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Über 350’000 Leute sind im Kreisel ins Schleudern geraten

Bremsen, schleudern, im Gelände fahren – und auch fliegen. Denn im Betzholz werden nicht nur Auto- und Töfflenker geschult.

Ins Fahrzentrum Betzholz kommen auch Blaulichtorganisationen wie die Feuerwehr Frauenfeld für Trainings.

Foto: Christian Brändli

Über 350’000 Leute sind im Kreisel ins Schleudern geraten

Fahrzentrum bei Hinwil ist 20 Jahre alt

Radpanzer, Tanklöschfahrzeuge, Töffs und ganz viele Autos: Sie alle kommen mitten im Betzholzkreisel ins Rutschen – und das im Dienst der Verkehrssicherheit.   

Ob geradeaus, in der Kurve oder gar im Kreis, ob auf trockener, nasser, rutschiger oder holpriger Unterlage, ob flach, schräg oder steil abfallend: Im Fahrzentrum Betzholz ist fast jede Art von Strecke zu finden. Für die einen das, was das Fahrerherz begehrt, für die anderen aber auch das, was den Puls in die Höhe treibt.

Unfallverhütung als oberstes Ziel

«Die Fahrtrainings, die wir hier anbieten, dienen einem Ziel: der Verhütung von Unfällen», meint Adrian Suter. Er ist Leiter Aus- und Weiterbildung. «Im Fokus liegen das Erkennen von Gefahren im Strassenverkehr und das richtige Reagieren in Notsituationen.»

In Hinwil finden solche Trainings nun schon seit 20 Jahren statt. Zwar wurden bereits in den 1990er Jahren auf einer Strecke mitten im Betzholzkreisel erste Fahrkurse angeboten. Die Einweihung des Zentrums fand aber am 20. September 2003 statt.

Vor vier Jahren wurde das Angebot um zwei Pisten erweitert. So umfasst die Anlage heute zwei Schleuderplatten, gesteuerte Wasserhindernisse und Geschwindigkeitsmessanlagen, ein Aquaplaning-Becken, eine Kurven- und Kreisbahn und eine Kuppe jeweils mit Gleitbelag sowie einen Offroad-Parcours.

Das TCS-Fahrzentrum Betzholz ist das grösste der Schweiz und bietet von Gleitstrecken über Kreisbahnen bis hin zu Offroad-Parcours alles. Video: Marc Rief/ZO

«Es ist ein Segen, dass wir das alles hier realisieren konnten», meint Suter. Der Gleitbelag bietet laut dem Ausbildungsleiter zwei Vorteile: «So bringen wir die Lenker schon mit tiefem Tempo an ihre Grenzen. Und es gibt keinen Reifenabrieb.»

Das grösste TCS-Zentrum der Schweiz

Mit einer Fläche von 90'000 Quadratmetern steht in Hinwil das grösste der 17 TCS-Zentren der Schweiz. Darin inbegriffen sind zwei Winterstandorte für Fahrtrainings auf Schnee. Das ist das Einzige, was in Hinwil mangels genügenden Schneefalls nicht geboten werden kann.  

Investiert wurde in Hinwil nicht nur in den Bereich Verkehrssicherheit und in die Fahrkompetenz. Mit dem Bau der neuen Anlagen wurde damals bereits die Infrastruktur für ein Zwei-Phasen-Ausbildungskonzept mit Führerausweis auf Probe erstellt. Dieses wurde mit der Revision des Strassenverkehrsgesetzes eingeführt.

Es rollt und rutscht

«Lernen durch Erleben» ist laut Suter das Motto der Kurse, die hier angeboten werden. 1800 sind es jedes Jahr, die von 180'000 Männern und Frauen besucht werden. Betreut werden diese von 56 Instruktoren. Seit 2003 sind hier rund 30'000 Kurse mit über 350'000 Kursteilnehmern durchgeführt worden.

Dabei spielt es keine Rolle, ob die Gefährte zwei, drei, vier oder mehr Räder haben. «Kaum eine Fahrzeugkategorie fehlt in den Kursen», hält Suter fest. Auch spezifische Segmente wie Camper, Wohnanhänger, Oldtimer, Enduro-Motorräder, Feuerwehrautos oder Geländefahrzeuge werden abgedeckt.

Ein Fahrzeug der Feuerwehr Frauenfeld versucht an der Kuppe mit Gleitbelag den Wasserwänden auszuweichen. Video: Christian Brändli

Die Hälfte der Kursteilnehmer sind Privatfahrer von Autos und Motorrädern. Ein wichtiges Segment sind die obligatorischen Weiterbildungen für Neulenkerinnen und -lenker. Die andere Hälfte besteht aus gewerblichen Berufsfahrern sowie Fahrerinnen und Fahrern von Feuerwehr, Polizei und Militär.

