So kommen Unternehmen aus der Region an ihre Stars von morgen
Berufswahl-Parcours in Rikon
Der Berufswahl-Parcours bietet Jugendlichen erste Einblicke in verschiedene Berufe. Gleichzeitig profitieren Unternehmen davon, Lernende akquirieren zu können – so etwa das Pflegezentrum Im Spiegel in Rikon.
Es ist kurz vor der Mittagszeit. In der Cafeteria des Rikemer Pflegezentrums Im Spiegel stehen sechs Jugendliche etwas schüchtern um weiss gedeckte Apéro-Tischchen herum. Sie nippen an ihrem Orangensaft und kosten von den verführerisch duftenden Häppchen.
«Ihr habt super gekocht!», lobt eines der Mädchen. Die Hackfleischgipfeli, Bruschette und gebrannten Crèmes wurden am Morgen frisch zubereitet. Nicht aber etwa vom Gastronomieteam, sondern von Schülerinnen der zweiten Oberstufe in Zell. Am Berufswahl-Parcours konnten sie die Gelegenheit nutzen, in drei verschiedene Lehrberufe einzutauchen.
Unternehmen aus der Region stellen an diesem Tag jeweils Schnupperplätze zur Verfügung. Meist geht es um eine Besichtigung des Betriebs mit Einblick ins Berufsumfeld.
Besonders beliebt ist bei den Sekundarschülern, dass sie sich danach selbst in einigen Tätigkeiten üben dürfen. Das Spektrum der Berufsgattungen war auch in diesem Jahr breit und reichte von Automechaniker über Florist, Landwirt bis zum Fleischfachmann.
Vier auf einen Streich
Wohl in kaum einem anderen Betrieb gibt es so viele Berufe unter einem Dach zu erkunden wie in einer Pflegeeinrichtung: Hier werden Fachleute Gesundheit (Fage), Köche, Fachleute Betriebsunterhalt und Kaufleute ausgebildet. Einige Mädchen und Jungen nutzten daher die Gelegenheit und tauchten gleich in zwei Arbeitswelten in derselben Organisation ein.

Die 14-jährige Shae zum Beispiel besuchte zuerst die Pflegeabteilung des Spiegels, danach die Gastronomie. «Ich könnte mir vorstellen, später eine Lehre als Fage zu absolvieren, vielleicht in einem Spital», erklärt sie begeistert.
Damit ist sie nicht allein, auch Elena und Laura sind sehr angetan von ihrem Einblick ins Pflegeumfeld. «Es war interessant und auch lustig, selbst auszuprobieren, wie man eine Person mit einem Patientenheber vom Bett in den Rollstuhl setzen kann», verrät Laura.
Gemeinsam mit der Pflegefachfrau Jennifer wurde nicht etwa mit Bewohnenden «geübt», sondern mit den Schülerinnen als Testpersonen selbst.
Dabei gab es viel Gelächter, etwa wenn die Kollegin sich bei der grinsenden «Patientin» erkundigte: «Gehts, Frau Meier?» Diese «Trockenübungen» wurden extra in einem freien Zimmer ausgeführt, um die Bewohnenden nicht in ihrem gewohnten Alltag zu stören.

Das Messen und das Bestimmen von Blutdruck und Blutzucker gefielen allen unisono. Auch Laura interessiert sich für die Fage-Ausbildung in einem Spital oder Altersheim.
Werden die Schülerinnen damit künftig unser Gesundheitssystem retten? Denn auch in Rikon ist der schweizweit bekannte Mangel an Pflegepersonal deutlich zu spüren, wie Geschäftsführer Rolf Tannò bestätigt: «Dies betrifft nicht nur die Fachkräfte, sondern alle Ausbildungsstufen.»
Glücklicherweise baue das Pflegezentrum Im Spiegel auf einen Kern von langjährigen Mitarbeitenden. «Eine gewisse Fluktuation unter den Jüngeren gab es schon immer und ist auch wichtig, damit sie Erfahrungen sammeln können», so Tannò.
«Es ist sehr erfreulich, dass sich doch einige Oberstufenschülerinnen, die uns am Berufswahl-Parcours besucht hatten, später für eine Lehre in unserem Betrieb entschieden haben», erzählt Claudia Brändli von der Personalabteilung.
Vorurteile über Altersheime abbauen
Dass viele Pflegeinteressierte ihre Ausbildung lieber in einem Spital absolvieren möchten, ist für Beatrice Rüegg, die Berufsbildungsverantwortliche Fage, nichts Neues: «Es ist in vielen Köpfen verankert, der Berufsalltag in einem Spital sei spannender als in einer Alterseinrichtung.»
Tatsächlich gelange eine Fage-Auszubildende in einem Altersheim oft schneller zu mehr Selbständigkeit.
Die verantwortlichen Personen des Spiegels sind sich abschliessend einig: Der Berufswahl-Parcours ist eine ideale Plattform, um jungen Menschen aus dem Tösstal die unterschiedlichen Professionen näherzubringen.
«Reinschnuppern ist wichtig für die Jugendlichen, um zu spüren, was sie interessiert», bestätigt Zeljko Rebic, Leiter Gastronomie, «deshalb sind wir recht unkompliziert, wenn wir für Schnupperlehren angefragt werden.»
Nicht zuletzt würden die Jugendlichen an diesem Tag einen anderen Bezug zu einer Alterseinrichtung erhalten. «Mit der Öffnung unseres Hauses versuchen wir auch, Vorurteile abzubauen», sagt Rolf Tannò.
Sei die Oma nach einem Sturz plötzlich auf Pflege angewiesen, werde sich das Enkelkind vielleicht einbringen in die Entscheidungsfindung.

Der kleine, aber festliche Apéro wurde für die Vormittags- wie auch für die Nachmittagsgruppe aufgebaut und war als gemeinsamer Abschluss gedacht.
«Wir möchten damit unsere Wertschätzung ausdrücken und den jungen Menschen für ihr Interesse danken», bringt es Rolf Tannò auf den Punkt.
Irgendwann würden sie vor der Entscheidung stehen, wohin sie ihre Bewerbung schicken wollten. «Vielleicht fällt die Wahl dann auf unseren Betrieb», sagt er mit einem Augenzwinkern.
