Der aussergewöhnliche «Chindsgi»-Weg der Oberländer Dorfkinder
Von der Aussenwacht zum Kindergarten
Ist der Schulweg zu lang, stehen in vielen Oberländer Gemeinden Schulbusse zur Verfügung. Wir haben einen Erstkindergärtler auf seinem Weg begleitet.
Buntes Laub unter Kinderschuhen, Kastanien vom Wegrand aufsammeln: Wenn sich der Herbst zeigt, dann kennen viele Kindergartenkinder und Primarschüler ihren Schulweg schon lange in- und auswendig. Sie wissen, wo welcher Baum steht. Doch gerade in der Region ist es nicht selbstverständlich, dass jedes Kind seinen Schulweg auch zu Fuss meistert. Gerade in Aussenwachten kommen Schulbusse zum Einsatz.
Doch wie fühlt sich das an, wenn in die Schule gefahren statt gelaufen wird? Wir konnten, nachdem sich die ganze Aufregung zum Schulanfang gelegt hatte, ein Hinwiler Kind auf seiner Fahrt mit dem Schulbus begleiten.
400 Meter zu Fuss
Es ist Montagmorgen. Die ersten Sonnenstrahlen lassen das bunte Herbstlaub strahlen. Der vierjährige Dominik marschiert an der Hand seiner Mutter durch die Hinwiler Aussenwacht Bossikon. Das «Chindsgi-Täschli» und der Leuchtbändel lassen erahnen, dass er auf dem Weg in den Kindergarten ist.
Sein Schulweg endet vorerst nach rund 400 Metern. Bei der Rampe eines ehemaligen Milchhäuschens im kleinen Weiler hat Dominik sein erstes Ziel erreicht. Bald bekommen Mutter und Sohn Gesellschaft. Ein Vater biegt mit seinen beiden Töchtern um die Ecke, kurz darauf stossen zwei weitere Kinder mit ihren Eltern dazu.
Die ehemalige Milchrampe ist die offizielle «Haltestelle» des Schulbusses. Die Kinder aus Bossikon sind auf den Bus angewiesen, da es in diesem Weiler keinen Kindergarten und keine Schule gibt.
Kaum kommt das Grüppchen ins Gespräch, rollt der gelbe Bus heran. Die Buben und Mädchen verabschieden sich von ihren Eltern und stellen sich brav in eine Reihe. Das Fahrzeug hält, die Tür öffnet sich. «Guete Morge», ist die fröhliche Stimme der Busfahrerin zu hören.
Einige wenige Sitze sind bereits belegt von Kindern, die eine Station früher eingestiegen waren. Schnell, aber ohne Hektik lassen sich die vier neuen Fahrgäste nieder und hantieren geschäftig mit Taschen und Sicherheitsgurten herum. «Das Anschnallen klappt mittlerweile super», freut sich die Schulbusfahrerin. Im Gegensatz zum öffentlichen Bus sei dies im Schulbus nämlich Pflicht.
Die ersten Wochen nach den Sommerferien habe sie die neuen Vorschulkinder beim Anlegen der Sicherheitsgurte jeweils unterstützt. Mittlerweile würden es alle selbständig schaffen. «Fertig?», fragt sie nach hinten. Dann setzt sich der gelbe Bus in Bewegung und lässt die zum Abschied winkenden Mamis und Papis zurück.
Müdigkeit am Morgen
Dominik sitzt wie immer direkt hinter der Fahrerin, um nach vorn zu sehen. So plagt ihn die Reiseübelkeit, mit der er noch zu Schulbeginn zu kämpfen hatte, am wenigsten. Seine Sitznachbarin beugt sich zu ihm rüber und erzählt ihm etwas. Die restlichen kleinen Fahrgäste sitzen ruhig da, schauen durchs Fenster oder unterhalten sich leise. «Montagmorgen halt, da sind sie noch müde», weiss die Fahrerin und schmunzelt.
«Obschon die Kinder freie Wahl haben, setzen sie sich meistens an dieselben Plätze», plaudert sie aus dem Nähkästchen. Bei den älteren Kindern könne es allerdings vorkommen, dass besonders vorlaute Gäste oder Streithähne explizit voneinander getrennt platziert werden müssen. Die Eingewöhnung der Buskinder gehe meist recht unproblematisch vonstatten.
