Wo die Eltern das Schulgeld am Bazar aufbessern
Rudolf-Steiner-Schule Zürcher Oberland
Einmal mehr hat sich die Elternschaft für den jährlich durchgeführten Herbstbazar an der Wetziker Rudolf-Steiner-Schule ins Zeug gelegt. Ihr Engagement wird auch beim anstehenden Grossbauprojekt zentral sein.
Der Verkehr im Aatal ist dicht, das Wetter launig, die benachbarte Kläranlage Flos eine Grossbaustelle: Das Bild, das sich an diesem Wochenende rund um die Rudolf-Steiner-Schule in Wetzikon bietet, ist kein anmächeliges.
Vielleicht auch deshalb ist das Ankommen auf dem grünen und verwinkelten Areal eine ausgesprochene Wohltat. Zum 48. Mal hat sich die Institution für ihren Herbstbazar herausgeputzt. Es fühlt sich an wie eine farbige Oase mitten in der grauen Realität.
Die Atmosphäre schwankt zwischen behaglich, geschäftig und festlich – je nachdem, wo man sich gerade befindet. Das Gelände ist mitsamt seinen Schulgebäuden mit Ständen vollgestopft, jedes Zimmer wird gebraucht.
Ein Teppich voller Angebote
Die zahlreichen Besucherinnen und Besucher – es sind vor allem Familien – schlendern, plaudern, beäugen und konsumieren. Puppentheater, Ponyreiten, Konzerte, Igeli-Filz-Workshop, Demeter-Gemüse, Marroni, Pizza und, und, und: Das Unterhaltungs- und Warenangebot ist so breit wie vielseitig, die Produkte sind allesamt handgemacht.
Auf dem detaillierten Festplan finden sich 23 Marktstände, 6 Workshops, 10 Kinderspiele und 15 verschiedene Möglichkeiten zur Verpflegung. Hinzu kommen Ausstellungen und ein Kulturzelt, in dem die Leute musikalisch, erzählerisch und artistisch unterhalten werden. Und all das auf einer Fläche von einer knappen Hektare.
Es ist als Auswärtiger nicht ganz einfach, das bunte Treiben einzuordnen. Dieser Herbstbazar ist offenbar weit weit mehr als eine reguläre Schulveranstaltung. Was also ist hier los? Und vor allem, wer stellt das alles bereit?








Die Frage geht an Lukas Wunderlich. Das Mitglied der Schulleitung sitzt auf einem Stuhl in der grossen, leeren Aula, dem einzigen Raum, der gerade unbesetzt ist. «Es sind in erster Linie die Eltern, die sich hier engagieren und ihre Talente einbringen. Was sie dabei machen wollen, entscheiden sie selbst.»
Einen Zwang, sich zu engagieren, gibt es nicht – zumindest keinen direkten. «Mindestens zwei Kuchen» müsse man beisteuern, erklärt Wunderlich und lacht. Was man auch so verstehen kann, dass die Mitarbeit als ungeschriebenes Gesetz gilt.
Das hat durchaus seinen Grund: Der Herbstbazar ist der wichtigste Termin im Kalender, Wunderlich nennt ihn den «Hauptsozialevent». Es geht darum, den Zusammenhalt innerhalb der Schule und in der Elternschaft zu stärken, eine Visitenkarte gegen aussen abzugeben – und Geld zu verdienen.
Die gesamten Einnahmen fliessen in die Kasse der Schule, gerechnet wird mit rund 125’000 Franken. Bei einem jährlichen Schulbudget von gut drei Millionen Franken macht das etwa 4 Prozent aus. Das ist für einen selbsttragenden Betrieb, der sich vor allem durch die Schulgelder der Eltern finanziert, nicht unerheblich.
Zwischen zwei Neubauten
Sowieso ist dieser Tage das Fundraising von elementarer Bedeutung. Die Schule muss in ihre Infrastruktur investieren, die in den 1980er Jahren errichtet worden ist.
