Oberländer Kirchgemeinden verzeichnen übermässige Austritte
Nach Missbrauchsstudie
Die Ergebnisse der Missbrauchsstudie lösten Bestürzung aus – in der Bevölkerung und den kirchlichen Institutionen. Die Oberländer Kirchgemeinden erklären, was die Studie für Auswirkungen hat.
Eine schreckliche Wahrheit, die am 12. September von Historikern und Historikerinnen der Universität Zürich über die Katholische Kirche aufgedeckt wurde: Sie belegen in einer Studie 1002 Fälle sexuellen Missbrauchs seit Mitte des 20. Jahrhunderts in der Schweiz.
Nach der emotionalen Ohnmacht über die in der Studie aufgedeckten Umstände werden nun die Auswirkungen in den einzelnen Kirchgemeinden sichtbar. Die katholischen Institutionen in der Region (Uster, Wetzikon, Illnau-Effretikon, Pfäffikon, Turbenthal und Dübendorf) verzeichnen eine erheblich erhöhte Anzahl an Kirchenaustritten.
Missbrauch ist einer von vielen Gründen
«Vom 12. bis 30. September verzeichneten wir 66 Austritte», sagt Yvonne Caplazi von der Kirchenpflege St. Martin Illnau-Effretikon, Lindau und Brütten. Das entspreche in dieser kurzen Zeit etwa zwei Dritteln der herkömmlichen jährlichen Austritte.
In der Kirchgemeinde Dübendorf sind es seit Veröffentlichung der Studie 89 Austritte, in der Kirchgemeinde Uster etwa 150, in Turbenthal 18. Pfäffikon schreibt auf Nachfrage von einer «Häufung von Austritten», Wetzikon von «vergleichsweise höheren Zahlen».
Die Ergebnisse der Studie haben direkte Auswirkungen, die bereits innert kürzester Zeit in den kirchlichen Institutionen spürbar sind. «Die grosse Anzahl Austritte macht betroffen und stimmt unser ganzes Seelsorgeteam und die Kirchenpflege natürlich sehr nachdenklich», schreibt Gregor Freund, Präsident der Römisch-katholischen Kirchenpflege Dübendorf.
Auch in Turbenthal schmerzen die Austritte. «Die Kirchgemeinde Turbenthal, Wila und Wildberg ist zwar weitläufig, aber mit rund 1300 Katholiken eine kleine Kirchgemeinde», schreibt Anna-Maria Caldarulo, Präsidentin der Kirchenpflege. Da fallen 18 Austritte bereits ins Gewicht.
Wir können die Gründe für die Austritte sehr gut nachvollziehen.
Lea Pörnbacher
Sekretariat Kirchenpflege, Katholische Kirchgemeinde Uster
«Etwa ein Drittel der Austretenden gibt einen Grund an – so unter anderem die aufgedeckten Missbrauchsfälle», sagt Lea Pörnbacher aus der Kirchgemeinde Uster. Auch fehlende Reformen, das Pflichtzölibat oder veraltete Strukturen werden als Gründe für den Austritt angegeben.
«Wir können die Gründe allesamt sehr gut nachvollziehen», so Pörnbacher. «Gleichzeitig tut uns jeder Austritt unglaublich weh, denn es schwächt uns an der Basis, an der so viel Gutes tagtäglich geschieht.»
Auf lange Sicht werden Gelder fehlen
Dass tagtäglich so viel Gutes geschehe, scheint aktuell im Schatten der Missbrauchsstudie zu verschwinden. «Wir haben Verständnis dafür, dass viel Vertrauen in die Katholische Kirche verloren gegangen ist.
Es geschieht aber viel Gutes, und dies darf nicht vergessen werden», so Anna-Maria Caldarulo, Präsidentin der Kirchenpflege Turbenthal, Wila und Wildberg. Die Katholische Kirche bietet für viele Menschen eine Zuflucht, Glaube, Hoffnung. Daneben unterstützen viele Kirchgemeinden soziale Projekte.
Das Gute darf nicht vergessen werden.
