich und etwas zu populär.» So startete er stattdessen mit etwas Handfesterem, welches diese Richtung jedoch nicht ausschloss: Er studierte Geologie und Biologie.

Was ihn jedoch später umstimmte, war die Praxis: «Mich überzeugte der soziale Aspekt. Beim Ausgraben von Dinosauriern war ich meistens mit einem internationalen Team junger Studenten zusammen.» Das habe ihm einfach Spass gemacht.

Arbeiten im Sauriermuseum Aathal

Direkt nach dem Studium arbeitete Christiansen für einige Zeit bei einer holländischen Firma, die Urzeitechsen für Ausstellungen aufbaute. Dies brachte ihn vor 15 Jahren in die Region, wo er im Sauriermuseum Aathal mithalf, eine Kopie eines Diplodocus aufzubauen.

Direkt neben den echten Knochen des Funds stellte das Team den Doppelgänger des Sauriers so auf, dass es so wirkte, als würde die Urechse auf den Hinterbeinen stehen. «Das war ein Skelett, das Siber und sein Team in den USA gefunden hatten.»

Christiansen weilte nur kurz im Aatal, denn das Gerüst des Skeletts und die Abgüsse der Knochen hatten er und seine Kollegen schon in Holland vorbereitet. «Wir haben den Saurier innerhalb von vier oder fünf Tagen aufgebaut.» Es musste schnell gehen, auch wegen der Öffnungszeiten des Museums. «Vieles haben wir in der Nacht aufgestellt, das ist nicht ungewöhnlich», sagt der Dinosaurierforscher.

Was Urechsen mit Menschen gemeinsam haben

Wie war das für ihn im Aatal? Die Leute seien sehr nett gewesen. «Köbi Siber und sein Team haben eine grosse Passion für ihre Arbeit.» Auch was die Vielfalt betreffe, sei das Sauriermuseum speziell. «Spannend ist, dass sie sehr viele Eigenfunde aus Wyoming haben.»

Berühmte Fundstelle in Amerika

Die Late Jurassic Morrison Formation in Wyoming (USA) ist eine bekannte Ausgrabungsstätte und eine der ergiebigsten Stellen für Dinosaurierfossilien in Nordamerika. Die meisten werden in den grünen Schluffstein- und den unteren Sandsteinschichten gefunden. Laut radiometrischer Datierung ist die Morrison-Formation vor 150 Millionen Jahren entstanden, ähnlich der Solnhofen-Kalksteinformation in Deutschland und der Tendaguru-Formation in Tansania. Die Fauna und die Entstehungsgeschichte gleichen denjenigen der Lourinhã-Formation in Portugal.

An dem Ort habe man auch Hautabdrücke von Stegosauriern gefunden. «Die Keratinplatten dieses Dinosauriers sind aus demselben Material gemacht wie unsere Fingernägel.» Christiansen publizierte mit dem Schweizer Paläontologen Emanuel Tschopp einen wissenschaftlichen Artikel zu diesem Thema.

Der Däne hat selber auch schon mehrere Urechsen ausgegraben, eine direkt neben einer Strasse in Portugal. Der Fund war speziell für ihn: ein Miragaia longicollum, ein Langhalsdinosaurier aus der Familie der Stegosaurier.

Diese haben normalerweise 13 Halswirbel. Derjenige in Portugal musste jedoch einen längeren Hals als seine Artgenossen gehabt haben. «Wir haben insgesamt 17 Halswirbel gefunden», erzählt Christiansen und strahlt. Das sei eine Seltenheit.

Wenn die Hälfte fehlt

Jedoch konnten er und sein Team nur den halben Dinosaurier freilegen. Der hintere Teil war weg. Der Däne vermutet, das liege an den Arbeiten während des Baus an der Strasse: dass die Maschinen die Originalknochen dabei zerstört haben könnten.

Dieser Langhalssaurier ist jetzt in Portugal in einem kleinen Museum an der atlantischen Küste ausgestellt. «Portugal ist ein guter Ort, um an Dinosauriern zu forschen.» Einer von Christiansens grossen Träumen ist es jedoch, nach Afrika zu gehen, um dort wieder als Paläontologe zu arbeiten. Aber erst muss er sein Segelboot in Guatemala auf Vordermann bringen.

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