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Er kämpft mit Skalpell und Bohrer für das Tierwohl

Nico Kipfer operiert im Akkord Hunde und Katzen. Der Job ist nichts für Zartbesaitete.

Volle Konzentration: Nico Kipfer entfernt einem Chihuahua eine eingewachsene Wolfskralle.

Foto: Christian Merz

Er kämpft mit Skalpell und Bohrer für das Tierwohl

Kleintierchirurg aus Egg

Nico Kipfer operiert pro Jahr rund 1600 Katzen und Hunde. Wie steht man das durch? Ein Nachmittag am OP-Tisch in seiner Praxis in Egg.

Wenn es ein Gebot gibt, das Nico Kipfers Leben prägt, dann ist es Vorsicht. «Bitte achten Sie darauf, dass Sie nicht mit leerem Magen kommen», sagt er, bevor er den Hörer auflegt und sich den Termin in seine Agenda einträgt. Er weiss, warum.

Schneiden, ziehen, sägen, bohren und nähen im und am lebenden Körper: Wer das noch nie erlebt hat, kann nur schwer abschätzen, wie er auf die Eindrücke reagieren wird. Einem Tierchirurgen bei der Arbeit zuzusehen – das ist nicht für jedermann.

Als der Moment schliesslich gekommen ist, schwingt denn auch ein mulmiges Bauchgefühl mit – trotz der zuvor verspeisten Portion Spaghetti. Immerhin zeigt sich Kipfer beim Rundgang durch seine Praxis im Zentrum von Egg sehr ungezwungen und offen. Das schafft Vertrauen.

Fast alles geht durch den Magen

Auf dem Programm stehen an diesem Nachmittag mehrere Hunde. Der erste von ihnen ist bereits vor zwei Stunden eingetroffen, überwiesen von einem Tierarzt aus der Region. Der Mischling, 14 Kilogramm schwer, hat seit bald zwei Wochen Beschwerden und kaum mehr Nahrung aufgenommen. Das Röntgenbild, das zwei Tierpraxisassistentinnen gemacht haben, zeigt einen Fremdkörper im Darm.

«Es ist wohl ein Stück eines Spielzeugs», mutmasst Kipfer, aber eigentlich sei fast alles möglich. «Einmal hatte ein Hund gar einen Frauenslip gefressen. Die Besitzerin hat nicht schlecht gestaunt, als ich ihn ihr zurückgab.»

Derweil tragen die Assistentinnen den bereits mit Medikamenten sedierten Hund auf den OP-Tisch und bereiten ihn für den Chef vor. Sie intubieren ihn, legen Infusionen und scheren die Bauchdecke. Das anästhesierende Gas erledigt den Rest innert weniger Wimpernschläge. Dahinter leuchten die Herzschlag- und Temperaturanzeigen der modernen Apparaturen. Man kennt das Bild aus der Humanmedizin.

Kipfer, inzwischen ganz in Blau gekleidet, setzt die Klinge an und zieht einen knapp 10 Zentimeter langen Schnitt. Das Innere tritt zum Vorschein, mit den Händen holt er den Darm des Hunds hervor. «Sehen Sie die Schleifspuren, die der Fremdkörper hinterlassen hat? Das ist extrem schmerzhaft.»

Behutsam öffnet er nun mit dem Skalpell den Dünndarm und zieht mit der Zange langsam ein Plastikstück mit drei Zacken heraus. Es ist ein Teil eines Lochballs, eines gängigen Hundespielzeugs. «Das ist schnell passiert», mahnt Nico Kipfer. «Man sollte immer darauf achten, dass man das Tier damit nicht allein lässt.»

Ich verschwinde in einem Tunnel, vergesse alles um mich herum und funktioniere einfach.

Nico Kipfer

Anschliessend wird genäht. Nacheinander der Darm, das grosse Netz, die Bauchwand, die Unterhaut und zum Schluss die Haut. Ein kleiner Chihuahua schaut dem Geschehen in einem Käfig etwas ungläubig, aber angstfrei zu. Im Anschluss soll ihm auf dem zweiten OP-Tisch ein Zahn gezogen und eine eingewachsene Wolfskralle entfernt werden – ein evolutionäres Überbleibsel an den Hinterläufen, das heute keine Funktion mehr hat.

Entgegen den Befürchtungen wirkt die Szenerie nicht verstörend. Alles läuft ruhig und eingespielt ab, es herrscht eine Atmosphäre der totalen Kontrolle. Nach knapp einer halben Stunde ist die Sache schon beendet – und das Magengefühl des Beobachters stabil.

