Bezirk Hinwil

Bezirk Pfäffikon

Bezirk Uster

Tösstal

Themen

Specials

Services

ZO Portale

Abo

Gesellschaft

«Baldrian» versetzt sich in den Dauerschlaf

«Baldrian» will keine Rentnerband sein. Deshalb hören die vier Oberländer nun auf - mit einem kleinen musikalischen Schlussbouquet.

Eine der letzten Proben der Kultband Baldrian am 16. Oktober 2023 in Pfäffikon daheim bei Andreas Ott (mit Hut). Mit dabei sind Martin Ott (vorne links), Valentin Wieser (mit Dutt) sowie Mark Wolfangel.

Foto: Christian Brändli

«Baldrian» versetzt sich in den Dauerschlaf

Oberländer Kultband hört auf

30 Jahre sind genug, finden die vier Musiker von «Baldrian». Doch ihre letzten Konzerte bereiten sie seriös vor – mindestens so, wie sie es sich gewohnt sind.

«Das Problem bei so alten Leuten ist, dass sie so laut spielen.» Bassist Valentin Wieser hat gut reden. Immerhin ist er mit Jahrgang 1962 der jüngste der vier Musiker, die seit 1993 in dieser Besetzung «Baldrian» bilden.

Ende Jahr wird die Oberländer Kultband, die ihre Ursprünge im Jahr 1981 hat, sich auflösen. Still und leise, wie das bei anderen in die Jahre gekommenen Vereinigungen der Fall ist, wird dies allerdings nicht geschehen. Quasi als Schlussbouquet liefern die Musiker nochmals vier Auftritte ab.

Auswendig – oder dann halt ab Blatt

Und an diesen werden sich – ob wegen ihres Alters oder ihrer Stimmengewalt – die drei älteren Bandmitglieder lautstark vernehmen lassen: Mark Wolfangel, mit Jahrgang 1951 der Älteste der Runde, sowie die beiden Brüder und Bandgründer Martin (Jahrgang 1955) und der ein Jahr jüngere Andreas Ott.

Vier Musiker proben für einen Auftritt.
«Wir haben mit wenig Aufwand viel erreicht»: Eine der letzten Proben der Band Baldrian, die Ende 2023 aufhört.

Zum Bandende soll «d’Mueter» ein Comeback erleben. Das wünscht sich Wolfangel und gibt an dieser Probe Mitte Oktober gleich den entsprechenden Ton an. Die anderen stimmen ein.

Und obwohl sie das Stück schon über ein Jahr lang nicht mehr gespielt haben, kommt der Text flüssig über die Lippen. Andreas Ott – «der hat es nicht so mit dem Auswendigsingen», meint Wolfangel – nimmt das Textbuch zu Hilfe. Dabei ist es der jüngere Ott, der einen guten Teil der Lieder gerade in den letzten Jahren getextet und komponiert hat.

Chiflen auf Berndeutsch

Das Repertoire von «Baldrian» besteht aus rund 60 eigenen Liedern und einigen arrangierten Volksliedern. «Wir können gut und gern fünf bis sechs Stunden spielen», meint Martin Ott. Neben dem Gesang gehört mindestens ebenso die Chiflete der beiden Brüder zu einem Auftritt.

Meist geht das auf Berndeutsch über die Bühne. Die beiden stammen ursprünglich aus jener Gegend, haben sich aber längst im Zürcher Oberland assimiliert – auch sprachlich, wenn sie mit Hiesigen sprechen.

Dass «d’Mueter» zum Abschluss wieder dabei sein wird, ist nicht nur eine Referenz an ihre Mutter, sondern auch an das gegenseitige einander Hochnehmen, wen von den beiden denn die Mutter lieber gehabt habe. «Humor macht alles erträglich», meint Andreas Ott schmunzelnd dazu.

Hunderte Konzerte und vergeudete Talente

In all den Jahren haben sie gemeinsam Hunderte Konzerte bestritten – «wir haben die ganze Schweiz bespielt», und das vor Publikum von bis zu 1000 Leuten – und vor allem in den ersten Jahren auch einige Tonträger aufgenommen. Trotz grossem Erfolg auf der Bühne zog «Baldrian» nie eine Musikkarriere in Betracht.

«Ihr verschwendet Euer Talent, wo ihr doch eine so gute Kombination seid», hätten sie deswegen zu hören bekommen, meint Andreas Ott. «Wir hätten mehr daraus machen können, wenn wir uns professioneller verhalten hätten», resümiert Wieser.

Doch die Profession blieb ihr Beruf: die Brüder Ott arbeiten als Landwirte, der «Bauer» Valentin Wieser als Architekt und der «Aufbauer» Mark Wolfangel als Lehrer.

Spontan in allen Belangen

Und obwohl sie jetzt schon so lange zusammen spielen, haben sie ihre Spontanität nie verloren. Das zeigt sich bei der kurzfristigen Zusammenstellung der Setliste, bei den Witzen – «obwohl, da gab es also schon Wiederholungen», meinen Wieser und Wolfangel –, aber auch bei der Vorbereitung auf ihre Auftritte.

