Kita in Wetzikon schliesst plötzlich – und hinterlässt verzweifelte Eltern
Horrorgeschichte für Eltern
Dutzende Eltern stehen unter Schock. Ihre Kinder verlieren in weniger als einer Woche den Platz in der Kita A Formiguinha.
Die alleinerziehende Mutter Marta Buoso kann es nicht fassen. Die Kita A Formiguinha, gleich bei der Freien Evangelischen Gemeinde (FEG) in Wetzikon, wo sie ihren vierjährigen Sohn betreuen lässt, schliesst – und das in weniger als einer Woche.
«Ich könnte eigentlich einfach nur losheulen», meint sie aufgebracht. Als wäre es nicht schon schwierig genug, einen Kita-Platz zu finden, steht sie auch noch unter enormem Zeitdruck. Ein Horrorszenario für alle Eltern, die auf Fremdbetreuung angewiesen sind.
«Bis jetzt konnte keine andere Kita meinen Sohn aufnehmen.» Buoso wird gesagt, es sei zu kurzfristig. So wie sie sind auch die Eltern der übrigen 23 Kinder mit den vollendeten Tatsachen konfrontiert. Die Kita umfasste zwei Gruppen von je zwölf Kindern im Alter von drei Monaten bis fünf Jahre. Alle verlieren die Betreuung.
Andreia Moreira ist Mutter einer Dreijährigen, und auch sie ist enttäuscht: «Meine Tochter hat eine Routine und ist mit dem Personal völlig vertraut, genauso wie ich. Doch plötzlich wird uns alles weggenommen.»
Laut Angaben der Kita kam der definitive Beschluss am Dienstag, 24. Oktober, von der Stadt Wetzikon. Noch am gleichen Abend hielt die Kita eine Notfallsitzung ab, wo den Eltern erklärt wurde, wie es dazu kommen konnte. Bis dahin hatten diese nämlich noch keine Ahnung, was auf sie zukommt.
Weder die Stadt Wetzikon noch die Geschäftsleiterin der Kita können sich gegenüber der Redaktion zum Vorfall äussern, weil das Verfahren noch am Laufen ist.
Fachkräftemangel als grosses Problem
Eva Morales * ist Fachfrau Betreuung in der Kita A Formiguinha und kennt einen der Gründe, wieso diese geschlossen wurde: «Wir haben zu wenige Betreuerinnen, die richtig ausgelernt sind.» Also solche, die ein eidgenössisches Fähigkeitszeugnis vorweisen können.
In der Kita A Formiguinha gab es insgesamt zwölf Betreuerinnen. Davon waren zwei Lernende, eine Praktikantin und nur zwei ausgebildete Fachkräfte für Betreuung. Die anderen Betreuerinnen haben kein Fähigkeitszeugnis.
Kitas stehen unter der Aufsicht der Ortsgemeinde und müssen gesetzliche Richtlinien erfüllen – zum Schutz der Familien. «Die Aufsicht kann jederzeit angekündigte und unangekündigte Kontrollen durchführen», sagt Maximiliano Wepfer, Mediensprecher des Verbands Kinderbetreuung Schweiz (Kibesuisse).
Die gesetzlichen Voraussetzungen für eine Kita im Kanton Zürich
Die Voraussetzungen und Richtlinien sind im Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) geregelt. Wer eine Kindertagesstätte für Kinder im Vorschulalter anbietet, benötigt eine Bewilligung seiner Standortgemeinde und untersteht deren Aufsicht. Die zuständige Aufsicht kann angekündigte und unangekündigte Kontrollen durchführen. Dabei werden folgende Punkte fokussiert:
- die Konzeption und Organisation der Kindertagesstätte
- der Personalbestand
- die persönliche Eignung, Berufsausbildung und Berufserfahrung der in der Kindertagesstätte tätigen Personen
- die Örtlichkeiten und deren Ausstattung
Die Kinder in Kitas sind in Gruppen aufgeteilt. Diese dürfen die Anzahl von zwölf Kindern nicht überschreiten. Bis zu 19 Monate alte Kleinkinder zählen als eineinhalb Kinder. Pro Gruppe muss stets eine ausgebildete Betreuungsperson anwesend sein.
