«Es ist sehr gefährlich, was wir machen»
Leben für die Manege
Janine Eggenberger ist Zirkusfrau und möchte es noch lange bleiben. Diese Gagen braucht sie auch, um ihre Artistenschule in Fällanden unterhalten zu können.
Janine Eggenberger sitzt zusammen mit Artistikpartner Fabien Ropraz in ihrer Zirkusschule Flyingdance in Fällanden auf einer Matte. Beide lächeln. Nun gut, das tun sie auch weit über dem Boden während einer halsbrecherischen Nummer. Diesmal sind sie aber wegen ihrer Auszeichnung gut gelaunt, die sie erhalten haben. Vor Kurzem konnte das Duo den bronzenen Preis und den Award des Cirque du Soleil beim ersten Circus Festival «Golden Horse» in Sofia entgegennehmen.
«Sehr überraschend» sei diese Anerkennung gekommen, sagt Eggenberger, die den Preis nicht erwartet hatte.
Kauffrau-Lehre als Back-up
Ihre Zirkusschule betreibt die ehemalige Dübendorferin seit einigen Jahren. Dabei kam Eggenbergers Liebe zum Zirkus erst spät. Früher hat sich die heute 35-Jährige vor allem fürs Tanzen interessiert. Deshalb ist sie auch mit Anfang 20 nach New York gepilgert, um in zwei renommierten Tanzschulen zu lernen. Zuvor hat sie aber ihre KV-Lehre in einer Grossbank abgeschlossen. «Du musst immer einen Back-up-Plan haben», sagt sie.
Letztlich hat Janine Eggenberger in der amerikanischen Grossstadt auch Erfahrungen in Luftakrobatik gemacht und so sozusagen erste Zirkusluft geschnuppert.
Ihre Fähigkeiten hat sie dann in Montreal vertieft, der Hauptstadt des modernen Zirkus. Dort liess sie sich bei den Coaches des Cirque du Soleil ausbilden. Seither hat sie in zahlreichen Shows mitgewirkt, unter anderem auch als Solistin beim Cirque du Soleil in London.
Eggenberger hat sich für ein Leben ausserhalb der Komfortzone entschieden: «Es ist sehr gefährlich, was wir machen. Sechs bis acht Meter über Boden ohne Sicherung – da strömt ordentlich Adrenalin durch den Körper.» Passiert sei zum Glück nie etwas, auch weil die Harmonie zwischen ihr und Fabien Ropraz stimme.
Dieser ergänzt: «Wir müssen uns wohlfühlen, wenn wir was machen. Hätten wir Angst, wäre das nicht gut.»
Auftritte auf hoher See
Trotz Risiko können die beiden von Zirkusauftritten allein nicht leben. Deswegen präsentieren sie ihr artistisches Können an Firmenanlässen oder Hochzeiten.


Weil sie vom Tanz kommt, hat Janine Eggenberger auch schon in Musicals mitgespielt. «Speziell war die Zeit auf dem Kreuzfahrtschiff ‹Royal Caribbean›, wo ich mehrere Monate auf See aufgetreten bin.» Wie lange sie selber noch aufs Trapez steigen will, weiss Eggenberger nicht. «Es gibt Artisten, die mit 50 immer noch in der Luft sind. Wir hoffen, noch lange an Firmenanlässen auftreten zu können.»
Freund beim Zirkus kennengelernt
Dies alles macht sie auch, um ihre Zirkusschule in Fällanden mit fünf angestellten Lehrerinnen finanzieren zu können. Dort unterrichtet sie Mädchen und Buben von 3 bis 18 mit unterschiedlichen Ambitionen. «Manche Kinder wollen gleich in die Luft, statt erst die Grundlagen des Bodenturnens zu lernen.» Eine talentierte Schülerin von ihr hat die Aufnahmeprüfung in eine professionelle Zirkusschule in Quebec geschafft.
Zu ihren Kunden zählen aber nicht nur Kinder. «Bei mir war auch schon eine Gruppe älterer Männer, die ein paar Kunststücke lernen wollten.»
Janine Eggenberger hat vor sechs Jahren ihren heutigen Verlobten im Zirkus kennengelernt. Sie trat als Artistin auf, er sorgte als Lichttechniker für die passende Ausleuchtung. Beide haben gelernt, mit den Herausforderungen des Business umzugehen. Die Freizeit sei wegen kurzfristiger Engagements eigentlich unplanbar. Und auch die Festtage seien jedes Jahr anders, sagt Eggenberger. «Dieses Jahr feiern wir das erste Mal zusammen Weihnachten.»
Eine schöne Geste ist für sie auch, dass der Circus Monti dieses Jahr als erster Zirkus überhaupt den Schweizer Preis für darstellende Künste vom Bund erhalten hat. Janine Eggenberger ist selber längere Zeit mit Fabien Ropraz in Monti’s Variété aufgetreten. Die staatliche Anerkennung ist nicht selbstverständlich für sie: «Der Zirkus hat noch immer einen schweren Stand.»
