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Gesellschaft

Er setzte sich vier Jahrzehnte mit viel Herzblut für durchmischte Klassen ein

Wenn 1. bis 4. Klasse zusammen sind, spricht man von Mehrschulklassen. Für diese setzte sich in Hinwil während 38 Jahren Mark Plüss ein.

Schon früh stand für Mark Plüss fest, dass er Lehrer werden möchte, und dies ausschliesslich an einer Mehrklassenschule.

Karin Sigg

Er setzte sich vier Jahrzehnte mit viel Herzblut für durchmischte Klassen ein

Hinwiler Lehrer und Schulleiter pensioniert

Während seines Praktikums kam Mark Plüss erstmals in Berührung mit der altersdurchmischten Unterrichtsform.
Es war Liebe auf den ersten Blick.

«1985 gab es noch ein Überangebot an Lehrpersonen», erinnert sich Mark Plüss an den Start seiner beruflichen Laufbahn. Er hatte gerade das zweijährige Primarlehrerseminar abgeschlossen und musste 35 Bewerbungen schreiben, ehe er seinen Arbeitsvertrag im Sack hatte.

Seine erste – und auch einzige – Arbeitgeberin war die Schule Hinwil. Denn diese Zusammenarbeit stellte sich in den kommenden Jahren als so befruchtend heraus, dass sie sein ganzes Berufsleben über andauern sollte.

Sein Debüt hatte der gebürtige Winterthurer an der Mehrklassenschule der Aussenwacht Ringwil. Damit ging für Plüss sein Herzenswunsch in Erfüllung: «Nachdem ich während meiner Ausbildung ein Praktikum an einer Bäretswiler Mehrklassenschule hatte machen dürfen, stand für mich fest: Da will ich hin!»

Das altersdurchmischte Lernen faszinierte den jungen Pädagogen: «Wie Kinder unterschiedlicher Altersgruppen voneinander lernen und gegenseitig profitieren, beeindruckte mich.»

Schulhaus als Lebensmittelpunkt

Sein Arbeits- wurde gleichzeitig sein Wohnort – in kleinen Dorfschulhäusern war für die unterrichtende Lehrperson häufig eine Einliegerwohnung vorgesehen. Bevor Mark Plüss und seine heutige Ehefrau Anna aber mit Sack und Pack nach Ringwil umsiedelten, wurde noch geheiratet: «Zum Unterstreichen unserer Seriosität wollten wir nicht in ‹wilder Ehe› lebend in dieses kleine Dorf ziehen», resümiert der 63-Jährige verschmitzt lächelnd.

Nach drei Jahren in Ringwil zog es das junge Paar 1988 ein Dorf weiter, nach Girenbad. Dort lehrte Plüss über 23 Jahre lang, während seine Frau als Schulhauswartin amtete. Ihre drei Kinder wuchsen in der idyllischen Schulwohnung auf und wurden von ihrem Vater «einen Stock tiefer» unterrichtet.

Was für viele gewöhnungsbedürftig anmutet, war für die Familie Plüss ganz normal: «Für uns hätte es sich seltsam angefühlt, unsere Kinder in eine andere Schule zu schicken.» 33 Jahre lang war Girenbad das Zuhause der Familie. Auch dann noch, als Mark Plüss den Arbeitsplatz wechselte und der flügge gewordene Nachwuchs das gemeinsame Nest verliess.

Von der Leitung zurück an die Wandtafel

Anfänglich nebenamtlich, ab 2011 im Vollzeitpensum, war der Pädagoge als Schulleiter der Aussenwachten tätig. «Das hat sich so ergeben, weil ich der einzige Vollzeit-Lehrer war.» Hört sich bescheiden an. Dabei hat er während dieser Zeitspanne so vieles in Bewegung gebracht: Das Pilotprojekt zur Grundstufe Hinwil wurde eingeführt, die erste Tagesschule im Unterbach gegründet sowie ein Spielplatz im Schulhaus Unterholz aus Eigeninitiative des Elternforums gebaut.

Doch den Vollblut-Pädagogen zog es zurück in den Unterricht: Als die Lehrerin des schmucken Aussenwachten-Schulhauses Unterholz ihre Stelle kündigte, stellte er sich 2016 wieder selbst hinters Lehrerpult. «Insgeheim beneidete ich meine Vorgängerin immer», erklärt er seinen Entscheid, «für mich hatte sie den besten Job der Welt.» Zu unterrichten und das Angebot weiterzuentwickeln, habe ihn schon immer gereizt.

