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Dieser Walder war der erste Ritualgestalter der Schweiz

Er ist ein Pionier, der immer das erfindet, was in seinem Leben fehlt: Nicolas Lindt sieht sich allgemein als Vordenker.

Nicolas Lindt stellt sein neues Buch übers Heiraten vor: Es ist ein umfangreicher Ratgeber mit vielen persönlichen Anekdoten.

Foto: Eleanor Rutman

Dieser Walder war der erste Ritualgestalter der Schweiz

Heiraten ausserhalb der Kirche

Der Schriftsteller Nicolas Lindt schrieb einen etwas anderen Hochzeitsratgeber. Er selbst verheiratete 1000 Paare – ohne dass er selbst Pfarrer wäre.

Wer hats erfunden? Dieser Satz könnte auch von Nicolas Lindt stammen, denn der Walder hat schon einige Pionierarbeit geleistet in seinem Leben. Zum Beispiel war er Anfang der 1980er Jahre Mitbegründer der linken Wochenzeitung (WOZ) und Mitinitiant der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA).

Er habe sich schon früh als Kämpfer für eine bessere Welt gesehen, steht auf seiner Website. In den 1980er Jahren begann er Bücher zu schreiben und interessierte sich in den 1990er Jahren immer mehr für Liebesgeschichten: «Andere schreiben Krimis, mich reizen die Liebe und ihre Entstehung.»

121 Fragen und Antworten rund um das Thema Heiraten bearbeitet der Schriftsteller Nicolas Lindt in seinem neuesten Buch «Heiraten im Namen der Liebe». Er schreibt aus Erfahrung, denn er hat in den letzten 27 Jahren selber mehr als 1000 Paare zum Ja-Wort geführt. «Ich war der erste Ritualgestalter in der Schweiz, der keinen theologischen Hintergrund hatte», sagt der 69-Jährige stolz. Zeitlebens habe er neue Wege beschritten.

«Das Bild der kirchlichen Trauung als einzig mögliche ‹gültige› Form einer feierlichen Heiratszeremonie sitzt auch heute noch in unseren Köpfen.» Jeder Hollywood-Film, der eine Trauung zeige, zementiere dieses Bild, schreibt Lindt in seinem Buch.

Ins Leben rufen, was einem selbst fehlt

Lindt ist hier in die Bresche gesprungen und hat etwas erfunden, das er sich selber gewünscht hätte. Gerne hätten er und seine Frau nämlich ausserhalb der Kirche zeremoniell geheiratet, aber 1987 gab es in der Schweiz niemanden, der so ein Ritual anbot. Also gaben sie sich das Ja-Wort dennoch in der Kirche – und merkten danach, dass dies nicht das war, was sie sich vorgestellt hatten.

Das Paar hätte sich selbst ein Ritual gewünscht, wo Glaubensrichtung und Bibelzitate keine Rolle spielen und dennoch traditionelle Elemente vorhanden sind. «Wie zum Beispiel der Tausch der Ringe und vor allem, dass die Liebe im Zentrum steht», sagt er.

Ein Artikel brachte ihm die erste Hochzeit ein

Erst einige Jahre später keimte in ihm die Idee wieder auf, selber Rituale zu gestalten: Als ein Freund ihn anfragte, ob er an seiner Hochzeit eine kleine Rede halten wolle. Er erzählte einem Journalisten davon, der ein Porträt über ihn schrieb. Der veröffentlichte Artikel wiederum führte dazu, dass sich eine zukünftige Braut bei ihm erkundigte, ob er ihre Heirat zeremoniell begleiten könne. «So fing alles an», sagt Lindt und schmunzelt.

Seither hat er viele Stunden in der Bleichibeiz verbracht und 1000 Liebesgeschichten von Paaren gehört, die ihm von ihren ersten Dates erzählten. Das Restaurant in Wald ist auch der Ort, den Lindt für das Gespräch über sein Buch gewählt hat.

«Wie sich Liebende kennenlernen, ist bei meinen Trauungen elementar», sagt der Schriftsteller – seine blauen Augen sprühen vor Begeisterung. Wenn er ein Paar treffe, dann nehme er sich für das Gespräch einen ganzen Nachmittag Zeit.

Verzwickter Heiratsantrag

Manchmal stosse er dabei auf lustige Anekdoten, zum Beispiel wie ein junger Verliebter gleich mehrere Anläufe gebraucht habe, um seinen Heiratsantrag zu formulieren. «Der Bräutigam erzählte mir, dass er es auf dem Eiffelturm versucht habe, doch da habe ein anderes Schweizer Paar gleich neben ihnen die Aussicht bewundern wollen.»

Bei einem weiteren Versuch seien sie nach Verona gereist, in Shakespeares Stadt der Verliebten, um den berühmten Romeo-und-Julia-Balkon zu besichtigen. Am Gittertor des Hauses haben abertausend Romantikerinnen und Verliebte ihre Liebesschlösser angebracht.