Bereits im Herbst 2021 wurde der Neubau für die erste und die zweite Klasse eröffnet. Wobei sich im Erdgeschoss des Gebäudes Werkstätten und Ateliers befinden, die von den Kindern der siebten bis zur zehnten Klasse genutzt werden. Die Kosten beliefen sich auf etwas weniger als drei Millionen Franken.
Nun steht schon die nächste Etappe vor der Tür. Geplant ist der Neubau eines dreistöckigen Oberstufencampus, bei dem ein Fokus auf bildnerisches Gestalten und schulisches Forschen gelegt werden soll. Er ist direkt neben dem heutigen Oberstufenpavillon geplant, der anschliessend abgerissen wird. Kostenpunkt: 5,2 Millionen Franken.
Wie beim fertiggestellten Projekt soll die Finanzierung zu grossen Teilen über Eigenleistungen und Spenden erfolgen. Das Ziel ist, so nachhaltig und umsichtig zu bauen, dass der Nutzen möglichst hoch, die Erstellungs- und die Betriebskosten gleichzeitig aber möglichst tief liegen. Das geht so weit, dass die Schule und die Eltern selbst Hand anlegen.
«Ich bin derzeit mit sehr vielen Leuten in Kontakt», sagt Lukas Wunderlich, der in seiner Funktion das Ressort Finanzen und Zukunftsentwicklung verantwortet. «Jeder Franken zählt.»
Tatsächlich sind die potenziellen Quellen breit gestreut: Spenden von Menschen, die der Schule gut gesinnt sind, Ehemaligen, Eltern, die allenfalls über eine Erbschaft etwas beisteuern können, Firmen, die Rabatte auf Bauleistungen geben, sowie Beiträge aus Stiftungen. Die Aufzählung liesse sich noch beliebig erweitern.
Trendwende bei den Schülerzahlen
Das Vorhaben ist aber nicht nur wegen der in die Jahre gekommenen Infrastruktur nötig. Die Rudolf-Steiner-Schule Zürcher Oberland muss sich für die Zukunft wappnen. Angesichts von prekären Schülerzahlen wählte sie vor fünf Jahren die Flucht nach vorne. Sie entwickelte innovative Konzepte in der Pädagogik und der Organisation und schnitt alte Zöpfe ab.
Das ist offenbar angekommen: Heute zählt sie wieder mehr als 300 Schülerinnen und Schüler. Konkret ist die Zahl der angemeldeten Familien in den vergangenen drei Jahren von 150 auf 180 und diejenige der Oberstufenschüler (von der neunten bis zur zwölften Klasse) von 37 auf 76 gestiegen.

Hinzu kommt, dass seit dem letzten Sommer ein 13. Schuljahr als Vorbereitungskurs für die eidgenössische Maturität angeboten wird. Ein Programm, das die Attraktivität der Institution steigern dürfte, zumal die Kinder an Rudolf-Steiner-Schulen oft aus einem bildungsnahen Umfeld stammen.
Angesichts dieser Entwicklungen, so dürfte man meinen, kann der neue Schultrakt nicht schnell genug kommen. Doch interessanterweise scheint Zeitdruck kein Thema. Man ist hier das Improvisieren offenbar gewohnt.
Sobald das Geld für den Rohbau beisammen sei, werde man beginnen, erklärt Wunderlich. Sollte danach ein zwischenzeitlicher Stopp beim Ausbau nötig werden, könne man mit diesem umgehen. «Wir orientieren uns im Projekt an Meilensteinen, haben aber gleichzeitig die Garantie, dass wir den Schulbetrieb stets aufrechterhalten können.»
Noch ist der benötigte Betrag nicht zusammengekommen, doch das Schulleitungsmitglied zeigt sich optimistisch: «Im allerbesten Fall kann die Baueingabe schon im Januar erfolgen.»
