Bezirk Hinwil

Bezirk Pfäffikon

Bezirk Uster

Tösstal

Themen

Specials

Services

ZO Portale

Abo

Gesellschaft

Aufgewachsen auf dem Campingplatz Auslikon, der bald für immer schliesst

Mit der Schliessung verliert der Zeltklub Zürichsee-Oberland seine Heimat. Der Präsident Willi Wohlgemuth blickt zurück.

Der Campingplatz Auslikon muss schliessen. Für ZKZO-Präsident Willi Wohlgemuth keine einfache Zeit.

Foto: Seraina Boner

Aufgewachsen auf dem Campingplatz Auslikon, der bald für immer schliesst

Frust sitzt tief – Erinnerung bleibt

Ende Jahr ist Schluss mit dem Campingplatz Auslikon. Für Willi Wohlgemuth, Präsident des Zeltklubs Zürichsee-Oberland, geht damit ein Lebensabschnitt zu Ende.

Es ist kurz nach neun Uhr an einem der letzten schönen Sommermorgen im September. Das Gras ist von Tautröpfchen übersät, die Vögel singen, was das Zeug hält, ein Eichhörnchen huscht über den kleinen Weg zwischen den Stellplätzen auf dem Campingplatz Auslikon.

Viele dieser Plätze sind bereits geräumt, an einem älteren Modell hängt ein Zettel mit der Aufschrift «Wohnwagen gratis abzugeben». Es sind die Vorboten eines speziellen Saisonabschlusses: Im nächsten Jahr wird der Campingplatz nicht mehr öffnen.

Willi Wohlgemuth steht vor einem der geräumten Plätze. Bis vor zwei Wochen war hier auch noch sein Wohnwagen aufgestellt. Er lässt den Blick über die verbleibenden Camper und das angrenzende Schutzgebiet streifen. Er seufzt. «Es ist einfach wunderschön hier.»

Der Campingplatz Auslikon muss schliessen. Zeltklub Zürichsee-Oberland Präsident Willi Wohlgemuth auf dem Campingplatz.
Zelte gab es früher noch mehr auf dem Campingplatz. Schon lange sind die Wohnwagen in der Überzahl.

Wohlgemuth ist seit vielen Jahren Präsident des Zeltklubs Zürichsee-Oberland (ZKZO). Wie lange, weiss er gerade nicht auswendig, im Klub sei er «mindestens 30 Jahre». Aber bereits als Kind habe er jeden Sommer hier am Pfäffikersee verbracht, sagt der heute 73-Jährige. «Wir kamen gar nie auf die Idee zu fragen, ob wir etwa nach Spanien fahren könnten – es war immer klar, dass wir nach Auslikon gehen.»

Er lebt seit seiner Pension in Mönchaltorf, vorher lag sein Lebensmittelpunkt 40 Jahre hinter dem Üetliberg. «Jedes Mal, wenn ich von Uster her über den Hügel in Richtung Auslikon fahre und auf den Pfäffikersee blicke, geht mir das Herz auf.»

Todesurteil durch Regierungsrat

Nicht nur in den Ferien, auch an den Wochenenden habe es ihn und viele weitere Klubmitglieder immer hierhergezogen. Die Saison dauerte jeweils von Anfang April bis Ende Oktober. «Normalerweise ist im September der Platz noch voll, aber viele haben ihre Wohnwagen frühzeitig verkauft, sobald sich die Chance dazu geboten hat.»

Denn im Rahmen des Konzepts «Mobilität und Umwelt Pfäffikersee» hat der Zürcher Regierungsrat 2019 entschieden, den Campingplatz Auslikon per Ende dieses Jahres aufzuheben. Dies zugunsten des Natur- und vor allem des Moorschutzes. Die Schliessung sei ein Wermutstropfen, sagte damals Regierungsrätin Carmen Walker Späh (FDP). Der Betrieb sei bei den heutigen Rahmenbedingungen allerdings nicht mehr möglich.