Seine Berufsjahre im Unterholz vor der Pensionierung ruhig ausklingen zu lassen, kam für Mark Plüss allerdings nicht infrage. Er setzte sich dafür ein, dass die Altersdurchmischung von der ersten bis zur sechsten Klasse ausgeweitet wurde, statt nur bis zur dritten. Und kam damit einem Bedürfnis vieler Eltern nach.

Feedback von Kindern wird fehlen

Die langjährige Praxiserfahrung sowie sein Ehrgeiz, sich weiterzubilden und sich für pädagogische Konzepte zu engagieren, machten Mark Plüss zu einer gefragten Ansprechperson weit über die Region hinaus. Im Alter von über 50 Jahren machte er seinen Masterabschluss zum Thema «Wirksamer Umgang mit Heterogenität». «Ich bin der Schule Hinwil sehr dankbar, dass sie mir diese Ausbildung ermöglicht haben.»

Seit Sommer 2023 läutet bei Mark Plüss der Wecker nicht mehr täglich. Er liess sich ein Jahr früher pensionieren und geniesst nun die Zeit mit seiner Frau, den gemeinsamen Enkeln und in seiner «zweiten Heimat», dem Ortsmuseum Hinwil: Als Leiter der Chronikstube gräbt er in den Untiefen des Archivs, um unter anderem eine «Hinwilpedia» aufzubauen.

Man sieht einen Mann vor dem Ortsmuseum Hinwil.
Ein Pädagoge, der auch für andere Aufgaben brennt: früher für die Feuerwehr Hinwil, heute für das Ortsmuseum Hinwil.

Auch heute setzt er sich als Geschäftsstellenleiter von Quiss (Qualitätsentwicklung in innovativen Schweizer Schulen) für den proaktiven Austausch zwischen Schulen im In- und Ausland ein. «Wir führen seit vielen Jahren gegenseitige Schulbesuche durch, um fokussiert Rückmeldungen zu geben und zu erhalten.»

Die obligatorische Frage, ob er heute alles wieder so machen würde wie vor 40 Jahren, bejaht Mark Plüss postwendend. «Absolut. Ich würde nur meine Masterausbildung schon viel früher machen – durch sie erschlossen sich mir Hintergründe und Zusammenhänge.»

Seiner Meinung nach könnte dies auch ein ideales Modell für die Lehrerausbildung sein: Nach der Novizenausbildung einige Praxisjahre zu durchleben, um danach die «Meisterprüfung» zu absolvieren.

Was sich in vier Jahrzehnten verändert hat

«Glücklicherweise wurde inzwischen viel geforscht und untersucht, was im Schulsystem wirksam ist und was nicht», resümiert er. «Bei meinem Einstieg orientierte ich mich dagegen vorwiegend an dem, was ich in Praktika erfahren hatte.»

Heute sei mehr pädagogisches Personal involviert – für den Austausch sei diese Veränderung ein Gewinn. «Eine Lehrperson war vor einigen Jahren noch auf sich allein gestellt mit ihrer Klasse.»

Man sieht eine Schulklasse musizieren.
Die Zusammenarbeit mehrerer Lehrpersonen ist für Mark Plüss eine bereichernde Veränderung im Schulsystem.

Die Administration und Verwaltung habe stark an Bedeutung gewonnen. Von den rein pädagogischen Fragen habe sich damit der Fokus modifiziert in Richtung Vereinheitlichung. «Früher war es noch einfacher, individuelle Lösungen zu finden.»

Bei den Kindern habe ebenfalls ein Wandel stattgefunden: «Viele Schüler sind heute mutiger gegenüber Erwachsenen, trauen sich eher zu, ihre Meinung zu vertreten.» Die Bedürfnisse der Kinder – und auch die der Eltern – hätten sich jedoch nicht grundlegend verändert.

Besonders gern erinnert sich Mark Plüss an erfolgreiche Coachings sogenannter «schwieriger Fälle»: «Wenn ich diesen Personen heute begegne und sehe, wie sie den Rank gefunden haben, erfüllt mich das mit Freude und Stolz.»

Als Essenz aus all seinen Schuljahren steht für ihn die positive Leistungserwartung aller Lernenden an erster Stelle: «Kinder müssen sich als selbstwirksam erleben – wenn sie nach der Schule die Energie und Kompetenz haben, um weiterzulernen, haben wir als Pädagogen einen guten Job gemacht.»

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