Es reicht, wenn die Liebe im Zentrum steht.

Nicolas Lindt

Ritualgestalter und Schriftsteller

Just als das Paar in Verona angekommen sei, habe der Bräutigam in spe aber vernommen, dass die Behörden das besagte Tor hätten schliessen müssen. Der Grund: Wegen des Gewichts all der angebrachten Liebesschlösser war das Gittertor einsturzgefährdet.

«Also versuchte er einen dritten Anlauf mit seinem Antrag. Unspektakulär auf dem Tämbrig in Nossikon, da hat es dann geklappt», sagt Lindt und lacht.

Ein wichtiger Aspekt bei den Trauungen sei, dass eine Hochzeit nicht überladen werde. «Manche Paare wollen heute einfach zu viel, dabei reicht es, wenn die Liebe im Mittelpunkt steht.»

Man solle sich zum Beispiel gut überlegen, wo man sich trauen lassen möchte. «Im Treibhaus zu heiraten, sieht auf der Einladung zwar spektakulär aus, jedoch sollte man den klimatischen Aspekt nicht ausser Acht lassen», sagt Lindt. Die Braut habe meistens ja noch ein luftiges Kleid an – aber der Bräutigam im Anzug oder Smoking leide an einem heissen Tag Qualen. Auch das ein Ratschlag in Lindts neuestem Buch.

Selber Verleger sein

Er hat es im Eigenverlag drucken lassen. Bei Books on Demand. «Das Buch wird dort jeweils erst produziert, wenn jemand wieder eine Bestellung aufgibt», sagt Lindt. Das sei viel nachhaltiger. Das Verlagswesen habe sich enorm verändert. Heute müssten Autoren in einem viel höheren Mass selber für ihre Bücher werben.

«Nur die Bestsellerautoren werden noch richtig vermarktet», sagt Lindt. Also mache er es lieber gleich selbst. Lektoriert hätten sein Hochzeitsbuch mehrere seiner Brautpaare. «Ich habe ihnen einfach ein paar Abschnitte geschickt, und sie haben es gern für mich gegengelesen.»

Nicolas Lindts Buch «Heiraten im Namen der Liebe» in Nahaufnahme, es liegt auf einem Holztisch.
Nicolas Lindt hat sein neuestes Buch bei Books on Demand in Auftrag gegeben.

Auch das Hochzeitsgeschäft hat sich seit Lindts erster Trauung vor 27 Jahren verändert. Es sei mittlerweile zu einem enormen Business herangewachsen. «Vor allem junge Paare wollen heute sehr gestylt und mit viel Pomp heiraten.» Das ist mitunter ein Grund, weswegen sich Lindt aus dem Hochzeitsgeschäft zurückzuziehen begann. «Dafür berate ich Brautpaare, die nicht schlüssig sind, ob und wie sie heiraten sollen», fügt er hinzu.

Zudem waren die Trauungen manchmal auch etwas anstrengend: Denn alle wollen zur Primetime an einem Samstag im Sommer heiraten. «Manchmal traute ich drei Paare an einem Tag.» Für Lindts Einkommen war das von Vorteil, denn er hat vier Kinder, für die er sorgen musste. Mittlerweile sind sie alle erwachsen.

Jetzt stehen Abschiedszeremonien im Zentrum

Der Autor widmet seine Aufmerksamkeit mittlerweile einem anderen Lebensabschnitt: den Abdankungen. Auch da spielen Erzählungen ein grosse Rolle. Die Lebensgeschichte der Verstorbenen. Es gebe sogar Menschen, die sich bei ihm meldeten, bevor sie aus dem Leben schieden. «Sie fragen mich, ob sie mir ihre Geschichte anvertrauen dürfen, damit ich sie nachher erzählen kann.»

Lindt erinnert sich dabei an eine Frau, die noch total wach im Geist war. «Sie wusste jedoch, dass sie im Anfangsstadium einer Demenz steht – und wollte deshalb rechtzeitig die Dienste von Exit in Anspruch nehmen.» Bei der Besprechung ihrer Beerdigung habe ihn berührt, wie sich die Frau auch nach ihrem Tod noch unter den Menschen an der Abdankungsfeier sah. Wer weiss, vielleicht ein Stoff für Lindts nächstes Buch?

Den Heiratsratgeber bestellen

Wer sich mit Haut und Haar auf seinen «wichtigsten Tag im Leben» vorbereiten will, kann hier alles über Hochzeiten, freie Trauungen und auch über Taufen erfahren. Somit bleibt keine Frage offen. Auch geeignet für angehende Ritualgestalterinnen und -gestalter. Das Buch «Heiraten im Namen der Liebe» des Walder Schriftstellers Nicolas Lindt kann direkt im ZO-Shop bestellt werden.

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