Im Sommer ist laut Morales eine unangekündigte Kontrolle durchgeführt worden. Die anwesende Gruppe von Kindern wurde von zwei ohne eidgenössisches Fähigkeitszeugnis tätigen Personen beaufsichtigt. Ein gesetzliches Kriterium, das also nicht erfüllt wurde und auf welchem die Aufsichtsbehörde sofort Neuanstellungen von ausgelerntem Personal forderte.
Zu dem Fachkräftemangel sollen noch andere Gründe genannt worden sein, wie etwa, dass die Gruppen überbelegt waren. Es sind zwar zwölf Kinder pro Gruppe zugelassen, aber wenn nur schon eines davon unter 19 Monate alt ist, dann belegt dieses Kind eineinhalb Plätze – was in der Kita A Formiguinha bei mehreren Kindern der Fall war. Wie viele das waren, ist der Redaktion nicht bekannt.
«Es ist sicher nicht ideal gewesen. Aber der Fachkräftemangel ist in unserer Branche extrem hoch. Es war also äusserst schwierig, dieser Forderung nachzugehen», sagt Morales. Anscheinend sind ausgebildete Betreuerinnen gesucht worden, aber ohne Erfolg.
Wäre es nach Morales gegangen, hätte sie die Eltern längst über die Schwierigkeiten informiert: «Ich bin selber auch Mutter und weiss, wie schwierig es ist, einen Kita-Platz zu finden.»
Die Kita wusste, dass ihre Existenz auf der Kippe stand, die Eltern wurden aber nicht darauf vorbereitet. Wahrscheinlich hoffte man, die Mängel bald beheben zu können, und wollte daher die Familien nicht voreilig alarmieren. Laut Morales ist dies auch der Rat eines Anwalts gewesen.
Nach der ersten Warnung im Sommer wurde nämlich ein solcher zugezogen, der verhindern sollte, dass die Kita die Bewilligung verliert. Ein Verfahren wurde initiiert, das die Schliessung aber bloss verschob und nicht verhinderte.
Trotzdem trauert die Mutter der Kita nach
Buoso, die nun unter schlaflosen Nächten leidet, hätte sich gewünscht, dass man sie früher informiert hätte. Doch sie trauert der Kita trotzdem nach, denn ihr Sohn ist gerne dorthin gegangen, und auch sie hat sich mit der Betreuung wohlgefühlt.
Die Kita sei äusserst flexibel gewesen: Am Morgen konnte man das Kind bereits um 6 Uhr vorbeibringen. Für Buoso besonders wichtig, denn sie arbeitet in der Pflege. Die Betreuerinnen hätten grosses Verständnis gehabt, wenn es am Abend mal etwas später geworden sei. Ausserdem war die Kita immer offen, auch in Ferienzeiten.
Für die Stadt jedoch hat Buoso nicht viel übrig: «Als alleinerziehende Mutter ohne Unterstützungsnetzwerk fühle ich mich von der Stadt im Stich gelassen, der das Wohl ihrer Bürgerinnen und Bürger am Herzen liegen sollte.» Sie ist nämlich allein in der Schweiz und hat sonst kein soziales Umfeld. Mit der Kita konnte sie nun ausmachen, dass eine der arbeitslosen Betreuerinnen auf ihren Sohn aufpasst. Das ist aber keine langfristige Lösung.
Nicht nur sei die abrupte Schliessung schwierig zu verdauen, sondern auch die minimale Anteilnahme der Stadt. «Sie haben mir eine Liste mit Kitas geschickt», sagt Buoso, «aber ich brauche keine Liste, die kenne ich schon auswendig.»
Buoso steht wie andere Eltern auch vor Ungewissheiten, die sie direkt betreffen, aber ohne Antworten oder jegliche Informationen. Wegen des laufenden Verfahrens dürfen nämlich weder die Stadt noch die Kita ihr Genaueres mitteilen.
* Name von der Redaktion geändert. Richtiger Name ist der Redaktion bekannt.