Aufgewachsen auf dem Campingplatz Auslikon, der bald für immer schliesst
Frust sitzt tief – Erinnerung bleibt
Ende Jahr ist Schluss mit dem Campingplatz Auslikon. Für Willi Wohlgemuth, Präsident des Zeltklubs Zürichsee-Oberland, geht damit ein Lebensabschnitt zu Ende.
Es ist kurz nach neun Uhr an einem der letzten schönen Sommermorgen im September. Das Gras ist von Tautröpfchen übersät, die Vögel singen, was das Zeug hält, ein Eichhörnchen huscht über den kleinen Weg zwischen den Stellplätzen auf dem Campingplatz Auslikon.
Viele dieser Plätze sind bereits geräumt, an einem älteren Modell hängt ein Zettel mit der Aufschrift «Wohnwagen gratis abzugeben». Es sind die Vorboten eines speziellen Saisonabschlusses: Im nächsten Jahr wird der Campingplatz nicht mehr öffnen.
Willi Wohlgemuth steht vor einem der geräumten Plätze. Bis vor zwei Wochen war hier auch noch sein Wohnwagen aufgestellt. Er lässt den Blick über die verbleibenden Camper und das angrenzende Schutzgebiet streifen. Er seufzt. «Es ist einfach wunderschön hier.»

Wohlgemuth ist seit vielen Jahren Präsident des Zeltklubs Zürichsee-Oberland (ZKZO). Wie lange, weiss er gerade nicht auswendig, im Klub sei er «mindestens 30 Jahre». Aber bereits als Kind habe er jeden Sommer hier am Pfäffikersee verbracht, sagt der heute 73-Jährige. «Wir kamen gar nie auf die Idee zu fragen, ob wir etwa nach Spanien fahren könnten – es war immer klar, dass wir nach Auslikon gehen.»
Er lebt seit seiner Pension in Mönchaltorf, vorher lag sein Lebensmittelpunkt 40 Jahre hinter dem Üetliberg. «Jedes Mal, wenn ich von Uster her über den Hügel in Richtung Auslikon fahre und auf den Pfäffikersee blicke, geht mir das Herz auf.»
Todesurteil durch Regierungsrat
Nicht nur in den Ferien, auch an den Wochenenden habe es ihn und viele weitere Klubmitglieder immer hierhergezogen. Die Saison dauerte jeweils von Anfang April bis Ende Oktober. «Normalerweise ist im September der Platz noch voll, aber viele haben ihre Wohnwagen frühzeitig verkauft, sobald sich die Chance dazu geboten hat.»
Denn im Rahmen des Konzepts «Mobilität und Umwelt Pfäffikersee» hat der Zürcher Regierungsrat 2019 entschieden, den Campingplatz Auslikon per Ende dieses Jahres aufzuheben. Dies zugunsten des Natur- und vor allem des Moorschutzes. Die Schliessung sei ein Wermutstropfen, sagte damals Regierungsrätin Carmen Walker Späh (FDP). Der Betrieb sei bei den heutigen Rahmenbedingungen allerdings nicht mehr möglich.



Es gibt nach wie vor viele, die das anders sehen. Allen voran Willi Wohlgemuth. «Uns gehört das Land hier, und trotzdem wurden wir nie in den Planungsprozess mit einbezogen.» Als Präsident des ZKZO wurde er kurz vor der Pressekonferenz des Regierungsrats vom Wetziker Stadtpräsidenten über die definitiven Pläne informiert – mit Schweigepflicht bis zur öffentlichen Kundgebung.
Der Frust sitzt nach wie vor tief. Auch eine Petition beim Regierungsrat mit Argumenten für den Weiterbestand des Platzes brachte keinen Erfolg. «Ich habe viele Vorwürfe aus den eigenen Reihen erhalten, dass ich mich zu wenig für den Campingplatz eingesetzt hätte. Aber ich hatte nie eine Chance.»
Hier sind die Nächte noch Nächte.
Willi Wohlgemuth
Wohlgemuth tupft mit einem Taschentuch seine Stirn ab. Mittlerweile steht die Sonne hoch am Himmel, die Temperaturen sind gestiegen. Er zeigt auf den Chämptnerbach, der entlang des Platzes und schliesslich in den Pfäffikersee fliesst. «Dieser Bach hatte für uns als Kinder eine ganz spezielle Anziehungskraft, gerade weil wir nicht in ihm baden durften. Der Platzwart hat uns regelmässig an den Ohren herausgezogen.»
In den Sternschnuppennächten im August seien die Kinder jeweils auf dem Pingpongtisch in der Badi gelegen und hätten in den Himmel geblickt. «Da war alles noch viel dunkler, auch im Naturschutzgebiet», erzählt er. «Und alles voll Glühwürmchen.» Früher seien sogar noch Feldhasen zwischen den Wohnwagen durchgesprungen.
Mittlerweile seien die schwachen Gaslampen von früher durch LED-Lichter ersetzt worden. «Wir Camper waren allesamt Solarpioniere», fügt Wohlgemuth schmunzelnd hinzu. Und trotzdem: «Hier sind die Nächte noch Nächte.»
Störende Hunde oder Flugzeuge
Natürlich habe es neben vielen gemeinsamen Arbeitseinsätzen oder Festen im Klub über die Jahre auch Auseinandersetzungen gegeben. «Ob etwa Hunde verboten werden sollen.» Oder ob man sich gegen den Lärm der Sportflieger vom Flugplatz Speck wehren solle. «Da konnte ich jeweils nur lachen – die Flugzeuge sind nicht besonders laut. Aber man hört sie eben, gerade weil es hier so schön ruhig ist.» Es sind Erinnerungen wie diese, die ihm den Abschied von «seinem Platz» nach all den Jahren schwerfallen lassen.
Was Wohlgemuth besonders sauer aufstösst: Lange Zeit schienen die Konzessionen – also die Bewilligungen für den Betrieb – von Badi und Campingplatz Auslikon unzertrennlich. Obwohl sich beide Betriebe auf Pfäffiker Boden befinden, ist die Stadt Wetzikon Konzessionsnehmerin.
«Da der Zeltklub der Grundbesitzer des Campingplatzes ist, und wir nicht immer gleich zufrieden mit der Zusammenarbeit waren, wollten wir vor einigen Jahren den Betrieb übernehmen», erzählt Wohlgemuth. «Aber da war das Hauptargument gegen unseren Vorschlag die gemeinsame Konzession.» Im Mobilitätskonzept habe das scheinbar niemanden mehr interessiert.

