Wenn der Garten zum Hotspot für Tiere und Pflanzen wird
Mehr als ein Trend
In urbanen Gegenden ist die naturnahe Gestaltung von öffentlichen Anlagen schon länger ein Thema. Immer häufiger wünschen sich auch Hobbygärtner einen Naturgarten.
Der grosszügige Garten grenzt an einen kleinen Wald und wirkt strukturiert, aber nicht «herausgeputzt». Die Bezeichnung «wildromantisch» beschreibt das idyllische Fleckchen Erde wohl am ehesten. Zwei Gärtner mähen mit ihren Sensen den Steilhang.
Einer der beiden Gärtner unterbricht seine Arbeit und kommt den Grashügel herunter. Es ist Daniel Rothenbühler, Inhaber von Roda Naturgärten, mit Sitz in Bauma. Eine Kundin hat Rothenbühler auf ihr privates Anwesen in Wila bestellt, um ihren naturnah gestalteten Garten auf Vordermann zu bringen – bevor er unter der Schneedecke verschwindet.
Artenvielfalt und einheimische Pflanzen
Was macht einen Naturgarten eigentlich aus? «Die Biodiversität steht im Mittelpunkt unseres Handelns», erklärt Daniel Rothenbühler, «der Artenschwund in der Landschaft ist ein Thema, das dringenden Handlungsbedarf erfordert.» Eine vielfältige, ausgewogene Flora stelle ein breites Nahrungsangebot für die Fauna sicher. «Tausende Wildbienen und -wespen sind auf die unterschiedlichsten Pflanzen angewiesen.»
Der Fachmann pflanzt aus Überzeugung vorwiegend einheimische Pflanzen. Auch wenn er Natursteine verbaut, setzt er auf Schweizer Produkte: «Grundsätzlich arbeiten wir möglichst regional, um den wirtschaftlichen Kreislauf zu schliessen.»
Typische Elemente eines Naturgartens
- Wiese mit hohem Blumenanteil (aus einheimischer Flora)
- Trockensteinmauern bieten Lebensraum für kleine Lebewesen
- Wasser in allen Varianten (Bach, Brunnen, Teich)
- Holz- oder Asthaufen als Rückzugsort für viele Tiere
- Sandlinsen für Wildbienenarten (sie graben Gänge und legen ihre Eier dort ab)
Seit Oktober 2023 ist Roda Naturgärten ein Bioterra-Fachbetrieb und muss sich an deren Richtlinien für naturnahe Gärten halten. «Diese schreiben unter anderem vor, dass, soweit erhältlich, Pflanzen in Bio-Qualität gekauft und verpflanzt werden dürfen. Ausserdem soll der Anteil an fremdländischen Pflanzen 20 Prozent nicht übersteigen.»
Chemiekeulen sind tabu
In einer naturnahen Grünanlage haben synthetische Spritz- und Düngemittel nichts verloren. «Ein gesunder Garten regelt vieles selbst», erklärt Daniel Rothenbühler, «als natürliche Gegner der Blattläuse zum Beispiel sorgen die Larven der Marienkäfer eigenständig für deren Regulation.» Aus Erfahrung weiss er: «Hat eine Pflanze mit starkem Schädlingsbefall zu kämpfen, ist sie entweder geschwächt oder nicht glücklich mit ihrem Standort.»
Grundsätzlich rät der Fachmann, der Natur möglichst ihren Lauf zu lassen und nur wo nötig einzugreifen. «Bei der Pflanzenauswahl setze ich, wenn immer möglich, auf robuste, standortgerechte, alte Sorten», so Rothenbühler, «sie sind weniger anfällig für Krankheiten und brauchen ein Minimum an Pflegemassnahmen.» Seit geraumer Zeit werde beispielsweise die Gyrenbader Quitte wieder gezüchtet. «Sie wurde jahrhundertelang an die Bedingungen in diesem Tal angepasst.»
Beim anschliessenden Rundgang durch das Wilemer Anwesen wird ersichtlich, was eine naturnahe Gestaltung von einem herkömmlichen Garten unterscheidet. In verschiedenen Ecken wurden von Menschenhand zahlreiche Unterschlupfmöglichkeiten angelegt.
In grossen Asthaufen finden Igel, Erdkröten, Blindschleichen und Insekten Zuflucht. Kleinstrukturen sollten in keinem Naturgarten fehlen. Auf unterschiedlich grossen Steinhaufen, die am Rand der Wiese angehäuft sind, sonnen sich Eidechsen und Ringelnattern. Eine Steinmauer aus recycelten Platten, Trittstufen und Steinen beherbergt unzählige Kleinstlebewesen. Gleichzeitig lädt sie Zweibeiner zum gemütlichen Sitzen und Beobachten der Natur ein.
Das geschnittene Gras wird nicht einfach entsorgt, sondern bleibt noch drei oder vier Tage liegen. Danach wird es zu einem Haufen aufgeschichtet. «Wir haben die Fauna gestört mit dem Mähvorgang. Nun haben die Insekten einige Tage Zeit, sich ein anderes Zuhause zu suchen. Oder sie bleiben gleich im Grashaufen, um darin zu überwintern.»
Die meisten Kunden von Rothenbühler sind naturbewusste Menschen, die sich ein friedliches Miteinander mit Pflanzen und Tieren wünschen. Auch die Besitzerin von besagtem Wilemer Garten erfreut sich an den tierischen Gästen, die sie schon beherbergen durfte.
Selbstverständlich bedarf auch ein Naturgarten regelmässiger Pflege, sonst nimmt die Natur bald überhand: «Brombeeren und Pioniergehölze machen sich schnell überall breit, und irgendwann ist der strukturierte Garten einem Wildwuchs gewichen», erklärt Rothenbühler. «Eine Trockenwiese mit hohem Blumenanteil beispielsweise braucht viel Licht.» Ist das Gras zu hoch, muss der Mensch mit Mähen nachhelfen.
«Jeder Quadratmeter, der naturnah gestaltet wird, ist wertvoll für die Natur», ist der Gärtner überzeugt. Ein konservativer Garten lasse sich auch mit einzelnen naturnah gestalteten Bereichen kombinieren. «So kann die klassische englische Rose durchaus neben einer wilden Hecke gedeihen.» Rothenbühler appelliert ans Experimentieren: «Der Garten lebt – man muss sich nur auf ihn einlassen.» Mit einem Augenzwinkern verrät er den angenehmen Nebeneffekt, den ein Naturgarten mit sich bringt: «Das Herumtüfteln weckt den kindlichen Entdeckergeist.»
Naturgärten als Leidenschaft
Vor zwei Jahren sind Daniel und Myriam Rothenbühler von Winterthur nach Bauma gezogen, in dessen Region sie sich als Naturgärtner empfehlen. Seine Frau Myriam bringt sich als studierte Umweltingenieurin und Gartenplanerin ein, wenn es um die Planung und Anlegung von naturnahen Gärten geht. In Winterthur war Daniel Rothenbühler jahrelang als Velogärtner unterwegs, das Werkzeug von Schaufel bis Spaten in einem eigens gebauten Veloanhänger immer dabei.
«Bereits während meiner Gärtnerlehre merkte ich, dass mir der Bezug zu einheimischen Pflanzenarten sehr wichtig ist.» Aus diesem Antrieb besuchte er entsprechende Lehrgänge, um sich zum Naturgärtner weiterzubilden.