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Gesellschaft

Menschen mit Demenz brauchen Weihnachten ohne Stress

Pflegefachmann Christian Braunschweiger gibt Tipps für einen guten Umgang mit Demenzbetroffenen.

Soziale Kontakte helfen: Tanznachmittag für Menschen mit Demenz in Winterthur.

Foto: Madeleine Schoder

Menschen mit Demenz brauchen Weihnachten ohne Stress

Interview mit einem Experten aus Effretikon

Pflegefachmann Christian Braunschweiger gibt Tipps für einen guten Umgang mit Demenzbetroffenen. Er erklärt, wie man sie in ihrer Welt wertschätzend begleitet und Konflikte vermeidet.

Gabriele Spiller

Christian Braunschweiger erläutert, wie Angehörige an den Feiertagen besser mit der Herausforderung Demenz umgehen können. Er ist Experte für komplexe Pflegesituationen und Fachautor für die Ausbildung von Pflegenden. Als Berufsbildungsverantwortlicher arbeitet er im Gesundheitszentrum für das Alter Bombach der Stadt Zürich.

Herr Braunschweiger, während der Feiertage besuchen viele ihre älteren, vielleicht von Demenz betroffenen Verwandten. Was sollte man dabei beachten?

Christian Braunschweiger: Wichtig ist es, nur eine Information auf einmal zu vermitteln und Zeit zu lassen, diese zu verarbeiten. Vor allem sollte man nicht auf Defizite oder Fehler hinweisen, das kann Scham auslösen. Menschen mit Demenz machen Dinge anders; das ist gut so und sollte nicht korrigiert werden. Es ist für sie auch schwierig, Entscheidungen zu treffen, das stresst sie. Da das Visuelle noch besser funktioniert, zeigt man ihnen zum Beispiel zwei Speisen zur Auswahl.

Sie haben in einem Artikel über die Bedeutung der Spiegelneuronen geschrieben. Was passiert im Gehirn von Menschen mit Demenz, wenn sie mit Besuchern kommunizieren?

Demenzbetroffene spüren Gefühle sehr gut und spiegeln sie. Das heisst, sie übernehmen die Gefühlswelt des Gegenübers. Wenn man selbst gestresst oder wütend ist, dann zeigt der Mensch mit Demenz oft die gleichen Gefühle. Die vermittelte Emotion sollte also freundlich, offen und wertschätzend sein.

Christian Braunschweiger, Pflegefachmann HF.
Christian Braunschweiger, Pflegefachmann HF.

Sie sagen, dass Demenzbetroffene ihre Gefühle häufig nicht mehr sich selbst zuordnen könnten. Bedeutet das, ich kann als Besucherin die erhaltenen Reaktionen nicht ernst nehmen?

Doch, man muss die Menschen ernst nehmen, denn sie haben Emotionen, viele sogar. Allerdings fehlt im fortgeschrittenen Stadium der Ich-Bezug. Darum reiben sich viele Menschen mit Demenz am Körper, um sich zu spüren, ihre Grenzen wahrzunehmen und nicht das Gefühl zu haben, sich aufzulösen. Manche fragen auch: «Bin ich noch da?» Sie reagieren immer auf das, was sie wahrnehmen, im Guten wie im Schlechten.

Es ist nicht einfach, mit herausforderndem Verhalten oder Aggression von Demenzbetroffenen umzugehen – gerade in der Weihnachtszeit, wo alles harmonisch ablaufen soll.

Die Aggression hat immer eine Ursache: Es ist zu laut, es hat zu viele Leute. Die Betroffenen müssen auf die Toilette und können es nicht einordnen. Es können Schmerzen sein, Hunger, Durst oder Müdigkeit. Ein Besuch sollte deshalb nicht länger als 30 bis 60 Minuten dauern.

Dann ist es keine gute Idee, den Betroffenen an den Feiertagen «zur Abwechslung» nach Hause oder in ein Lokal einzuladen?

Im Anfangsstadium ist es noch in Ordnung, aber die Einladung sollte nicht zu lange dauern. Alles Fremde überfordert sie. Sie sehen vielleicht die vielen Besteckteile im Restaurant und wissen nicht mehr, wie damit umgehen. Sie reagieren auf die Umgebung und fragen sich, wo ihre Sachen, ihre Möbel sind. Das muss man gut abschätzen und allenfalls eher in ihrem eigenen Zimmer bleiben. Wenn jemand aggressiv reagiert, sollte man ihm Raum geben und es nach einem Kaffee noch mal mit einem Besuch probieren.

Was mache ich, wenn ich den Eindruck habe, ich erreiche die Person nicht mehr?

Im späteren Stadium kann es sein, dass Sie von einem Tag auf den anderen nicht mehr erkannt werden. Oder wenn eine Tochter immer lange Haare gehabt hat, wirken kurze Haare schon irritierend. Menschen mit Demenz sind aber sehr offen und unterhalten sich auch mit Personen, die sie nicht mehr erkennen. Es sollte auch nicht verletzen, wenn jemand sagt, er würde nie von den Kindern besucht werden, obwohl sie vor ihm stehen. Diskussionen bringen gar nichts.

Wie gehen Sie damit um, wenn Betroffene phantasieren?

Wenn mir eine Bewohnerin erzählt, gestern habe ihre Mutter sie besucht, dann frage ich sie, ob das schön war und was sie zusammen gemacht haben. Nehmen Sie es an, für die Person ist das die Wahrheit! Sie können nicht mehr in unsere Welt, aber wir können sie ein Stück weit in ihrer Welt begleiten. Man sagt: Das Herz wird nie dement – das ist immer da. Gefühle bleiben bis ganz zum Schluss.

Warum interessiert Sie das Thema Pflege bei Demenz?

Als Pflegefachmann der Höheren Fachschule arbeite ich immer wieder mit Menschen mit Demenz. Das Syndrom ist so vielseitig, und jeder Bewohner reagiert anders, das fasziniert mich. Demenz ist keine Krankheit, sondern eine Sammlung von unterschiedlichen Symptomen, die mit fortschreitenden Krankheiten des Gehirns, zum Beispiel Alzheimer, zusammenhängt. Es gibt aber nicht nur das Leid. Ich erlebe viele schöne, herzerwärmende Situationen wie ein Lächeln oder das Halten einer Hand.

Bekommen Sie die Unterstützung, die Sie im Pflegealltag brauchen?

Für Menschen mit Demenz braucht es Zeit, deshalb haben die meisten Demenzabteilungen einen höheren Stellenschlüssel. Wegen des Fachkräftemangels fehlt leider häufig diese Zeit. Hier ist die Politik, der Bund gefragt. Die Pflegeinitiative muss so schnell als möglich umgesetzt werden, damit sich die Arbeitsbedingungen verbessern. Seit der Abstimmung sind über zwei Jahre vergangen. Über einen Studiumslohn muss es attraktiver für Studierende sein, den Beruf zu lernen. Denn es ist der schönste Beruf, den ich mir vorstellen kann.

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