Neuer Betreiber des Tankstellenshops Rikon weiss, wie der Hase läuft
Unterschätztes Business
Der Tankstellenshop im Rikemer Zentrum will kein 08/15-Laden sein. Nun kommt es zu einem Wechsel an der Spitze – doch die Philosophie soll die gleiche bleiben.
Zwei Zapfsäulen und ein Laden, in dem der «Moscht» bezahlt wird: Auf den ersten Blick ist die Avia-Tankstelle in Rikon nicht viel mehr als das. Was fehlt: das Signet einer bekannten Ladenkette wie Avec oder Migrolino.
Der Grund: Der Tankstellenshop, der Ende Monat sein dreijähriges Bestehen feiert, ist unabhängig. Er will bewusst kein 08/15-Laden mit den immer gleichen Convenience-Produkten sein.
«Es ergibt keinen Sinn, Waren durch die halbe Schweiz zu karren, wenn man so vieles regional beziehen kann», sagt David Gysel. Er ist nicht nur Miteigentümer der Liegenschaft an der Tösstalstrasse. Über seine Firma Shop Rikon AG hat er die Tankstelle zusammen mit seinem Geschäftspartner Patrick Tomaschett bis Anfang Monat auch selbst geführt.
Nicht ganz freiwillig, wie er verrät: «Wir wollten aus dem Laden eine coole ‹Gschicht› machen und hatten genaue Vorstellungen. Deshalb mussten wir auch lange suchen, bis wir den perfekten Pächter gefunden haben.»
Unabhängigkeit birgt Vorteile
Zu Gysels Vorstellungen gehörte etwa, ein individuelles Sortiment zu bieten. Oder zu vermeiden, was er so formuliert: «Die Franchise-Geber sagen dann, du darfst nur Maltesers und keine M&Ms verkaufen, obwohl die Tösstaler vielleicht lieber M&Ms möchten.»
Auch regionale Produkte wie Fleisch von der Bubiker Metzgerei Minnig oder Eier vom regionalen Lieferanten Eier Tom würden es laut Gysel kaum je in einen Standard-Tankstellenshop schaffen.
Ein weiterer Vorteil: Trendprodukte wie den BraTee des deutschen Rappers Capital Bra konnte man direkt ins Sortiment nehmen, ohne zu warten, ob die Branchenriesen ihn ebenfalls anbieten. «Die Jugendlichen waren überglücklich, dass sie zu den Ersten gehörten, die ihn kaufen konnten», sagt Gysel.
«Unser Konzept ist bei den Kunden definitiv gut angekommen», betont er. In den vergangenen drei Jahren konnte sich der unscheinbare Shop so einen treuen Kundenstamm aufbauen.
Der neue Pächter, der dieses Geschäftsmodell in die Zukunft führen soll, heisst Franco Bazzotti. Der gebürtige Winterthurer ist ein guter Bekannter von David Gysel. Beim Besuch vor Ort ist er sichtlich im Schuss – schaut prüfend aus dem Fenster, arrangiert Putzkräfte und Lieferanten.
Stets mit einem Ohr beim Kunden
Er sagt: «Ich sauge alles auf, lerne die Kunden und ihre Bedürfnisse kennen. Das braucht viel Zeit und Nerven, aber es lohnt sich.» Er wisse, wie der Hase laufe, habe er doch zehn Jahre Tankstellenerfahrung.
Vor seiner Übernahme führte Bazzotti drei Tankstellen in der Ostschweiz im Franchise-System. Dieses ist in der Branche verbreitet: Unternehmer nutzen gegen eine Gebühr eine bekannte Marke und das Konzept, bleiben aber wirtschaftlich selbständig. Der Wunsch nach mehr Individualität und dem klassischen «Verchäuferli-Dasein» führte den Branchenprofi nach Rikon.
Eine Art erweiterter Quartierladen, der Spass macht, der Vielfalt und Frische zu fairen Preisen bietet.»
Franco Bazzotti über das Ziel seines Tankstellenshops
Seit er das Steuer ergriffen hat, kontrolliert er schrittweise das gesamte Sortiment. So will er sicherstellen, dass neben den wichtigsten Artikeln auch überraschende Produkte vorhanden sind, dass sie richtig angeschrieben sind und dass deren Preis nach wie vor stimmt.
Sein Ziel: «Eine Art erweiterter Quartierladen, der Spass macht, der Vielfalt und Frische zu fairen Preisen bietet.» Deshalb ist er auch immer mit einem Ohr beim Kunden.
Er deutet auf eine Flasche Hennessy-Cognac. «Die haben wir eingeführt, nachdem ein paar Jungs letzte Woche danach gefragt hatten», sagt er. «Solche Sachen mache ich, während dich der Shop-Betreiber in Winterthur nur doof anschauen würde.»
Eine Gleichung mit vielen Variablen
Wünsche zu berücksichtigen, ist die eine, doch bei Weitem nicht die einzige Variable, die stimmen muss, damit die Rechnung aufgeht. «Der Durchschnittskunde hat keine Ahnung, was es alles braucht, damit so ein Laden funktioniert», betont er.
Das beginne beim Kontrollieren der Ablaufdaten und reiche bis zur richtigen Programmierung der Backöfen. Gleichzeitig wolle er dem Personal einen guten Arbeitsplatz bieten. «Das Team ist sehr fleissig, und ich merke, dass alle froh sind, jetzt eine direkte Ansprechperson vor Ort zu haben.»
Für die Zukunft des Ladens hat Bazzotti «1000 Ideen», wie er erzählt. Dafür erhält er vom Eigentümer Raum für eigene Pläne. «Wir haben die gleichen Vorstellungen, wo der Laden hinsoll, und ich bin sicher, dass er bei Franco in guten Händen ist», sagt David Gysel. «Auch wenn wir den Betrieb mit einem weinenden Auge abgeben.»
Am Wochenende vom 28. und 29. Oktober feiert der Avia-Tankstellenshop an der Tösstalstrasse in Rikon sein dreijähriges Bestehen – inklusive Verpflegung und Treibstoffrabatten.