Nach knapp zehnminütiger Fahrzeit hat der gelbe Bus den ersten Kindergarten erreicht. Auch Dominik muss hier aussteigen. Geduldig warten die Buben und Mädchen, bis sich die Tür geöffnet und das Trittbrett freigegeben hat. In perfekter Einerreihe verlassen sie das Fahrzeug und machen sich zielstrebig auf die letzte Etappe ihres Schulwegs. Die restlichen Kinder müssen noch einige Minuten sitzen bleiben, bis der Bus ihren Kindergarten erreicht hat.
Dominik und seine Freunde überqueren indes einen leeren Pausenplatz und erreichen das Schulhaus, in dem ihr Kindergarten untergebracht ist. Sie treffen jeweils später ein als die Dorfkinder, die ihren Schulweg zu Fuss zurückgelegt haben. Dominik schaut nochmals zurück, dann verschwindet er hinter der schweren Glastür. Um nach einigen Stunden wieder in den gelben Bus zu steigen, der ihn sicher bis vor die Haustür, neben der grossen Linde, fahren wird. Das ist die Haltestelle, bei der auf dem Rückweg gehalten wird.
So klappten die ersten Wochen
«Für Dominik war die Bewältigung des Schulwegs von Anfang an keine grosse Herausforderung», erzählt seine Mutter. «Er war immer dabei, wenn wir seinen älteren Bruder zum Schulbus begleitet haben.» Die erste Fahrt im Schulbus war für Dominik dann allerdings ein einschneidendes Erlebnis: «Wir hatten insgeheim gehofft, dass er während der kurzen Busfahrt von seiner Reiseübelkeit verschont bleiben würde. Als ich ihn dann nach dem ersten Morgen im Kindergarten beim Schulbus abgeholt habe, stieg er jedoch mit kreidebleichem Gesicht aus.»
Dass Dominik nun immer auf dem vordersten Sitz direkt hinter der Fahrerin sitze, helfe ihm sehr. Und lässt ihn die Fahrt entspannt geniessen, wie sein zufrieden strahlendes Gesicht verrät.
Flexibilität und Mitdenken gefragt
Dominiks Mutter bezeichnet es als logistische Meisterleistung, dass alle Kindergarten- und Schulkinder zur richtigen Zeit am richtigen Ort seien. Trotzdem seien die Eltern der Buskinder gefordert, proaktiv mitzudenken. Aufgrund der Strassensperrungen in Hinwil hätte die Bushaltestelle beim Schulhaus nach der ersten Schulwoche verlegt werden müssen. «Als wir darüber informiert waren, habe ich mit der Schulverwaltung abgeklärt, ob den Kindern der neue Weg bereits gezeigt worden war.» In der Folge habe eine verantwortliche Person von der Schulverwaltung die Kinder persönlich an der neuen Haltestelle in Empfang genommen, um mit ihnen den neuen Weg zum Schulhaus abzulaufen.
Da die Anzahl der Schulkinder zweitweise das Platzangebot im Bus sprenge, stehe zu den Stosszeiten auch ein Taxi für deren Beförderung im Einsatz. Bei den Eltern sei da eine gewisse Flexibilität notwendig, wenn die eigenen Kinder zu unterschiedlichen Zeiten nach Hause kommen würden.
Schulweg als Lernfeld
Dass Dominik und sein älterer Bruder durch das kaum vorhandene «Schulweg-Erlebnis» etwas verpassen könnten, darüber macht sich seine Mutter keine Gedanken. In England, wo sie aufgewachsen ist, werde diesem Thema keine so starke Bedeutung zugeschrieben. Besonders zu der Zeit, als sie noch selbst die Schulbank drückte: «Wir gingen einfach von A nach B und wieder zurück, dann spielten wir mit Freunden allein im Park und in den Gassen.»
Immerhin muss Dominik auf den 400 Metern zum Schulbus eine Strasse überqueren und muss auf den Anwohnerverkehr achten. Auch auf diese kurze Distanz kann er ausserdem eine wertvolle Erfahrung machen: «Wir waren einmal sehr knapp dran und hatten mehr als Glück, dass Dominik den Bus nicht verpasst hat.»