Schulkinder erleben körperliche Beeinträchtigung hautnah
«Stars in der Schule»
Blind rennen, ohne Beinkraft Fahrrad fahren: Das ist absolut normal für Felix Frohofer und Chantal Cavin. Sie wollen mehr Inklusion im Sport und darüber hinaus – und setzen bei Ustermer Schülern an.
«Siehst du Farben?», fragt eines der Schulkinder. Die Frage ist an Chantal Cavin gerichtet, die vierfache Weltmeisterin in 50 und 100 Meter Crawl und Halterin mehrerer Weltrekorde ist. «Nein, ich kann nur hell oder dunkel unterscheiden. Mehr sehe ich nicht», antwortet Cavin.
Es ist eine von vielen ungenierten Fragen, wie sie Kinder halt stellen: Ob die zwei Paralympic-Stars denn immer einen Guide bräuchten, warum Felix Frohofer eine Narbe am Kopf habe und ob er denn dieses Jahr schon was gewonnen habe. Die Kinder sind interessiert an der Frau mit Sonnenbrille und am Mann im Rollstuhl, die ihnen an diesem Vormittag das Thema Inklusion näherbringen wollen.
Einmal blind sein und im Rollstuhl sitzen
Im Rahmen des Projekts «Stars in der Schule» sind an diesem Dienstag die zwei Schweizer Paralympic-Stars Felix Frohofer aus Russikon und Chantal Cavin aus Bern in der Ustermer Landihalle. In einer Doppelstunde zeigen sie jeweils drei Schulklassen auf spielerische Weise, wie es ist, mit einer körperlichen Beeinträchtigung zu leben. Dazu werden die Kinder in zwei Gruppen eingeteilt – Gruppe «Fantastic» startet mit Frohofer, Gruppe «Amazing» mit Cavin.
Um den Kindern zu zeigen, was es bedeutet, eine Behinderung zu haben, haben sie Hilfsmittel mitgebracht: Rollstühle, um selbst zu erleben, wie es ist, eine Gehbehinderung zu haben. Und Schlafmasken, um für ein paar Minuten blind zu sein.
Die Kinder irren zu zweit über den Schulhausplatz, eines der Kinder ist jeweils durch eine Schlafmaske «vorübergehend ohne Augenlicht». Es wird gegrölt und gelacht, gestolpert und verwirrt umhergeschaut. Gleichzeitig versuchen andere Kinder, im Rollstuhl eine 10-Zentimeter-Hürde zu bewältigen – sie haben alle Mühe damit.
Stars in der Schule – und an der WM 2024
Das Ziel der Aktion ist so simpel wie klar: Sensibilisierung und Inklusion durch Selbsterfahrung. «Aufklärung ist das A und O, damit man uns und unsere Bedürfnisse versteht», sagt Cavin. Es gehe darum, Hemmschwellen abzubauen, Sichtbarkeit möglich zu machen. Sie erzählt den Kindern, dass sie mal in eine offene Kofferraumtür lief und sich die Nase brach – weil sie Dinge auf Augenhöhe auch mit ihrem Blindenstock nicht erfühlen kann. Die Kinder staunen – darüber haben sie sich wohl noch nie Gedanken gemacht.
«Dass die Kinder heute in unsere Lebensrealität eintauchen können, hinterlässt sicher einen bleibenden Eindruck», sagt Frohofer. Er hofft, dass den Kindern in Zukunft vielleicht mehr Alltagssituationen auffallen, in denen Personen mit einer Behinderung Probleme haben könnten. Das schaffe Verständnis. Und damit Inklusion.
Jennifer Post, Co-Leiterin LG Sportförderung der Stadt Uster, hat die Veranstaltung organisiert. «Im Rahmen der Eventreihe lernen die Schüler und Schülerinnen unterschiedliche Sportstars hautnah kennen», erzählt sie. Besonders wertvoll sei dabei die Vorbildrolle der Stars – sie begeisterten die Kinder für den Sport und zeigten ihnen, dass Sport auch mit Einschränkung möglich sei.
Im Hinblick auf die Rad-WM im kommenden Jahr sei Paracycling besonders spannend. Es ist das erste Mal, dass die Paracycling-Weltmeisterschaft zeitgleich stattfindet – sie ist integraler Bestandteil der UCI-Rad- und Paracycling-Strassenweltmeisterschaft. Auch das ermöglicht Sichtbarkeit – und zwar weltweit. «Einige der Strassenrennen der WM starten in Uster. Quasi direkt vor der Tür der Schülerinnen und Schüler auf dem Pünt-Areal», sagt Jennifer Post. Umso schöner sei es, ihnen jetzt schon Felix Frohofer als Athleten vorstellen zu dürfen.
Über den Sport hinaus
Felix Frohofer ist fünffacher Schweizer Meister im Paracycling und motiviert, seine sportliche Karriere im nächsten Jahr auf ein höheres Level zu heben. Der 29-Jährige hat sich 2024 von seinem Job in einem Sportgeschäft freigenommen, um sich voll auf den Sport konzentrieren zu können. Er ist von Geburt an auf einen Rollstuhl angewiesen, musste sich wegen eines Geburtsfehlers immer wieder Operationen unterziehen. Das hat ihn jedoch nie davon abgehalten, sportliche Höchstleistungen zu erbringen oder dem Geschwindigkeitsrausch nachzujagen – gerade dieser hat es ihm besonders angetan.
Chantal Cavin hatte mit 14 Jahren einen Sportunfall, durch welchen sie fast vollständig erblindete. Die vierfache Weltmeisterin in 50 und 100 Meter Crawl hat vor zehn Jahren ihre Schwimmkarriere an den Nagel gehängt und durch Laufschuhe ersetzt. Mit einer Bestzeit von 3 Stunden und 14 Minuten bezwingt sie nun mit einem Team von Partnerläufern Marathons. Die 45-Jährige war schon immer sportbegeistert. Auch sie fährt Fahrrad – im Tandem.
«Nicht nur im Sport, sondern auch auf dem Arbeitsmarkt wünsche ich mir, dass die Inklusion weiter voranschreitet», erklärt Cavin. Natürlich werde sie nie Grafikerin oder Pilotin, dennoch schränke sie die Sehbehinderung nur einseitig ein, nicht als gesamte Person. «Da muss man schon noch Hindernisse abbauen. Und viele dieser Hürden sind vor allem im Kopf der Menschen», sagt sie. Viele würden lieber nichts als etwas falsch machen.
«Und vielleicht ist ja eines der Kinder irgendwann in einer Führungsposition – und denkt dann daran, eine Person mit Behinderung zu berücksichtigen», wünscht sich Frohofer. Für heute sind die Kinder allemal begeistert. Auf die Frage, was ihnen denn gefallen habe, antworten sie im Chor: «Alles!» Frohofer dürfte also für die WM 2024 bereits einige neue Fans haben.