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Mehl statt Milch und ein Ustermer Stadtpräsident

Was am Ustertag jenseits der hohen Politik für Gesprächsstoff sorgt: Genderfragen, die Suppenwahl und ein altes Gebäude hoch über der Stadt.

Ist das nun eine Burg oder ein Schloss? Bundesrat Ignazio Cassis und seine Frau bestaunen das Kartongehäuse, das sie von Usters Stadtpräsidentin Barbara Thalmann (links) erhalten haben.

Foto: Christian Brändli

Mehl statt Milch und ein Ustermer Stadtpräsident

Die Suche nach Alternativen am Ustertag

Hat Uster ein Schloss oder eine Burg und eine Präsidentin oder einen Präsidenten? Am Rande des Ustertages werden alternative Fakten geschaffen.

Die Frage beschäftigt Uster schon lange: Ist das, was da oben auf dem Hügel thront nun eine Burg oder ein Schloss? Usters Stadtpräsidentin Barbara Thalmann (SP) mochte am Empfang von Bundesrat Ignazio Cassis am Sonntag in eben diesem Gebäude auch keine klare Antwort geben.

Vielmehr überreichte sie dem Schweizer Aussenminister vor seinem Auftritt anlässlich des Ustertages einen Kartonturm, der eher auf eine befestigte Burg schliessen lässt. Gleichzeitig verwies sie aber auf den kredenzten Weisswein, der unter dem Label «Schlosswein» figuriert.

Der Trompeter in einer verrückten Welt

Der freisinnige Magistrat liess sich davon – vorerst – noch nicht beirren, sondern den Marsch blasen. Dafür sorgten einige Posaunisten der Musikschule. Cassis bekannte, dass er selbst leidenschaftlich die Trompete blies.

Musiker vor Bundesrat Ignazio Cassis beim Empfang im Schloss Uster.
Der begeisterte Trompeter Ignazio Cassis hört den Posaunisten der Musikschule Uster zu.

Und er kam vor dem versammelten Stadtrat und dem Ustertagkomitee auf die «verrückte Welt» zu sprechen. Das meinte er bezogen auf die aktuellen Konflikte weltweit, aber auch den Umstand, dass vermeintliche Gewissheiten nun eben verrückt worden seien.

Bezogen auf die jüngsten nationalen Wahlen meinte er, dass die Resultate hierzulande als grosse Veränderungen interpretiert würden. Im Ausland dagegen würde diese als stabile Verhältnisse wahrgenommen.

Der Rückzug aufs Blumensofa

Ob es Nachwirkungen von den Wirrungen am Morgen waren oder sprachliche Hürden, blieb unklar. Fakt ist, dass der Tessiner Bundesrat in der Kirche coram publico vom Ustermer Stadtpräsidenten sprach. Das wiederum sorgte natürlich für Gesprächsstoff an der Nachfeier für geladene Gäste.

Diese Diskussionen hörte Cassis nicht mehr, da er sich wegen «kurzfristiger Verpflichtungen», wie es Ustertag-Obmann Christoph Keller ausdrückte, bereits wieder «davon» machen musste. Der Zürcher Regierungspräsident Mario Fehr meinte dazu, dass der Aussenminister sich wohl eher aufs Blumensofa zurückgezogen habe.

Barbara Thalmann stellte an der Nachfeier jedenfalls klar, dass sie eine Frau und zugleich Usters aktuelle Stadtpräsidentin sei. Mit ihrer Feststellung, dass «der Bundesrat leider nicht mehr unter uns ist», erntete sie Schmunzeln und musste feststellen, dass die Sprache tatsächlich eine heikle Sache ist. Der Mediziner Cassis erfreut sich jedenfalls trotz Fehlens an der Nachfeier weiterhin guter Gesundheit.

Die ersten Zürcher Demonstranten

Die Gesundheit war auch Thema von Küsnachts Gemeindepräsident Markus Ernst (FDP). Zu dieser soll nicht nur der Wein beitragen, den seine Gemeinde dieses Jahr den Ustertag-Besuchern spendierte. Er konnte auch verkünden, dass zurzeit ein Küsnachter Arzt dem darbenden Spital Uster wieder «auf die Beine hilft».

