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Er hat den ÖV im Oberland geprägt – sein halbes Leben lang

Eine Ära geht zu Ende. Nicht nur für die VZO, die demnächst die ersten E-Busse einsetzt, sondern auch für den Direktor.

Werner Trachsel, Direktor der VZO, im Busdepot Grüningen.

Foto: Christian Merz

Er hat den ÖV im Oberland geprägt – sein halbes Leben lang

Der Direktor tritt ab

120'000 Kilometer hat er in den Beinen. VZO-Direktor Werner Trachsel fährt seit 30 Jahren jeden Tag mit dem Velo von Stäfa nach Grüningen. Jetzt hört er auf – aber nicht ganz.

31 Jahre alt war Werner Trachsel (heute 62), als er kaufmännischer Leiter wurde bei den 45 Jahren zuvor gegründeten Verkehrsbetriebe Zürichsee und Oberland (VZO). Nur kurz darauf wurde er zum Direktor befördert. In seiner Zeit wuchs der Betrieb gewaltig, die Zahl der Fahrgäste stieg von 6 auf 24 Millionen pro Jahr.

Im Vergleich zu Ihren Anfängen: Was ist für Sie auch heute noch erstaunlich?

Vieles hat sich verändert, und wir passten uns an. Seit Jahrzehnten unverändert aber blieb die Loyalität, dieses innere Feuer für die VZO, das ich bei vielen Mitarbeitenden und bei mir selber spüre. Das ist unser Antrieb, alles für unsere Fahrgäste noch besser machen zu wollen.

Wo hätten Sie eine raschere Entwicklung erwartet?

Wir wollten viel schneller mehr Verbindungen anbieten. Unsere Wunschliste war jahrzehntelang grösser als das Geld, das wir für den Ausbau bekamen. Aber die Liste ist heute kleiner geworden. Jetzt ist das Netz mehr oder weniger fertig. Das Oberland und das rechte Seeufer sind vollständig vom ÖV erschlossen, der Fahrplan ist dicht und die Pünktlichkeit hoch.

Werner Trachsel, CEO VZO, portraitiert im Busdepot Grüningen.
Es gibt noch eine Wunsch-Buslinie für Werner Trachsel. In vier Jahren soll sie kommen.

Gibt es noch eine Buslinie, die fehlt?

Ja, die Linie 866. Sie wird Esslingen, Mönchaltorf, Gossau und Wetzikon verbinden. Quasi eine Verlängerung der Forchbahn.

Wann kommt sie?

Ich hoffe, dass sie bis in vier Jahren steht. Wir denken, sie entspricht einem grossen Bedürfnis.

Der Mehrverkehr auf den Strassen macht uns zu schaffen.

Werner Trachsel, VZO-Direktor

Im öffentlichen Verkehr geht es immer um Pünktlichkeit. Wo sind die grössten Problemzonen?

Eines unserer Hauptprobleme ist sicher die Situation auf den Strassen. Der Mehrverkehr macht uns zu schaffen. In den nächsten Jahren beabsichtigen zudem viele Gemeinden Tempo 30 einzuführen. Das kann für uns schwierig werden.

Schwierig inwiefern?

Wir verlieren Zeit. Und dort, wo die Verlängerung der Fahrzeit grösser ist als die verfügbare Wendezeit, muss ein zweiter Bus eingesetzt werden, sonst geht auf dem Rückweg der Fahrplan nicht mehr auf. Die Kosten für diese zusätzlichen Einsätze sind hoch.

Und es gibt Probleme bei den Anschlüssen an den Bahnhöfen.

Ja genau, und das ist für uns essenziell. 80 Prozent unserer Passagiere kommen von der S-Bahn oder reisen mit der S-Bahn weiter. Und wenn die Anschlüsse unsicher sind, verlieren wir schnell viele Fahrgäste.

Werner Trachsel, CEO VZO, portraitiert im Busdepot Grüningen.
Werner Trachsel: «Der öffentliche Verkehr ist Marktleader – in den Stosszeiten.»

Wie kann das Problem entschärft werden?

Wie so oft, mit Zusammenarbeit. Wir arbeiten deshalb eng mit den Strasseneigentümern zusammen, um geeignete Massnahmen zu realisieren, damit der Bus beschleunigt und bevorzugt fahren kann. Das macht für alle Sinn, denn wenn die Leute vom Bus aufs Auto umsteigen, kollabiert der Verkehr in den Hauptverkehrszeiten.

