Räbeliechtli-Umzug: Wo der zeitlose Brauch herkommt
Räben oder Kürbisse?
Die Moderne bringt es mit sich, dass Traditionen und Bräuche aus dem Alltag verschwinden. Nicht aber der Räbeliechtli-Umzug. Der bleibt uns noch lange erhalten.
Um künstliche Spinnweben, gruselige Fratzen und Pumpkin Spice Latte kommt man zu dieser Jahreszeit fast nicht herum. Wenn die Strassen mit bunten Blättern bedeckt sind und es um sechs Uhr abends bereits stockdunkel ist, dann ist es Herbst geworden. Und Halloween. Überall.
Kultureller Austausch ist schön. Und ja, auch ein warmes Kürbisgetränk mit Zimt ist lecker. Aber was wäre der Herbst ohne eine Schweizer Tradition, die noch bis heute gepflegt wird? Genau, die Rede ist vom Räbeliechtli-Umzug.
Singend durch die dunkle Nacht
Beim Stichwort Räbeliechtli versetzen wir uns gleich in unsere Kindheit zurück. Ob auf der Schulbank oder bei Mutter am Küchentisch: Mit Kugelausstecher, Frucht- oder Kaffeelöffel höhlten wir die violetten Räben aus und schnitzten Figuren in die Schale. Zugegeben, das Kaffeelöffeli war wirklich weniger gut geeignet.
Aber wir höhlten und schnitzten um die Wette, egal, was für ein Werkzeug wir in den Händen hielten. Mit Sternchen, Möndchen, mit Zickzackmustern wild verziert, wurden die aus Räben gefertigten Laternen ein Kunstwerk. Eines, mit welchem wir in einer dunklen Novembernacht um die Häuser zogen. Dabei sangen wir unsere Räbeliechtli-Hymnen und durften auch nach unserer Bettzeit die Traditionen der Erwachsenen feiern.
Ein Zürcher Brauch aus dem Mittelalter
Zum Ursprung des Räbeliechtli-Umzugs gibt es viele Thesen. Das Bedürfnis des Menschen nach Licht und Wärme, sobald es dunkel und kalt wird, ist so alt wie die Menschheit selbst. Egal, ob dabei Fackeln brennen, Kürbisse leuchten oder Räben aufleuchten. Und auch Erntedankbräuche sind uralt. Um für die grosszügige Ernte zu danken, veranstaltete man ritualisierte Feste.
Überlieferungen datieren den Räbeliechtli-Umzug auf Mitte des 19. Jahrhunderts. Es ist gut möglich, dass der Brauch schon zuvor existierte, aber dafür gibt es keine klaren Hinweise. Gehen wir aber von historischen Aufzeichnungen aus, dann war der Räbeliechtli-Umzug ein Fest, an welchem Nachbarschaft, Quartier oder das ganze Dorf mit geschnitzten Räben beleuchtet wurde.
Räben, auch Herbstrüben genannt, waren im Mittelalter ein wichtiges Grundnahrungsmittel in der Schweiz. So, wie wir es eigentlich von der Kartoffel gewohnt sind. Und Anfang November konnte man die Rüben ernten. Je mehr geerntet wurde, desto besser kam man durch den Winter. Das Hauptnahrungsmittel wurde also zur Dorfschmuck. Wie bitte?
«Um 1800 wurde die Räbe durch die Kartoffel ersetzt», sagt Mischa Gallati, Historiker und Kulturwissenschaftler an der Universität Zürich. Die Kartoffel kam aufs Menü, und die Räbe wurde beiseitegelegt. Auch dieser Umstieg des Hauptnahrungsmittels ermöglichte es, die Rüben für einen Brauch zu verwenden.

Anscheinend ist der Räbeliechtli-Umzug sogar ein waschechter Zürcher Brauch. Wahrscheinlich wurden hier viele Räben angepflanzt. Der Brauch habe dann vom Zentrum aus, also Zürich, expandiert. «Mit Traditionen ist es eben so, dass man sich diese oft von den Nachbarn abschaut», sagt Gallati.
Der Kanton ist stolz darauf, den grössten Räbeliechtli-Umzug der Welt zu haben. Räbechilbi nennt sich das Fest in Richterswil und ist ein Ereignis, zu welchem nicht nur Zürcherinnen und Zürcher pilgern, sondern auch Menschen aus anderen Kantonen und sogar internationale Touristen. Richterswil erstrahlt in einem Meer von leuchtenden Räben, ähnlich der Kulisse aus einem Märchen.