Anna-Maria Caldarulo
Präsidentin Kirchenpflege Turbenthal, Wila und Wildberg
Jugend- und Altersarbeit wie Lager, Seniorentreffen und Kleidersammlungen, die Seelsorge in schwierigen Lebenslagen, Unterstützung diverser Vereine oder auch armutsbetroffener Personen: «Etwa 80 Prozent der Kirchensteuer fliessen in genau diese Bereiche unseres vielfältigen Pfarreilebens», schreibt Pörnbacher.
Durch die Kirchenaustritte verlieren die Kirchgemeinden nicht nur wertvolle Mitglieder, sondern auch wichtige Gelder. Dementsprechend werden in Zukunft, vor allem bei weiteren übermässigen Austritten, die Steuereinnahmen zurückgehen und damit Gelder fehlen.
Aktuelle Projekte sind laut Pörnbacher nicht gefährdet. «Aber ab dem kommenden Jahr müssen sicherlich einige Ausgaben von unserer Kirchenpflege überdacht werden.» Alle Kirchgemeinden werden langfristig mit sinkenden Steuerbeiträgen konfrontiert sein – auch unabhängig von der Missbrauchsstudie. Dementsprechend werden in Zukunft Projekte und Ausgaben neu definiert werden müssen.
Angaben zu aktuellen Projekten oder dazu, ob diese akut gefährdet sind, wurden von den angefragten Kirchgemeinden (Uster, Wetzikon, Illnau-Effretikon, Pfäffikon, Turbenthal und Dübendorf) nicht gemacht. Man beobachte die Entwicklung der Kirchenaustritte genau. «Wir machen uns im Hinblick auf die Budgetdiskussionen Überlegungen betreffend Kürzung einzelner Projekte», so Barbara Amrein von der Kirchenpflege Wetzikon.
Tiefe Betroffenheit und der Wunsch nach Aufklärung
Die sinkenden Steuerbeiträge scheinen vorerst eher ein Problem der Zukunft – nicht so aber die Folgen der Missbrauchsstudie, welche die Missbräuche und die institutionelle Vertuschung in der Katholischen Kirche aufdeckte. Die Bevölkerung reagierte umgehend – sichtbar an den Austritten.
«Unsere Gedanken sind vor allem bei den Betroffenen. Wir wünschen uns Gerechtigkeit und die lückenlose Aufarbeitung unter Einbezug aller zur Verfügung stehenden Rechtsmittel», schreibt Gregor Freund, Präsident der Römisch-katholischen Kirchenpflege Dübendorf.
Da ist man sich in den Kirchgemeinden einig – das Mitgefühl und die Betroffenheit ist gross. So schreibt Aneta Stepien, Präsidentin der Kirchenpflege der Katholischen Kirchgemeinde Pfäffikon, sie bedauern sehr, was passiert sei und fühle mit den Opfern mit.
Wir bedauern sehr, was in der Vergangenheit passiert ist, und wir fühlen mit den Opfern mit.
Aneta Stepien
Präsidentin der Kirchenpflege, Katholische Kirchgemeinde Pfäffikon
Kurz nach der Studie veröffentlichte die Katholische Kirchgemeinde Uster einen offenen Brief und stellt sich im Interview kritischen Fragen. «Wir stehen und leben für eine lebendige, transparente und gleichberechtigte Kirche, die alle inkludiert», schreibt Lea Pörnbacher vom Sekretariat der Kirchenpflege der Katholischen Kirchgemeinde Uster. «Dazu gehört auch mal eine Portion Ungehorsam gegenüber unseren Kirchenoberen.»
Wie konkrete Massnahmen der regionalen katholischen Institutionen zur Aufklärung aussehen oder wie diese das Vertrauen der Bevölkerung stärken wollen, steht aktuell noch in den Sternen.
Bleibt zu hoffen, dass die Studie nicht nur die Missstände der Vergangenheit aufgedeckt hat, sondern auch die Zukunft massgebend beeinflussen wird. In eine Richtung, die eine wirklich transparente Kirchenpolitik voraussetzt, so, wie es sich die Beteiligten der Kirchgemeinden wünschen.