Es gibt nach wie vor viele, die das anders sehen. Allen voran Willi Wohlgemuth. «Uns gehört das Land hier, und trotzdem wurden wir nie in den Planungsprozess mit einbezogen.» Als Präsident des ZKZO wurde er kurz vor der Pressekonferenz des Regierungsrats vom Wetziker Stadtpräsidenten über die definitiven Pläne informiert – mit Schweigepflicht bis zur öffentlichen Kundgebung.

Der Frust sitzt nach wie vor tief. Auch eine Petition beim Regierungsrat mit Argumenten für den Weiterbestand des Platzes brachte keinen Erfolg. «Ich habe viele Vorwürfe aus den eigenen Reihen erhalten, dass ich mich zu wenig für den Campingplatz eingesetzt hätte. Aber ich hatte nie eine Chance.»

Hier sind die Nächte noch Nächte.

Willi Wohlgemuth

Wohlgemuth tupft mit einem Taschentuch seine Stirn ab. Mittlerweile steht die Sonne hoch am Himmel, die Temperaturen sind gestiegen. Er zeigt auf den Chämptnerbach, der entlang des Platzes und schliesslich in den Pfäffikersee fliesst. «Dieser Bach hatte für uns als Kinder eine ganz spezielle Anziehungskraft, gerade weil wir nicht in ihm baden durften. Der Platzwart hat uns regelmässig an den Ohren herausgezogen.»

In den Sternschnuppennächten im August seien die Kinder jeweils auf dem Pingpongtisch in der Badi gelegen und hätten in den Himmel geblickt. «Da war alles noch viel dunkler, auch im Naturschutzgebiet», erzählt er. «Und alles voll Glühwürmchen.» Früher seien sogar noch Feldhasen zwischen den Wohnwagen durchgesprungen.

Mittlerweile seien die schwachen Gaslampen von früher durch LED-Lichter ersetzt worden. «Wir Camper waren allesamt Solarpioniere», fügt Wohlgemuth schmunzelnd hinzu. Und trotzdem: «Hier sind die Nächte noch Nächte.»

Störende Hunde oder Flugzeuge

Natürlich habe es neben vielen gemeinsamen Arbeitseinsätzen oder Festen im Klub über die Jahre auch Auseinandersetzungen gegeben. «Ob etwa Hunde verboten werden sollen.» Oder ob man sich gegen den Lärm der Sportflieger vom Flugplatz Speck wehren solle. «Da konnte ich jeweils nur lachen – die Flugzeuge sind nicht besonders laut. Aber man hört sie eben, gerade weil es hier so schön ruhig ist.» Es sind Erinnerungen wie diese, die ihm den Abschied von «seinem Platz» nach all den Jahren schwerfallen lassen.

Was Wohlgemuth besonders sauer aufstösst: Lange Zeit schienen die Konzessionen – also die Bewilligungen für den Betrieb – von Badi und Campingplatz Auslikon unzertrennlich. Obwohl sich beide Betriebe auf Pfäffiker Boden befinden, ist die Stadt Wetzikon Konzessionsnehmerin.

«Da der Zeltklub der Grundbesitzer des Campingplatzes ist, und wir nicht immer gleich zufrieden mit der Zusammenarbeit waren, wollten wir vor einigen Jahren den Betrieb übernehmen», erzählt Wohlgemuth. «Aber da war das Hauptargument gegen unseren Vorschlag die gemeinsame Konzession.» Im Mobilitätskonzept habe das scheinbar niemanden mehr interessiert.

Die Badi Auslikon soll saniert werden. So in etwa soll sie danach aussehen.
Die Badi Auslikon soll saniert werden. So in etwa soll sie danach aussehen. (Archiv)

Mehr noch: In der Badi Auslikon soll ein Neubau entstehen. Kiosk, Garderoben, Kasse, Lager, Aufenthaltszimmer sowie Geräte- und Fahrzeugunterstände kommen unter ein Dach. Doch der Neubau, der bereits 2024 hätte stehen sollen, verzögert sich.

