Er malt so lange, bis es ihm gefällt
Ausstellung im Kunsthaus Elsau
Der Schlatter Künstler Hansjörg Flückiger erfindet sich immer wieder neu. In vielen seiner Werke vermischt sich Alltägliches mit scheinbar Absurdem.
«Eigentlich wollte ich dieses Bild real gestalten», erklärt Hansjörg Flückiger, «doch dann schaltete sich mein Unterbewusstsein wieder dazwischen und es entstand etwas ganz anderes.» Der 85-jährige Kunstmaler aus Schlatt erklärt seinen ständigen inneren Kampf.
Er steht vor einem Gemälde, das auf den ersten Blick vorbeiziehende Vögel abzubilden scheint. Beim genaueren Hinsehen wird klar, dass es sich um Kürbisse handelt. Ihre Flügel sind Herbstblätter, ihre Schnäbel sind geformt wie jene der Waldrappen. Flückiger gesteht, dass ihn eine Dokumentation über die schwarzen Zugvögel so beeindruckt hat, dass sich diese Faszination einen Weg in sein damals aktuelles Werk gesucht und offenbar gefunden hat.
«Kunst ist nicht immer planbar»
Bleibt er bei seiner Arbeit hängen, legt er den Pinsel auch mal zur Seite. «Dann strecke ich mich auf meinem Sofa aus und betrachte das Gemälde aus einer gewissen Distanz.» Er bezeichnet sich als sehr glücklichen Menschen – bisher sei er auf diese Weise immer auf eine Lösung gekommen. Dass ihm dies auch heute noch gelingt, widerspiegeln seine unzähligen Werke. Deren 85 sind aktuell im Kunsthaus in Elsau zu bewundern, alle davon sind in den letzten fünf Jahren entstanden. Die Auswahl für eine Ausstellung zu treffen, sei wahrlich eine schwierige Aufgabe.
Die Exponate sind nach den unterschiedlichen Arbeitstechniken aufgeteilt: Farbstift, Acryl, Aquarell, Pastell und Hinterglas. Der Künstler erfinde sich auch mit seinen 85 Jahren immer wieder neu: Wenn eine länger ausgeführte Technik zur Routine zu werden drohe, wage er sich an eine andere heran. Auch der persönliche Stil habe sich mit den Jahren verändert. «Früher habe ich viel mit Symbolen gemalt, was ich heute kaum mehr mache.»
Seine Kunst regt zum Nachdenken und Staunen an. Vieles offenbart sich dem Betrachter erst beim näheren Hinsehen. Oft seien Sujets durch Zufälligkeiten entstanden. So auch ein Blechhuhn, das ihn beim Einkauf inspiriert und den Weg in sein Atelier gefunden habe. Erst viel später sei er in einem Antiquariat auf einen bunten Eierbecher gestossen, und sein Stillleben «Huhn legt Frühstücks-Ei» war geboren.
Lachend gesteht Flückiger, dass in seinem Arbeitszimmer etwa 30 Schachteln und unzählige andere Gegenstände jahrelang herumstehen würden. Alle bereit, auf die Eingebung des Künstlers zu warten. «Kunst muss sich entwickeln.» Seine Ehefrau Alice hätte schon längst aufgegeben, Gegenstände aus seinem Atelier zu entsorgen.
Die vielen Seiten des Hj. Flückiger
Er steht vor einem Pastellgemälde, das ein Kernkraftwerk in einer idyllischen Landschaft zeigt. Im Kühlturm des AKW ist ein Blumenstrauss drapiert. «Das wäre mein Lösungsvorschlag für eine kostengünstige Alternative zum Rückbau stillgelegter Kraftwerke», sagt er und schmunzelt.
Flückigers Kunst schlägt auch humorvolle, satirische Töne an. Obwohl er nicht politisieren wolle. Der Krieg in der Ukraine habe ihn dennoch zu einem Werk angeregt. Anders als bei einem seiner früheren Werke zu diesem Thema, hat er auf die figürliche Abbildung von Menschen verzichtet. An ihrer Stelle agieren Kürbisse, die ohnehin ein sehr beliebtes Motiv des Malers sind und wie ein roter Faden durch die Ausstellung führen. «Eine realistischere Darstellung eines Kriegsszenarios hätte mich mental zu stark mitgenommen.»
Beim Rundgang durch die Ausstellung wird klar, dass der Künstler das Spiel mit den Formen und Farben genauso liebt wie das Ausprobieren unkonventioneller Techniken. So experimentiert er unter anderem mit der Fliesstechnik oder einem Blasröhrchen, setzt auch mal Schnüre und Kartonstreifen in Szene. «Was ist Malerei? Das Organisieren einer Fläche mit Farben und Formen», so seine nüchterne Aussage. Flückiger sei inzwischen an einem Punkt angelangt, an dem nicht einmal mehr eine Form zwingend notwendig sei.
Von der Ideenfindung bis zur finalen Katalogisierung eines Bilds hat Hansjörg Flückiger einen Arbeitsaufwand von etwa einem Monat. «Ich muss so lange an einem Bild malen, bis es mir gefällt», wettert er mit gespielter Empörung über seine Berufung. Der Lohn für sein Schaffen ist, dass er auch nach Jahren noch stolz ist über jedes einzelne seiner Werke.
Galerie mit Persönlichkeit und Charme
Die Räumlichkeiten des kleinen, aber feinen Elsauer Kunsthauses bilden den passenden Rahmen für die Werke des Schlatter Künstlers. Jürg und Margrith Bischofberger haben das 200-jährige Haus vor 25 Jahren gekauft und sorgfältig renoviert.
Heute verfügt das Haus über vier Ausstellungs- und Konzerträume. Der ehemalige Maschineningenieur pflegt eine jahrelange Verbundenheit zur Kunst. «Auf meinen beruflichen Reisen durch die ganze Welt konnte ich mich von den verschiedenen Kulturen inspirieren lassen», erzählt er.
Bischofberger ist selbst leidenschaftlicher Kunstmaler und hat mehrere Publikationen herausgegeben. Zwei- bis viermal jährlich lädt das Ehepaar zu kulturellen Anlässen ein, ob Konzerte oder Kunstausstellungen. Die Kulturschaffenden aus der Region sind sowohl Einzelpersonen als auch Gruppen. «Die Werke müssen einen gewissen Spannungsbogen bilden», ist die Bedingung des Hausherrn. Die Nachfrage nach Ausstellungsräumen sei gross. «Als sogenannten Eintrittstest müssen Bewerber ein altes Werk neu interpretieren», sagt er schmunzelnd.
Hansjörg Flückiger stellt zum zweiten Mal im Kunsthaus Elsau aus, nach der Premiere vor fünf Jahren. Damals wurde die Vernissage just an seinem 80. Geburtstag durchgeführt.
Ausstellung im Kunsthaus Elsau
Vom 29. Oktober bis 25. November
Öffnungszeiten:
Samstag und Sonntag, 14 bis 18 Uhr
Hansjörg Flückiger ist jeden Sonntag anwesend und begleitet, abwechselnd mit Galerist Jürg Bischofberger, auf Wunsch die Besucher in Gruppen.
Führung am Sonntag, 12. November, um 14 Uhr
Eröffnung mit öffentlicher Vernissage:
Samstag, 28. Oktober, um 18.30 Uhr
Einführende Worte:
Jürg Bischofberger (Elsau), Galerist
Edgar Müller (Winterthur), Kunsthistoriker
Die Vernissage wird musikalisch umrahmt.