Wieso hat es der ÖV noch nicht geschafft, ein grösserer Teil des Gesamtverkehrs zu sein?

Etwas differenzierter betrachtet zeigt sich Folgendes: In der Hauptverkehrszeit am Morgen und am Abend ist der öffentliche Verkehr Marktleader. Heute fährt nur noch etwas mehr als jeder vierte Pendler mit dem Auto in die Stadt. Klar häufiger genutzt wird das Auto hingegen während den übrigen Zeiten. Aber auch hier steigen die Zahlen zugunsten des ÖV. Für mich ist es nach wie vor aber unbegreiflich, wie viel Freizeitverkehr immer noch mit dem Auto gefahren wird, mit all den Erkenntnissen über unsere Umwelt und dem dichten ÖV-Netz in der Schweiz.

Wir rechnen mit einem Wachstum um die 40 Prozent bis 2030.

Werner Trachsel

Und trotzdem wächst die Nachfrage kontinuierlich.

Ja, und zwar stark. Wir rechnen mit einem Wachstum von 30 bis 40 Prozent bis ins Jahr 2030.

Wo sind die Kapazitätsgrenzen?

Es gibt keine! Um das gleichzeitige Reisebedürfnis am Morgen und am Abend abdecken zu können, setzen wir zusätzliche Gelenkbusse ein. Die fahren dann oft auch tagsüber, wo ein kleinerer Bus genügen würde, was trotzdem günstiger ist.

Das müssen Sie erklären.

Kleinere Busse wären im Betrieb etwas ökologischer, weil sie weniger verbrauchen. Aber ein Kleinbus muss nach 300’000 Kilometern ersetzt werden, ein Standardbus leistet gut eine Million Kilometer, das heisst, wir müssten drei Kleinbusse für einen Standardbus beschaffen. Zudem, die Fahrerin oder der Fahrer bekommt unabhängig vom Fahrzeug den gleichen Lohn.

Werner Trachsel, CEO VZO, portraitiert im Busdepot Grüningen.
Einheimische Buche statt nicht immer ganz hygienische Polstermöbel. Seit einigen Jahren setzen die VZO auf Holzsitze.

Was kommt als Nächstes im VZO-Netz, der Fünf-Minuten-Takt?

Zuerst käme der Siebeneinhalb-Minuten-Takt. Das ist vor allem für Uster und Wetzikon prüfenswert, wenn die S-Bahn ab 2035 dichter fährt. Mit der Planung dazu haben wir bereits begonnen.

Sie nehmen dieses Jahr Ihre ersten drei Elektrobusse in Betrieb. Wann kommen die selbstfahrenden Busse?

Vor mehr als 10 Jahren haben uns Experten angekündigt, dass schon 2025 automatisierte Busse fahren werden. Aber davon ist die Technik noch sehr weit entfernt. Nein, die Busse werden noch lange von Fahrerinnen und Fahrern gesteuert, die auch persönlich einen guten Tag wünschen.

Sehen Sie neue Tätigkeitsfelder für die VZO, wie Grosstaxis oder Rufbusse?

Wir haben von unseren Gemeinden einen volkswirtschaftlichen Auftrag und halten uns von Geschäftsfeldern fern, die von der Privatwirtschaft bedient werden. Es kann ja nicht sein, dass ein subventionierter Betrieb hier mitmischt.

Aber wenn sich im ÖV neue Entwicklungen zeigen, prüfen wir das genau. Wir haben zum Beispiel schon seit vielen Jahren das Buxi – eine Art Rufbus und Sammeltaxi. Und wir hatten vor über 20 Jahren die ersten Bildschirme mit Infotainment im Bus, wie man sie heute fast überall sieht, die wir später aber wieder ausbauten und noch heute überflüssig finden.

Was unterscheidet die VZO von anderen Nahverkehrsunternehmen?

Die VZO bekommen seit Jahrzehnten beste Noten von den Fahrgästen. Unsere Kosten liegen deutlich unter den ZVV-Vorgaben. Unsere Mitarbeitenden sind im Schnitt seit 10 Jahren bei uns. Das ist toll, aber nur möglich, weil wir uns intensiv darum bemühen, dass unsere Leute an ihrem Arbeitsplatz zufrieden sein können. Das gelingt nicht immer und nicht bei allen, aber doch ziemlich gut.