«Und dafür gibt es dann plötzlich Übergangskonzessionen», ärgert sich Wohlgemuth. Er habe längst den Vorschlag gemacht, den Campingplatz offenzuhalten, bis die Badi saniert ist. «Doch erneut stiess ich nur auf taube Ohren. Wenn es um die Schliessung des Campingplatzes geht, schert sich niemand mehr für die unzertrennliche Konzession.»

Zukunft nach wie vor ungewiss

In diesem Sommer feierte der ZKZO sein 70-jähriges Bestehen am Pfäffikersee – mit einem bitteren Beigeschmack. Wie es mit dem Klub weitergehen soll, sei noch nicht vollends geklärt. Seit die Pläne des Regierungsrats bekannt sind, habe man keine neuen Mitglieder aufgenommen. Zu unsicher sei die Zukunft. Das Land ist mittlerweile an den Kanton verkauft.

«Einen neuen Campingplatz für fast 90 Dauercamper zu finden, ist unmöglich, das haben wir gar nicht erst versucht.» Aber es gäbe viele Klubs, die gar nie erst eine richtige «Homebase» gehabt hätten, und trotzdem funktionieren, sagt Wohlgemuth. «Die treffen sich dann einfach an verschiedenen Orten.» So wolle man auch beim ZKZO vorerst an den Klubreisen festhalten und ab und zu Veranstaltungen organisieren.

Der Campingplatz Auslikon muss schliessen. Zeltklub Zürichsee-Oberland Präsident Willi Wohlgemuth auf dem Campingplatz.
Unzählige Erinnerungen: An jeder Ecke des Campingplatzes hat Willi Wohlgemuth etwas zu erzählen.

Willi Wohlgemuth läuft langsam in Richtung Ausgang des Campingplatzes. Vorbei an Wohnwagen, denen man ihr Alter ansieht, aber auch neuen Modellen. Vor manchen sind ganze Gartenparadiese aufgebaut, hier wachsen Tomaten, Zucchetti, sogar eine grosse Hanfpflanze steht vor einem der Zelte. Kinder springen umher, die Erwachsenen ziehen mit Handwagen Geschirr zum Abwasch oder Glasflaschen zum Entsorgen, der Duft von Kaffee liegt in der Luft.  

Umzug nach Saland

Seinen ersten Wohnwagen habe er von seinem Vater übernommen. Die eigenen beiden Söhne habe er trotz vielen Familienferien nicht mit der Camping-Begeisterung anstecken können.

Sein Camper – vor 14 Jahren hat er den Wagen des Vaters ersetzt – steht mittlerweile auf dem Campingplatz Saland. «Doch er muss noch etwas umgebaut werden, damit er wieder an das Stromnetz angeschlossen werden kann.» Ein Luxus, an den er sich erst gewöhnen müsse, zusätzlich zur neuen Umgebung.

Blick von Auslikon nach Seegräben bei Sonnenuntergang
Ein Sonnenuntergang in der Badi Auslikon mit Blick auf das Dörfchen Seegräben – ein beliebtes Fotosujet von Willi Wohlgemuth.

Am Ausgang angekommen, blickt Wohlgemuth in Richtung Badi. «Ich habe bestimmt 1000 Fotos vom Sonnenuntergang hier auf dem Handy», sagt er und lacht. Das habe zu seinem Tagesablauf gehört: Den Morgen mit einem Kaffee und ein Maisbrötli beim Kiosk zu beginnen und am Abend am Seeufer bei Sonnenuntergang abzuschliessen.

«Ich könnte natürlich nach wie vor am Abend hierhinkommen», sagt Willi Wohlgemuth. «Aber es wird nicht mehr das Gleiche sein.»

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.

Kontakt

Inserieren

Abo

Services

Über uns