Alle haben es nicht so mit dem Üben. «Wir haben mit wenig Aufwand viel erreicht», resümiert Martin Ott.       

Notenständer, Mikrofone, Keyboard – Baldrian ist auf der Bühne schnell eingerichtet. Hier ein Auftritt vor drei Jahren. Video: Bioband

Ein grosses Plus für sie sei gewesen, dass sie sich innerhalb einer Viertelstunde auf der Bühne installiert hätten, meint Martin Ott. Das kam ihm vor allem bei jenem Auftritt entgegen, den er einst vergessen hatte.

Durch Zufall sei er damals in der Nähe des Auftrittsorts gewesen und habe dann auf telefonische Alarmierung hin doch noch einigermassen rechtzeitig in die Tasten respektive die Saiten greifen können.

Ihr Improvisationstalent kam «Baldrian» etwa auch bei jenem Auftritt zugute, an dem sie als vermeintliche Schlagerband angekündigt wurden. Oder als sie für den angesagten, aber nie aufgetauchten prominenten Redner in die Bresche springen mussten, ihn «zitierten» und als ursprüngliche Pausenfüller gleich den ganzen Abend bestreiten mussten.

«Das Tollste dabei war, dass das Publikum das gar nicht merkte, sondern meinte, das alles gehöre zur Show», sagt Martin Ott.

Dass zum Schluss ausgerechnet der ältere, doch so spontane Ott Spezialeinlagen zum geplanten Gig in der Wetziker Steiner-Schule vorbereiten möchte, stösst vor allem beim jüngsten Bandmitglied auf taube Ohren. «Die erwarten ‹Baldrian›, da braucht es das nicht.»

Disqualifikation am Grand Prix d’Eurovision

Auch wenn sie durchaus Lieder mit einer politischen Aussage im Repertoire haben, «hat unsere Botschaft vor allem mit Freude zu tun», meinen die Ott-Brüder. Ohnehin seien sie jetzt zu alt für solche Statements, «das wäre doch peinlich».

Video: Christian Brändli

Eine akustische Kostprobe von «Baldrian» von einer der letzten Proben Mitte Oktober. Und gleich unten dran der Songtext zu «Hey Du», eines der politischeren Lieder. Video: Christian Brändli

Textblatt der Band Baldrian.

Sie erinnern sich dabei an jenen Auftritt für den Grand Prix d’Eurovision – dem heutigen Eurovision Song Contest –, den sie 1986 hatten. Sie sangen damals ein Lied, in dem «mehr Frieden» gefordert worden sei – und das kurz vor der Abstimmung über die Armeeabschaffung.

In der Deutschschweiz schwangen sie mit ihrem Lied obenaus, wurden dann aber disqualifiziert. Die Begründung: Es würden keine politischen Lieder zugelassen.

Der Clou sei gewesen, dass nur gerade vier Jahre zuvor die damals 17-jährige deutsche Sängerin Nicole mit «Ein bisschen Frieden» den Eurovision Song Contest gewonnen habe.        

Der Name aus der Landwirtschaft

Bleiben zwei Fragen: Wieso ist nun Schluss mit «Baldrian» und wieso dieser Name? «Wir wollen alle nicht als Rentnerband weiter durch die Schweiz tingeln.» In der neuen Lebensphase würden die Bretter, die die Welt bedeuten, nun eine zweite Geige spielen – «sozusagen». Sie hätten es gesehen.

Und als Schlafmittel hätten sie sich nie gesehen. Baldrian sei ein wichtiges Mittel in der biodynamischen Landwirtschaft, für die die Otts einstünden. Es habe eine wichtige Rolle als Heilpflanze.

Und dann sei da noch die (Anm. d. Redaktion: berauschende und anziehende) Wirkung, die Baldrian bei den Katzen nachgesagt werde – und die gebe es vielleicht auch bei den Menschen. Doch das sei eben genau ein Thema, mit dem sie in ihrem Alter nun nicht mehr gross hausieren wollten.     

Noch vier Auftritte

Zum Abschluss der Bandgeschichte tritt «Baldrian» noch an vier Orten auf:

4. November, 19.30 Uhr, im grossen Saal der Rudolf-Steiner-Schule Wetzikon anlässlich des Herbstbazars.

5. November, 17 Uhr, beim Verein zur Förderung der Volksmusik in der Kanzlei Zürich.        

15. Dezember, 20.30 Uhr, im Atelier Hinterrüti in Horgen.

16. Dezember, 19.30 Uhr in der Kulti Wetzikon mit einem Doppelkonzert mit dem Klaus Egger Trio.

Und wer «Baldrian» auch nach der Inaktivierung hören will, kommt auf der Site von «Narrenschiff» zum Zug.

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.

Kontakt

Inserieren

Abo

Services

Über uns