Angeregte Debatte zur Rettung des Mittelstands
Sonntagsforum in Gossau
Die Bevölkerung muss den Gürtel enger schnallen. Die Zürcher Oberland Medien AG lud Gäste aus Politik und Wirtschaft zu einer Podiumsdiskussion zu diesem Thema ein.
«Kaum haben wir die Pandemie hinter uns gelassen, haben sich weitere dunkle Wolken am Himmel gebildet», begrüsste Karin Lenzlinger, Verwaltungsratspräsidentin der Zürcher Oberland Medien AG, zum traditionellen Sonntags-Forum. Zahlreiche Gäste, darunter Aktionäre, Kunden und Geschäftsfreunde des Medienhauses, waren der Einladung zu diesem jährlichen Event in der Gossauer Altrüti gefolgt.
Mit den dunklen Wolken sprach Lenzlinger unter anderem die Sicherung der Altersvorsorge, den Klimawandel, die drohende Energieknappheit, den Krieg in der Ukraine sowie weitere kriegerische Auseinandersetzungen in Europa an. «Wir werden nun die Auswirkungen dieser sogenannten Zeitenwende zu spüren bekommen», führte Lenzlinger aus.


Die Zeiten seien nicht nur für Unternehmen schwieriger geworden, «wir müssen leider auch eine spiralförmig angetriebene Inflation feststellen». Die Ustermer Unternehmerin stellte in Aussicht, dass die Zürcher Oberland Medien AG für 2023 keinen positiven Geschäftsgewinn werde schreiben können.
«Kaum ein Medienunternehmen kann die Transformation ins digitale Zeitalter erfolgreich bewältigen», so Karin Lenzlinger. Der Bau des ZO-Hauses, des neuen Hauptsitzes in Wetzikon, allerdings verlaufe, was Zeitplan und Finanzen betreffe, besser als geplant. «Ausserdem konnten wir mit Ralph Brechlin einen erfahrenen Manager und CEO gewinnen.»
Teilnehmer der Podiumsrunde:
Walter Angst (AL), Co-Geschäftsleiter des Mieterverbands Zürich
Andreas Egli, Unternehmer, Präsident des Bezirksgewerbeverbands Hinwil und Vorstandspräsident des Hauseigentümerverbands Wetzikon und Umgebung
Raffaela Fehr (FDP), Kantonsrätin Volketswil
Rosmarie Quadranti (Die Mitte), Stadträtin Illnau-Effretikon, ehemalige Nationalrätin
Donato Sconamiglio (EVP), Immobilienfachmann und Verwaltungsratspräsident der Bank Avera
Bei der anschliessenden Podiumsdiskussion wurde über die Frage debattiert, wie der Mittelstand nach den Wahlen gerettet werden könne. «Gehören Sie auch dem Mittelstand an?», lautete die etwas provokative Einstiegsfrage des Moderators Stephan Klapproth in die Diskussionsrunde.
FDP-Kantonsrätin Raffaela Fehr fasste zusammen, was sowohl der Tenor der Podiumsteilnehmer wie auch unter vielen der Zuschauer war: «Obschon ich mir nicht ganz schlüssig bin, wie die genaue Definition des Mittelstands lautet, fühle ich mich wie ein grosser Teil unserer Lands auch dem Mittelstand angehörig.»
In diesem Kontext musste sich Donato Sconamiglio immer wieder vom Moderator hochnehmen lassen. Der Immobilienfachmann und EVP-Politiker hatte in jüngster Zeit für Schlagzeilen gesorgt, weil er mit dem bislang grössten Budget aller Kandidaten in die Nationalratswahlen ging. Er nahm die Anspielungen jedoch gelassen hin: «Ich bin sehr dankbar und muss mich für meinen beruflichen Erfolg nicht rechtfertigen.»
Von den höheren Mieten …
Als die steigenden Mietpreise zur Sprache kamen, lieferten sich die Podiumsteilnehmer einen konstruktiven Schlagabtausch. «1500 Franken pro Zimmer kann sich nur ein Paar leisten, das in der IT- oder Immobilienbranche tätig ist», empörte sich der Co-Geschäftsleiter des Zürcher Mieterverbands Walter Angst (AL). Er machte sich für eine Regulierung stark, um auch Wohnraum zu schaffen, der dem Budget einer Kassiererin oder eines Tramchauffers angepasst sei.



Für Raffaela Fehr wären stärkere Regulierungen der falsche Weg, was Rosmarie Quadranti (Die Mitte), Hochbauvorsteherin von Illnau-Effretikon, unterstützte: «Der Dschungel an Abklärungen und Vorgehen auf dem Weg zur Baugenehmigung ist schon so steinig genug.»
Für Unternehmer Andreas Egli war klar: «Mit weniger Gesetzen könnten wir schneller werden und Staus im Bewilligungsverfahren vermeiden.» Davon würden sowohl die Mieter als auch die Hauseigentümer profitieren: «Beide Seiten, Kunden und Firmen, müssen von diesem Geschäft leben können», erklärte Donato Sconamiglio.
… zu den steigenden Krankenkassenprämien
Als es um die unaufhaltsam steigenden Krankenkassenprämien ging, wurden sich die Podiumsgäste nicht einig. Wenn es nach FDP-Kantonsrätin Fehr geht, ist die Grundversorgung in der Schweiz zu wenig stark. «Die finanzielle Entschädigung und das Berufsprofil für einen Hausarzt sind zu wenig attraktiv.» Für Rosmarie Quadranti jedoch ist klar: «Die Entlastung der einzelnen Haushalte funktioniert nur mit staatlicher Unterstützung.» Steuergelder auf Probleme zu schütten, würde die aufmüpfigen Leute beruhigen, die Probleme jedoch nicht lösen, dementierte Fehr.
«Wie ist der Mittelstand zu retten?» – darüber diskutierten die Teilnehmer am Sonntagsforum. (Video: Paulo Pereira)
Moderator Stephan Klapproth verlieh den Diskussionsteilnehmern einen imaginären Zauberstab, mit dem sie jeweils eine Massnahme zur Rettung des Mittelstands umsetzen dürften. Walter Angst würde sowohl einen Block mit Hauseigentümern als auch einen von Mietern zusammen in einen Raum sperren, «bis sie auf einen gemeinsamen Nenner kommen».
Raffaela Fehr möchte die «Absicherungspolitik» abschaffen und Gesetze darauf reduzieren, mehr Eigenverantwortung und gesunden Menschenverstand walten zu lassen. Ähnlich sieht es Rosmarie Quadranti: «Konstruktive Zusammenarbeit sowie Mut zur Lücke» lauteten ihre Massnahmen.


Andreas Egli und Donato Sconamiglio sind mit dem bestehenden System zufrieden, weil es funktioniere. «Ich würde mir selber jedoch Dankbarkeit verordnen und diese allen weitergeben», sagte Sconamiglio. Trotz der aktuellen Probleme würde es den meisten Schweizern vergleichsweise gut gehen.
Karin Lenzlinger brachte es in ihrem abschliessendem Resümee auf den Punkt: «In der aktuell herrschenden Lage ist das Bedürfnis der Bevölkerung nach Sicherheit nachvollziehbar.» Darauf zu vertrauen, dass andere die Probleme lösen würden, sei allerdings eine gefährliche Situation: «Wir müssen selber Verantwortung übernehmen.» Damit sprach sie vielen Anwesenden aus den Herzen, genauso wie Rosmarie Quadrantis flammender Appell: «Wir müssen endlich aufhören, im Polit-Gärtli zu denken. Wir sollten gemeinsam Lösungen finden, um unser Land wieder vorwärtszubringen.»