Er muss kompromisslos ausblenden

Er möge es, so zu arbeiten, sagt der 48-Jährige, das habe er bereits während seines Praktikums am Tierspital in Zürich gemerkt. Damals, zu Beginn der 2000er Jahre, hatte er als frischgebackener Doktor der Veterinärmedizin die Leidenschaft für die Chirurgie entdeckt.

Er sagt: «Wenn ich operiere, dann lebe ich im Moment. Ich verschwinde in einem Tunnel, vergesse alles um mich herum und funktioniere einfach.»

Der Tierchirurg greift mit seinen Händen ein.
Kleintierchirurg Nico Kipfer: «Wenn ich operiere, lebe ich im Moment.»

Das klingt fast schon meditativ – und macht von aussen betrachtet durchaus Sinn. Die Emotionalität der Halter, das akute Leid verunfallter Tiere, ihre kleinen und filigranen Gefässe und das Wissen darum, dass Fehler tödlich enden können: Um die Hand ruhig zu halten, muss man ausblenden können. Und zwar kompromisslos.

«Ich konzentriere mich voll darauf, die Lage des Tiers zu verbessern», sagt Nico Kipfer. Die Maxime ist unverhandelbar: «Das Tierwohl steht immer zuoberst.»

Erleichternd kommt freilich hinzu, dass er in seiner Karriere schon viel gesehen hat. Sehr viel sogar. Nach sieben Jahren als Assistenz- und Oberarzt im Tierspital hat er sich 2009 in die Selbständigkeit gewagt und «on the road» als Kleintierchirurg in anderen Praxen gearbeitet. 2017 entschloss sich der vierfache Familienvater zur Eröffnung seiner eigenen Überweisungspraxis an seinem Wohnort in Egg.

In dieser operiert er seither im Akkord fast ausschliesslich Katzen und Hunde. Ein regulärer Arbeitstag dauert 13 Stunden, darüber hinaus leistet er Notfall- und Bereitschaftsdienste an den Abenden und am Wochenende. Seine Angebotspalette ist breit, vom dentalen Bereich über die Onkologie bis hin zum Einsetzen eines neuen Hüftgelenks deckt er fast alles ab.

Die Fälle werden ihm von Tierärzten aus der Region und den anliegenden Kantonen zugewiesen. Nico Kipfer sagt denn auch, dass er sein Angebot als «ergänzend» versteht.

So kommt er jährlich auf etwa 1600 Operationen. Wobei die Kastrationen, die einzigen Eingriffe, die man bei ihm direkt buchen kann, den grössten Teil davon ausmachen. Insbesondere die sogenannte Laparoskopie ist sehr beliebt. Die moderne, schmerzarme und schnelle Methode der Kastration von Hündinnen verlangt nur einen minimalen Eingriff.

Eine weitere seiner Spezialitäten sind Kreuzbandrisse bei Hunden. Zu diesem Phänomen, das anders als bei einem Menschen nicht durch Unfälle, sondern durch natürliche Abnutzung entsteht, hat er einst seine Doktorarbeit verfasst.

Der Kreuzbandriss ist Knochenarbeit

Der Zufall will es, dass auch an diesem Nachmittag ein solcher Kreuzbandriss ansteht. Es ist nach dem beschriebenen Eingriff im Darm und der Krallen- und Zahnentfernung beim Chihuahua der dritte und schwerste Eingriff – im wahrsten Sinne des Wortes.

42 Kilogramm wiegt der Russische Schwarze Terrier, ein Brocken von einem Hund. Während Nico Kipfer am Tisch nebenan noch dem Chihuahua die Kralle entfernt, bereiten ihn zwei seiner Mitarbeiterinnen vor. Nachdem er eingeschlafen ist, fixieren sie ihm das linke Hinterbein und scheren ihm das Knie.

Der Wechsel von Tisch zu Tisch verläuft fliegend. Kipfer verbindet die Chihuahua-Pfote, verschliesst den Verband mit einem kleinen Herz und übergibt den Hund der Assistentin.

Ein betäubter Hund liegt auf einem Tisch. Seine Pfote ist verbunden und mit einem Herz-Sticker versehen.
Die OP ist beendet, der Patient schläft – und die Besitzer werden sich über das Herz auf dem Verband freuen.

«Sie können sich nicht vorstellen, wie viel Freude so ein Herz den Besitzern machen kann», sagt er lächelnd, als er sich des Terriers annimmt.

Dann geht es zur Sache. Der Chirurg schneidet den Unterschenkel bis zum Knie auf und schaut sich die Sachlage genau an. Durch eine Schablone bohrt er sechs Löcher in den Knochen, ehe er das Kniegelenk öffnet. Aus diesem holt er Stücke des Kreuzbands heraus und prüft, ob der Meniskus ebenfalls beschädigt ist.