Mehr noch: In der Badi Auslikon soll ein Neubau entstehen. Kiosk, Garderoben, Kasse, Lager, Aufenthaltszimmer sowie Geräte- und Fahrzeugunterstände kommen unter ein Dach. Doch der Neubau, der bereits 2024 hätte stehen sollen, verzögert sich.
«Und dafür gibt es dann plötzlich Übergangskonzessionen», ärgert sich Wohlgemuth. Er habe längst den Vorschlag gemacht, den Campingplatz offenzuhalten, bis die Badi saniert ist. «Doch erneut stiess ich nur auf taube Ohren. Wenn es um die Schliessung des Campingplatzes geht, schert sich niemand mehr für die unzertrennliche Konzession.»
Zukunft nach wie vor ungewiss
In diesem Sommer feierte der ZKZO sein 70-jähriges Bestehen am Pfäffikersee – mit einem bitteren Beigeschmack. Wie es mit dem Klub weitergehen soll, sei noch nicht vollends geklärt. Seit die Pläne des Regierungsrats bekannt sind, habe man keine neuen Mitglieder aufgenommen. Zu unsicher sei die Zukunft. Das Land ist mittlerweile an den Kanton verkauft.
«Einen neuen Campingplatz für fast 90 Dauercamper zu finden, ist unmöglich, das haben wir gar nicht erst versucht.» Aber es gäbe viele Klubs, die gar nie erst eine richtige «Homebase» gehabt hätten, und trotzdem funktionieren, sagt Wohlgemuth. «Die treffen sich dann einfach an verschiedenen Orten.» So wolle man auch beim ZKZO vorerst an den Klubreisen festhalten und ab und zu Veranstaltungen organisieren.

Willi Wohlgemuth läuft langsam in Richtung Ausgang des Campingplatzes. Vorbei an Wohnwagen, denen man ihr Alter ansieht, aber auch neuen Modellen. Vor manchen sind ganze Gartenparadiese aufgebaut, hier wachsen Tomaten, Zucchetti, sogar eine grosse Hanfpflanze steht vor einem der Zelte. Kinder springen umher, die Erwachsenen ziehen mit Handwagen Geschirr zum Abwasch oder Glasflaschen zum Entsorgen, der Duft von Kaffee liegt in der Luft.
Umzug nach Saland
Seinen ersten Wohnwagen habe er von seinem Vater übernommen. Die eigenen beiden Söhne habe er trotz vielen Familienferien nicht mit der Camping-Begeisterung anstecken können.
Sein Camper – vor 14 Jahren hat er den Wagen des Vaters ersetzt – steht mittlerweile auf dem Campingplatz Saland. «Doch er muss noch etwas umgebaut werden, damit er wieder an das Stromnetz angeschlossen werden kann.» Ein Luxus, an den er sich erst gewöhnen müsse, zusätzlich zur neuen Umgebung.

Am Ausgang angekommen, blickt Wohlgemuth in Richtung Badi. «Ich habe bestimmt 1000 Fotos vom Sonnenuntergang hier auf dem Handy», sagt er und lacht. Das habe zu seinem Tagesablauf gehört: Den Morgen mit einem Kaffee und ein Maisbrötli beim Kiosk zu beginnen und am Abend am Seeufer bei Sonnenuntergang abzuschliessen.
«Ich könnte natürlich nach wie vor am Abend hierhinkommen», sagt Willi Wohlgemuth. «Aber es wird nicht mehr das Gleiche sein.»
