Die Schweizer Chiffriermaschine aus Uster
Längst vergessene Geschichte
Die Zellweger AG in Uster baute nicht nur Textil-, sondern auch eine Verschlüsselungsmaschine. Der Wunsch nach einer solchen entstand im Zweiten Weltkrieg.
Wer in Uster Zellweger hört, der denkt an den Park, an die gleichnamige Firma, die Textilmaschinen herstellte. Doch wohl kaum jemand würde bei Zellweger an Krieg, Kryptografie und Verschlüsselung denken.
Doch mitten im Zweiten Weltkrieg hatte die Schweiz eine Chiffriermaschine entwickelt, die der deutschen Verschlüsselungsmaschine Enigma nachempfunden war. Das in der Schweiz entwickelte Gerät wurde Neue Maschine, abgekürzt Nema, genannt. Und gebaut wurde sie in Uster bei der Firma Zellweger.
Die Zellweger AG in Uster war bis Mitte der 1950er Jahre einer der grossen Hersteller von Telefonapparaten. Heute heisst sie Uster Technologies und ist auf Textiltechnik spezialisiert. Im historischen Lexikon der Schweiz und in einer Jubiläumsbroschüre aus dem 1975 finden wir verlässliche Angaben zur Geschichte: 1874 eröffneten Jakob Kuhn aus Zell im Tösstal und Jakob Wolfenberger aus Wetzikon eine «Lufttelegrafen-Werkstätte» in Uster. Schon 1880 übernahmen Alfred Zellweger und Wilhelm Heinrich von Ehrenberg und gründeten die Fabrik für elektrische Apparate. Bereits 1897 baute Uster auf Anregung von Alfred Zellweger das erste Elektrizitätswerk, das Strom für Beleuchtung und Motoren lieferte. Motoren brauchte es nicht nur in der Textilindustrie, sondern für Geräte in der Landwirtschaft. Ab 1918 hiess die Firma Zellweger AG und produzierte ab 1923 auch Radio- und Funkapparate; die Firma lieferte Funkgeräte in verschiedenen Variationen für die Schweizer Armee, ab 1927 auch mechanische Hilfsmittel für Webereien, später dann Industrieelektronik.
Alfred Zellweger tat sich als begabter Erfinder hervor und liess unter anderem elektrische Wecker und Türöffner, Blitzschutzapparate, Tourenzahl-Regulierer für Textilmaschinen, eine Trolley-Kontaktvorrichtung für elektrische Fahrzeuge und sogar eine Kaffeemühle patentieren. Die Firma machte sich auch einen Namen für sogenannten Rundsteueranlagen für die Elektrizitätsversorgung. Das sind Geräte, mit deren Hilfe Steuersignale etwa für die Strassenbeleuchtung über das elektrische Netz verteilt werden können. Zellweger nutzte nach einem Brand die Liegenschaft in der ehemaligen Spinnerei von Heinrich Kunz, dieses Gelände heisst heute Zellweger-Park. 1975 bei ihrem 100jährigen Jubiläum beschäftigte die Firma 3100 Personen in drei Produktionsstätten: Uster, Hombrechtikon und Sargans.
1993 fusionierte die Firma mit der Luwa AG zur Zellweger Luwa. 2003 wurde dieser Bereich selbständig und in Uster Technologies umbenannt. Anders als etwa die Regensdorfer Firma Gretag hat die Zellweger keine weiteren Chiffriergeräte mehr entwickelt. (dl)
Anlehnung an die Enigma
Die Geschichte der Nema ist eng mit jener der berühmten deutschen Chiffriermaschine Enigma verbunden. In grosser Eile bestellte die Schweizer Armee kurz vor dem Zweiten Weltkrieg die deutsche Maschine: Sie erhielt die Version K, dabei steht K für kommerziell. Dieser Maschine fehlte das sogenannte Steckerbrett auf der Vorderseite.
Einer der letzten Schweizer Zeitzeugen, der hochbetagte Paul Glur, erinnerte sich im Gespräch mit dem Autor im Jahr 2001: «Man hatte das Gebiet der Verschlüsselung nach dem Ersten Weltkrieg einschlafen lassen.» 1938 erreichte eine erste Lieferung von 238 Enigmas die Schweiz. Eine spätere Bestellung wurde nicht mehr ausgeführt.
Produktion in Uster
Gleich zu Beginn des Kriegs erhielt der Schweizer Nachrichtendienst dann Hinweise, dass die eigenen Funksprüche geknackt wurden. Schuld war die reglementwidrige Bedienung. Zudem waren bestimmte Konfigurationen nicht geändert worden, womit es für Deutschland ein Leichtes war, die Schweizer Nachrichten zu entziffern. Handlungsbedarf wurde deutlich. Abgesehen davon konnte Deutschland nicht mehr liefern, und die Schweiz brauchte mehr Maschinen.
Zunächst wollte die kriegstechnische Abteilung der Armee die Enigma einfach nachbauen. Die zugezogenen Spezialisten konnten sich aber durchsetzen, sie verlangten eine Neuentwicklung. Die drei waren Hugo Hadwiger, Heinrich Emil Weber und Paul Glur.
Hadwiger war zu jener Zeit Professor der Mathematik an der Universität Bern, Paul Glur einer seiner Schüler. Heinrich Emil Weber war Chef der Versuchsabteilung der damaligen PTT, die später in Post und Swisscom aufgeteilt wurde.
Die drei Männer, die einige, wenn auch nicht alle Schwächen der Enigma kannten, entwickelten und konstruierten die Nema während ihres Aktivdienstes in Bern. Zellweger baute Prototypen noch während des Kriegs. Die Arbeiten wurden unter strengster Geheimhaltung durchgeführt.