Institutionen identifizieren sich durch Traditionen
Um 1920 wurde der Räbeliechtli-Umzug institutionalisiert. Das heisst, Schulen, Vereine und Institutionen setzten den Brauch in einen Kontext, der ihnen eine Identität gab – was ein wunderbares Werkzeug ist, Traditionen zu vermitteln. An Schulen zum Beispiel gehört das Räbeliechtli zum festen Programm. Das war damals schon so und ist es auch noch heute.
Die Schnitzereien sind deshalb keine gruseligen Fratzen, sondern einfache Motive, die für Kinder leicht nachzumachen sind: Sterne, Monde, Sonnen. Und auch die Lieder sind so, dass Kinder mit einstimmen können. Auch wenn der Umzug etwas für die ganze Familie ist, eignet er sich eben besonders für Kinder.

Halloween ist keine Konkurrenz
Halloween und der Räbeliechtli-Umzug weisen Gemeinsamkeiten auf. Bei beiden machen sich Kinder und Jugendliche auf zu Abenteuern in die dunkle, gruselige Nacht. Laternen beleuchten zwar den Weg, aber man braucht Mut, sich der Nacht zu stellen. Und beides sind mystische Rituale.
«Die Kinder kommen an einem Umzug zusammen», erklärt der Historiker. Dieses Zusammentreffen wird durch einen solchen Brauch «ritualisiert» und erschafft einen sicheren Raum, wo neue Grenzen ausgetestet werden können.
Gallati spricht beim Räbeliechtli-Umzug von einer Tradition, die durch Halloween nicht ersetzt werden kann. Das hat auch mit der Institutionalisierung zu tun. «Die Schule gilt heutzutage als zusätzliches Erziehungsorgan, und mit dem Räbeliechtli-Umzug ermöglicht sie den Kindern, eine eigenständige Erfahrung zu machen.» Die Gesellschaft traue Kindern nicht mehr viel zu und pädagogisiere deren Entwicklung. Sollen Kinder beispielsweise den Schulweg allein gehen? Oder ist das zu heikel?
Mit einem Erlebnis wie dem Umzug kontextualisiert man den Umgang mit Kindern anders und gewährt ihnen etwas, das im Alltag aussergewöhnlich ist. Klar gebe es eine klarere Abtrennung zwischen den Altersstufen, meint Gallati. Während Halloween auch für Teenager attraktiv ist, etabliert sich der Räbeliechtli-Umzug mehr für jüngere Kinder. Doch ersetzt wird dieser auf keinen Fall.
Umzüge im Oberland
So oder so ist diese Tradition immer wieder ein freudiges Erlebnis und bringt uns alle näher zusammen, Gross und Klein. Auch im Oberland gibt es einige wunderschöne Umzüge, bei denen es sich lohnt, dabei zu sein.
– Illnauer Räbeliechtli-Umzug: Donnerstag, 2. November, 18 Uhr. Treffpunkte: Unterillnau, Hagenstrasse vor dem Tageshort, Oberillnau, Gstückstrasse.
– Räbeliechtli-Umzug Niederuster: Freitag, 3. November, 17.50 Uhr. Treffpunkte: Alte Riedikerstrasse, Kindergarten Wanne, Kehrplatz Zelgstrasse.
– Räbeliechtli-Umzug Schwerzenbach: Freitag, 3. November, 18 Uhr. Treffpunkt: Friedhof Schwerzenbach.
– Räbeliechtli-Umzug Rikon im Tössthal: Freitag, 3. November, 17.30 Uhr, Umzug ab 18.45 Uhr. Treffpunkt: Schulhaus Hirsgarten.
– Räbeliechtli-Umzug im Gfenn, Dübendorf: Samstag, 4. November, 18 Uhr. Treffpunkt: Zentrum Gfenn.
– Räbeliechtli-Stärnmarsch Wetzikon: Samstag, 4. November, 17.45 Uhr. Treffpunkte: Schulhäuser Feld, Robenhausen, Bühl.
– Räbeliechtli-Umzug Dübendorf: Sonntag, 5. November, 17.45 Uhr. Treffpunkt: Schulhausplatz Dorf.
– Räbeliechtli-Umzug Fehraltorf: Donnerstag, 9. November, 17.45 Uhr. Treffpunkt: Chilegass.