Adrian Suter, Leiter Aus- und Weiterbildung, absolviert den Offroad-Parcours. Video: Christian Brändli

Obwohl auf den verschiedenen Strecken die Lenker an ihre Grenzen kommen, passiert wenig. «Ein Fahrzeug mit hohem Schwerpunkt ist beim Schleudern umgekippt», erinnert sich Suter. Und bei Töfflenkern kann es auch mal vorkommen, dass ein Motorrad am Boden liegt. Dies aber meist aus dem Stand heraus. PWs und Lieferwagen seien aber bei all den Schlenkern immer auf ihren vier Rädern geblieben.

Räder – und auch Rotoren

Seit 2017 hat der TCS den Blick vom Boden auch hinauf in die Luft gerichtet. So gehören Kursmodule für angehende wie auch erfahrene Drohnenpiloten zum Angebot. Mit der neuen Drohnenverordnung des Bunds seit Anfang 2023 muss teilweise ein Zertifikat erworben werden, und Fluggeräte ab 250 Gramm müssen registriert werden. Bei diesen Kursen werden das Wissen über rechtliche Rahmenbedingungen, Flugphysik und -steuerung sowie praktische Fähigkeiten vermittelt.

Drohneninstruktor Marc Rief zeigt einen Teil seiner Ausrüstung.
Drohneninstruktor Marc Rief bildet jährlich rund 700 Drohnenpiloten im Betzholz aus.

Geleitet werden diese Kurse etwa von Marc Rief. Der 47-Jährige befasst sich seit zehn Jahren intensiv mit Drohnen. Gleichzeitig ist er auch Instruktor für Auto- und Motorradkurse. «Die Drohnen bereiten mir aber am meisten Spass», meint er. Vor allem fasziniere ihn, welche Resultate mit Drohnen erzielt werden könnten.

Drohneninstruktor Marc Rief demonstriert ein Fluggerät beim Schleuderkreisel. Video: Christian Brändli

Das zeigt sich auch bei der Zusammensetzung der rund 700 Drohnenpiloten, die er pro Jahr ausbildet. Darunter sind etwa Angehörige von Feuerwehren, Rettungsorganisationen oder der Land- und Forstwirtschaft. Dabei stehen Themen wie Personensuche, Tierrettung, Baumzählung oder die Suche nach vom Borkenkäfer befallenen Waldflächen im Zentrum.

Laut Rief sind aber die SBB die grösste Kundin. Dort werden die Drohnen für die Überprüfung von Gleisen, das Auffinden von Neophyten, für die Vermessung, zur Kontrolle der Ladungen oder auch einfach für die Überwachung eingesetzt.  

Filme, Kühe und Musik

Zusätzlich zu den Fahrtrainings wird das Areal im Betzholzkreisel auch für Veranstaltungen genutzt, von Drive-in-Movies über Oldtimertreffen bis zu Autopräsentationen. Einmal fand hier sogar die regionale Viehschau statt. Und dann bot hier von 2014 bis 2022 das Open Air Rock the Ring viel Musik und Spektakel.

Engagement zur Verhütung von Unfällen

Der Touring Club Schweiz (TCS) setzt sich für verbesserte Bedingungen und die Sicherheit sämtlicher Verkehrsteilnehmer jeden Alters ein: Ziel ist die Verhütung von Unfällen. Das Engagement für mehr Verkehrssicherheit begann 1908 mit der Forderung nach einem obligatorischen Verkehrsunterricht. Heute basiert es auf drei Pfeilern: Aus- und Weiterbildung durch Fahrtrainings, Mobilitätsberatung mit Expertentests im Bereich Mobilität und Fahrzeug wie Reifen, Kindersitze oder E-Bikes sowie Verkehrserziehung mit Erziehungshilfen, Schutzmaterial und verkehrstechnische Beratung im Zusammenhang mit Infrastrukturen.

«Die Technisierung und die Teilautomatisierung der Fahrzeuge bedeuten nicht, dass man weniger aufmerksam im Strassenverkehr sein muss», kommentiert Adrian Suter, Leiter Aus- und Weiterbildung. «Viele wiegen sich mit solchen Systemen in falscher Sicherheit.» Dabei nehme die Verkehrsdichte immer mehr zu. Auch die Zusammensetzung der Verkehrsteilnehmer werde vielfältiger, in jüngerer Zeit etwa mit Elektrotrottinetts oder E-Bikes. «Die Herausforderungen an Lenkerinnen und Lenker nehmen jedenfalls nicht ab.»

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