Drei Varianten
1945 lagen die ersten Prototypen vor. Doch diese mussten verbessert werden. Es kamen klare Instruktionen: «Die Maschine wird robuster konstruiert als die Prototypen, der Tastenanschlag wird härter und präziser, die Klinken breiter und solider ausgeführt als bisher», heisst es in einem Armee-Dokument, das heute im Bundesarchiv liegt.
Vom Aufbau her unterschied sich die Nema kaum von der Enigma: Sie bestand aus einem Tastenfeld, einer internen Anzeige mit Glühlampen, einem Rotorblock mit vier beweglichen zweiteiligen Rotoren sowie einer externen Anzeige, um die Bedienung zu erleichtern, dazu kam wieder eine Umkehrwalze, sodass für den Benutzer zehn Walzen zu sehen sind. Für die Bedienung brauchte zwei Personen: Einer tastete den Funkspruch zum Verschlüsseln respektive Entschlüsseln ein, ein anderer las das Resultat an der Lampenanzeige ab und hielt es auf einem Formular fest, das anschliessend per Morsezeichen übertragen wurde. Zuerst musste die Maschine aber vorbereitet werden. Dazu mussten die Rotoren eingebaut werden. Die genau Position jeder Walze wurde durch den sogenannten Schlüsselbefehl geregelt. Aus dem Tagesschlüssel musste der Funker für jede Nachricht einen individuellen Spruchschüssel berechnen. Alles in allem ein mühsamer, zeitraubender und fehleranfälliger Prozess. Die eigentliche Verschlüsselung passierte in diesen Rotoren, hier wurden die Buchstaben nach einem komplexen Schema vertauscht.
Die Maschine galt nach den herrschenden Massstäben als sicher. Allerdings war sie nur etwa zehn Jahre relevant, auch wenn sie wesentlich länger in Betrieb war: Bereits ab Ende der 1950er Jahre kam eine neuere und schnellere Technologie, die mit verschlüsselten Fernschreibern arbeitete. Das erste Modell wurde von der Regensdorfer Firma Gretag AG Mitte der 1950er Jahre geliefert und als KFF-58 im Jahr 1958 in die Truppe integriert. KFF steht für Krypto-Funk-Fernschreiber. Sie wurde von nur einer Person bedient, die im Zehnfingersystem schrieb und damit mindestens zehnmal schneller war als auf der Nema. Auch im diplomatischen Verkehr setzte sich mit der Zeit der schnellere Fernschreiber durch. Die Nema-Maschinen blieben im Notfunknetz der Armee und im diplomatischen Dienst bis 1975 im Einsatz. Sie waren nicht sonderlich beliebt und hatten den Übernamen «Fingerbrecher», weil die Tasten mit relativ viel Druck bedient werden mussten. (dl)
Die erste Serie von Maschinen war 1947 bereit und wurden ein Jahr später in Betrieb genommen. Total wurden 640 Maschinen in drei Varianten gebaut: Es gab die Übungs-, eine Kriegs- (K-Mob-Maschine genannt) und eine spezielle Maschine für den diplomatischen Verkehr. Die drei Ausführungen unterschieden sich durch die Konstruktion der Rotoren.

Nach dem Krieg hatte die Geschichte der Nema ein interessantes Nachspiel: Die drei Entwickler verlangten, für ihre Erfinderarbeit entschädigt zu werden. Die Schweizer Armee lehnte zunächst ab, wurde aber später dann doch weich: Die drei erhielten zusammen 6000 Franken – viel Geld für damalige Verhältnisse.
Ein Kenner aus dem Oberland
Eines der 640 Geräte, die 1994 von der Armee an Sammler zum Spottpreis von 50 Franken pro Stück verkauft wurden und heutzutage als Liebhaberobjekte das zwanzigfache wert sind, landete bei Walter Schmid in Hombrechtikon. Er gilt als einer der besten Spezialisten für die Verschlüsselungsmaschine, wurde im Militärdienst an der Nema ausgebildet und bediente sie später im Botschaftsfunk.
Schmid hatte zunächst Mechaniker gelernt und danach ein Studium als Elektroingenieur absolviert. Er entwickelte ein Flair für Kryptologie, als er in den 1970er Jahren als Funker in den Schweizer Botschaften in Delhi und Dhaka Einsätze leistete. Es war die Zeit der Kriege zwischen Indien und Pakistan. Per Funk wurden Namen von Kriegsgefangenen übermittelt. So kam der Ingenieur auch mit der Nema in Kontakt.

Dem Hombrechtiker, der im Lauf der Zeit neben Paul Glur auch zahlreiche Sammler kennenlernte, ist es heute ein Anliegen, das Wissen rund um die einzigartige Ustermer Entwicklung weiterzugeben. Neben einer hundert Seiten umfassenden Dokumentation, die er der ETH-Bibliothek zur Verfügung gestellt hat, lädt er ein, die Maschine selbst zu benutzen und auszuprobieren.
Immer wieder sorgt das Verschlüsseln eines Wortes, eines Satzes für Staunen: Denn es ist aufwendig und langsam, vor allem wenn man weiss, dass die unverständlichen Buchstabenfolgen anschliessend per Morsecode übertragen werden mussten.
Besonders stolz ist der Sammler neben der Nema aber auch auf ein kleines Objekt. Gemäss Typenschild wurde es auch von Zellweger Uster hergestellt: Es ist ein zylinderförmiges Gerät mit fünf Gruppen à je fünf Rotoren. Dabei handelt es sich um ein Front-Chiffriergerät, das 1949 bis 1973 in Betrieb war. Aufgrund seiner komplizierten Bedienung war es bei der Truppe nicht sonderlich beliebt.