Im Übrigen verwies er darauf, dass in seiner Gemeinde vor über 190 Jahren wohl die erste Demo im Kanton Zürich stattgefunden habe. Dies erkläre es auch, weshalb Küsnachter und Stäfner Delegationen noch heute zu Fuss an den Ustertag kämen. Und da an früheren Nachfeiern schon versucht worden sei, ihm die Redezeit zu beschneiden, klebe er sich nun am Rednerpult an.

Küsnachts Gemeindepräsident Markus Ernst am Rednerpult im Stadthofsaal Uster.
Küsnachts Gemeindepräsident Markus Ernst scherzte an der Nachfeier, dass er sich nun an den Pult klebe, um seinen Platz am Rednerpult zu sichern.

Der Leim schien dann doch nicht so gut gehgalten zu haben, jedenfalls räumte er den Platz für andere Redner, etwa den Bürgermeister des deutschen Prenzlau, der Partnerstadt von Uster. Er bedauerte, dass aus Deutschland, dem Land der Dichter und Denker ein Land der Kleber und Streiker geworden sei. Und er pries einen in seiner Stadt entwickelten Aufkleber an: «Kleb dich nicht fest, lerne lesen und schreiben und geh arbeiten.»

Die Folgen einer Kantonsteilung

Kantonsratspräsidentin Sylvie Matter (SP) brachte Richtigstellungen und Befürchtungen mit an die Nachfeier. So korrigierte sie den Obmann, dass im Bundeshaus nicht etwa eine Scheibe mit dem Ustermer Wappen hänge, sondern vielmehr jenem von Kirchuster.

Und da sie bereits zum zweiten Mal hintereinander an der Nachfeier sprach – im Vorjahr musste sie als Vize den verhinderten Ratspräsidenten (oder war es eine Präsidentin?) -, befürchtete sie, schon bald zum Inventar dieses Anlasses zu gehören, so zwischen Salat, Salut, Risotto und Cremeschnitten.

Kantonsratspräsidentin Sylvie Matter am Rednerpult im Stadthofsaal Uster.
Gehört sie jetzt mit dem zweiten Auftritt an der Ustertag-Nachfeier schon zum Inventar? Kantonsratspräsidentin Sylvie Matter erntete für ihre geistreiche Rede viel Applaus.

Und dann kam sie auf die Probleme zu sprechen, die mit der von links und rechts aufgestellten Forderung nach Schaffung von zwei Zürcher Kantonen, Stadt und Land, auf Uster zukämen. Welcher Regierungsrat würde dann jeweils an der Nachfeier sprechen dürfen?

Zudem sah sie bereits einen Konflikt zwischen Winterthur und Uster im Kampf um den Hauptort des Landkantons aufziehen. Dieser müsste dann wohl irgendwo bei Agasul ausgefochten werden.

Die falsche Suppe

Der Tafelmajor Timotheus Bruderer, SVP-Parlamentarier aus Wetzikon, meinte da, dass es in dieser Situation vielleicht wie einst bei Kappel wieder eine Mehlsuppe zur Versöhnung brauche. Er musste aus dem Saal vernehmen, dass es damals eine andere Zutat gewesen sei.

Keinen milchigen Blick, sondern klare – und für einmal an diesem Abend auch ernst gemeinte – Worte hatte der ehemalige Korpskommandant und Hauptredner Aldo Schellenberg: Er forderte die Politik auf, angesichts der internationalen Krisen und Kriege die nötigen Finanzen für eine verteidigungsfähige Schweizer Armee zu sprechen.

Angriff vor dem Verschwinden

Den Schluss des Rednerreigens bildete einmal mehr Regierungspräsident Mario Fehr. Passend zu den vielen alternativen Sichten, die an diesem Tag präsentiert wurden, brachte er im Fall einer Aufteilung des Kantons seinen Wohnort Adliswil als neue Hauptstadt der Landschaft ins Spiel.

Für die Bundesratsambitionen der Grünen zeigte er Verständnis, schliesslich «muss man angreifen, solange es einen noch gibt». Und die an diesem Sonntag siegreiche GLP sieht er «als Linke im Büssergewand».

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