Seegräbens Logo ist im Wasser
Nachgebauter Einbaum eingeweiht
Sie hat eines im Wappen, nun hat sie auch eines in Echt: Die Gemeinde Seegräben hat am Samstag ihren Einbaum gefeiert.
1957 ist in Seegräben letztmals ein Einbaum aus der Pfahlbauerzeit gefunden worden. Ein kleines Stück des wohl 4000 Jahre alten Boots ruht noch irgendwo im Landesmuseum in Zürich. Seit Samstag nun gibt es in der Gemeinde am Pfäffikersee wieder einen Einbaum, am Stück und schwimmend.
Für Werner Messikommer geht damit ein seit zwei Jahren gehegter Wunsch in Erfüllung: «Eigentlich wollte ich einen der drei in der Silberweide am Greifensee hergestellten Einbaum für unsere Gemeinde übernehmen. Doch die waren schon alle vergeben.»
Uraltes Modell ganz neu
Messikommer liess sich dadurch nicht beirren, sondern lancierte den Bau eines «eigenen» Einbaums, der nach dem Vorbild des 1957er-Fundes gestaltet sein sollte. Schliesslich konnte es für ihn nicht sein, dass die einzige Schweizer Gemeinde, die als «Wappentier» einen Einbaum trägt, nicht auch ein solches Gefährt an der Schiffländi hat.
Der neue Einbaum wird unter den Augen von rund 100 Kindern und Erwachsenen eingewassert. Video: Christian Brändli
Dort ist der rund fünf Meter lange, ausgehöhlte Baumstamm am Samstag in einem Festakt eingeweiht worden.


Und das «Weihen» ist dabei wörtlich zu nehmen. Zwar gab es keinen göttlichen Beistand. Dafür bespritzte Laura Messikommer den Einbaum mit einem Blattwedel und Pfäffikerseewasser. Laura ist die Urenkelin des Einbaum-Finders vor 66 Jahren.
Seegräbner paddeln wie ihre Urahnen
Noch bevor er bespritzt wurde, erhielt das Gefährt ein Brandzeichen: Der Bäretswiler Holzkünstler Pascal Sturm, der im Sommer den Stamm zum Einbaum gemacht hatte, setzte seinem Werk unter Beobachtung von vielen Kindern und Erwachsenen das Signet des neuen Vereins «Ziitspuurä Seegrebe» auf.
Die erste Crew des neuen Einbaums legt ab. Video: Christian Brändli
Nach dem Einwassern konnten sich die gegen 200 Seegräbner zum Nulltarif selbst davon überzeugen, dass «ihr» Einbaum durchaus schwimmfähig ist. Sturm hatte allerdings etwas nachhelfen müssen. So kittete er die Spalten, die sich während der Lagerung im Stamm gebildet hatten.
Crews von vier bis fünf Leuten paddelten den ganzen Nachmittag über mit stilechten Rudern auf einem Dreieckskurs vor der Schiffländi – unter den Augen der Seerettung.
Mit dem Steinbeil aufs Holz
Gleichzeitig hatten die Kinder Gelegenheit, an vier Posten ihre Pfahlbauer-Techniken aufzupolieren. So konnten sie in Schnurkeramik Töpfern oder Weizen von Hand mahlen und anschliessend Brot backen.
Kinder können sich darin üben, wie mit einer Steinaxt Holz bearbeitet werden kann. Video: Christian Brändli
Brachialer ging es an den zwei anderen Orten zu: Mit einer nicht ganz stilechten Schutzbrille bewehrt konnten Silex-Klingen geschlagen und mit einem Steinbeil Holz geschält werden.
Wo die ersten Seegräbner wohnten
Früher am Morgen war eine interessierte Gruppe beim Fundort des 1957 gehobenen Einbaums zusammengekommen. Dieser liegt in der Nähe der Messikommer-Eiche. Diese ist nach dem bekannten Pfahlbauer-Forscher Jakob Messikommer benannt. Dort wurden vor Jahren auch fast zwei Dutzend Stein- und Silexgeräte sowie 1943 ein weiterer Einbaum gefunden.
Unweit von der jüngsten Fundstelle dürfte im Rietboden eine Pfahlbausiedlung liegen, wie Archäologe Kurt Altorfer erklärte. Jüngst habe eine Bohrung bis in die Seekreide hinunter einige Holzsplitter und Pflanzensamen zutage gefördert, die auf eine solche Siedlung von Ur-Seegräbnern hindeuten. Die Spuren wiesen auf eine Zeit um 2700 vor Christus. «Die Einbäume sind aber wohl jüngeren Datums», meinte Altorfer.
An jenen Einbaum, der vor 66 Jahren ans Tageslicht geholt worden war, erinnert sich Paul Burri noch gut. Der sei dort sicher mehr als ein Jahr unbeaufsichtigt gelegen, meint der 90-Jährige. «Da hat man auch daran herumgegrübelt.»
Eine ortsgeschichtliche Sammlung
Der Landwirt Ernst Messikommer stiess beim Torfstechen vor 66 Jahren auf den letzten der fünf bisher auf Seegräbner Terrain gefundenen Einbäume. Wie das Stechen des «Turpe» damals ging, demonstrierten Burri und Köbi Schneider. Sie selbst hätten zwar nicht mehr mit dem «Turpemesser» hantiert, mit dem das Brennmaterial aus dem Boden geholt wurde. Doch als Kinder hätten sie durchaus noch beim Trocknen und Aufschichten der Torfstücke mitgeholfen.
Die Turpemesser, die am Samstag gezeigt wurden, stammen aus der Sammlung, die Werner Messikommer zusammengetragen hat. Gemeinsam mit dem Verein «Ziitspuurä», für den er die Werbetrommel rührte, ist er nun daran, in einer ersten Phase die alten Landwirtschaftsgeräte der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und wenn dann der neue Einbaum wieder aus dem See geholt wird und abgetropft ist, dürfte er ebenfalls in jener Sammlung zur Seegräbner Ortsgeschichte landen.