In einem nächsten Schritt sägt Nico Kipfer den Knochen der Länge nach und hämmert eine Art Keil dazwischen. Schliesslich befestigt er mittels Schrauben eine Titanplatte, die die veränderte Konstellation fixiert.

So wird das Band, das sich über die Kniescheibe zieht, wieder dauerhaft gespannt. Es handelt sich um eine sogenannte Tibiale Tuberositas-Vorverlagerung, einen biomechanischen Eingriff.

Reputation als harte Währung

Was hier vollzogen wird, ist absolute Hochpräzisionsarbeit – und für den unwissenden Beobachter weniger komfortabel. Vor allem die Töne reizen. Es pocht, zischt und knirscht, bis sich die Haare auf der Haut aufstellen. Gänsehautfeeling im ungemütlichen Sinn eben.

Dass letztlich alles gut geht, ist nicht selbstverständlich – und ist es irgendwie dennoch. Kipfer schliesst nicht aus, dass es bei diesen standardisierten Eingriffen zu Komplikationen kommen kann. Doch das ist die Ausnahme.

Das Operationsbesteck auf einem Tisch ausgelegt.
Bei Kreuzbandrissen muss der Chirurg sägen, bohren und hämmern.

Er selbst habe durchschnittlich einen Fall pro Monat, bei dem im Nachgang noch Probleme aufträten. Das entspricht einer Erfolgsquote von etwa 99,75 Prozent. In der Wissenschaft wird mit einem Wert von 96 Prozent gerechnet.

Diese Zahl ist nicht unwichtig, die Reputation ist in dieser Branche eine harte Währung. Einerseits für die Tierärztinnen und Tierärzte, mit denen er zusammenarbeitet, andererseits für die Kundschaft, die mit einer hohen emotionalen Verbundenheit antritt.

Sozialkompetenz ist Faktor bei der Einstellung des Personals.

Nico Kipfer

Letztere ist unter anderem eine der grössten Herausforderungen, die das Geschäft mit sich bringt. Immer mehr Halterinnen und Halter heben ihr Tier auf eine fast schon menschliche Ebene. Es ist eine Tendenz, die Nico Kipfer kritisch beäugt, weil sie dazu führen kann, dass das eigene Wohl über dasjenige des Tiers gestellt wird. Beispielsweise, wenn ein Eingriff ein Leben verlängert, das nicht mehr lebenswert ist.

«Sozialkompetenz ist Faktor bei der Einstellung des Personals», sagt der Chirurg. Er erzählt von Leuten, die aufgelöst anrufen. Von solchen, die fordernd bis drohend auftreten. Und von anderen, die sogar mit in den OP-Saal gehen wollen. Hier gilt es, empathisch, aber mit einer klaren Haltung in den Dialog zu gehen.

Nico Kipfer in seinem Operationsaal.
Quasi «pro bono»: Nico Kipfer arbeitet gratis für mehrere Tierschutzorganisationen.

Daneben müssen seine acht Mitarbeitenden – allesamt Frauen – eine erhebliche Ausdauer mitbringen. Tierchirurgen sind in der Schweiz eine äusserst seltene Spezies, im nationalen Medizinalberufsregister sind 29 aktive registriert. Auf «etwa 15» schätzt Kipfer die Zahl derjenigen im Kleintierbereich, im Kanton Zürich ist es eine Handvoll.

Entsprechend ergiebig ist der Markt, auf dem sich der Spezialist mit seiner Praxis bewegt. Die hohe Nachfrage generiert viel Arbeit. Und mit Eingriffen, die sich in der Preisspanne von tiefen bis zu mittleren vierstelligen Beträgen bewegen, lässt sich gut wirtschaften.

«Dem ist schon so. Doch mir geht es nicht primär ums Monetäre, sondern um die Qualität und das Tier», will der Egger festgehalten haben. Unter diesem Licht gilt es auch sein Engagement für mehrere Tierschutzorganisationen zu betrachten, für die er entgeltlos operiert. In der Juristerei würde man von «pro bono» sprechen.

Die Ressourcenfrage bezieht sich denn auch nicht auf das Finanzielle, sondern auf die Zeit. Oder? Kipfer winkt ab: «Eine Stunde von meiner Zeit kann das Leben eines Tiers für Jahre verbessern», sagt er. Es sei also weder eine Frage des Geldes noch eine der Zeit. «Es ist eine Frage der Berufsethik.»

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