Was liegt Ihnen für «Ihre» VZO besonders am Herzen?

Die Hälfte meines Lebens habe ich mich für die VZO engagiert. Mir liegt so ziemlich alles am Herzen, vor allem aber die Mitarbeitenden, für deren Leistung ich grössten Respekt habe. Aber mein Nachfolger tickt hier ähnlich wie ich.

Jetzt beginnt ein neues Zeitalter für die VZO.

Werner Trachsel

Sie gehen vorzeitig. Weshalb?

Mit der Einführung der Elektrobusse beginnt für die VZO ein neues Zeitalter. Der Zeitpunkt, jetzt abzugeben, ist ideal. Und ideal ist auch, dass mein Nachfolger Joe Schmid schon fast 20 Jahre Mitglied der Geschäftsleitung ist und die VZO nicht nur gut kennt, sondern auch mit unverbrauchten Kräften und neuen Ideen weitermachen wird.

Auf welche Errungenschaft sind Sie stolz?

Vor vielen Jahren haben wir unseren Fahrerinnen und Fahrern ein Tablet abgegeben, mit einer nach unseren Ideen programmierten App für den ganzen Papierkram. Heute ist diese App bei den meisten Verkehrsbetrieben in der Schweiz im Einsatz. Alle wollten unsere Entwicklung, weil es das Informieren deutlich erleichterte.  

Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger?

Ich bin sicher, dass mein Nachfolger mit seiner erfahrenen Mannschaft stark unterwegs sein wird. Aber das Team braucht auch noch etwas Glück, so, wie ich das hatte, und das wünsche ich meinem Nachfolger.

Sie arbeiten bis zu Ihrer ordentlichen Pensionierung noch in einem Teilzeitpensum für die VZO. Was genau?

Zum Beispiel bin ich auf der Suche nach Liegenschaften, die wir kaufen könnten für unsere nächsten Fahrzeugdepots, die in den nächsten Jahren gebaut werden müssen. Wir wissen heute, dass wir im Jahr 2030, 2035 keinen Platz mehr in unseren Depots haben. Dann müssen neue Depots bereitstehen.

Was machen Sie jetzt mit der vielen Freizeit?

Dafür lasse ich mir noch Zeit. Ich bin mir während all der anspruchsvollen Jahre etwas abhandengekommen und will zuerst schauen, wo ich stehe und was ich will.

Das Frankreich-Abenteuer der VZO

Es gab da eine Episode in der Geschichte der VZO, die wirklich aussergewöhnlich war. 24 Jahre ist das her. Die VZO aus Grüningen verkündeten ein Joint Venture mit dem französischen Connex-Konzern (heute Veolia), einem der grössten Global Player. «David sucht Goliath», titelte die NZZ damals.

Was ist geschehen?

Werner Trachsel: 1999 wurde eine grosse Liberalisierungswelle im öffentlichen Verkehr angekündet. Die Befürchtungen in der Branche waren gross, dass die internationalen Konzerne reihenweise Ausschreibungen von öffentlichen Buslinien gewinnen würden. Unsere Idee war: Wir können diese Konzerne nicht schlagen, aber wir können mit ihnen zusammenarbeiten. So kam es zum Joint Venture mit Connex. Das war eine spannende Sache. Aber wir hätten nicht gedacht, dass es so herauskommt.

Wieso ist es anders gekommen?

Es hat schliesslich ein paar Ausschreibungen gegeben, an denen wir gemeinsam mitgemacht haben. Gleichzeitig haben wir aber gemerkt, dass auch diese internationalen Konzerne nur mit Wasser kochen. Und die ganze Liberalisierungswelle ist wieder verebbt.

Was hat Ihnen das gebracht?

Einiges. Wir haben viel gelernt aus der Zusammenarbeit mit Connex. Wir haben Einblick in ihre Organisation bekommen. Aber es war trotzdem keine gute Sache.

Wieso?

Wir sind mit dieser Idee in der Branche nicht allzu gut weggekommen. Man hat uns als Steigbügelhalter der Grosskonzerne bezeichnet. Das hat zwar ein paar Jahre nachgehallt, aber mittlerweile erinnert sich kaum noch jemand daran.

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