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Er predigt über Windräder und sagt, wir leben auf zu grossem Fuss

Die Hittnauer sind gegenüber Windenergieanlagen kritisch eingestellt. Ein Bündner Windradeigentümer versucht sie umzustimmen.

Am 11.9.2023 wird am Gemeindehöck in Hittnau über die Windenergieanlagen diskutiert. Windradbetreiber Josias Gasser aus Haldenstein stellt seine Anlage vor. Gemeindepräsident Carlo Hächler (FDP) erläutert die Resultate des Workshops.

Christian Brändli cb

Er predigt über Windräder und sagt, wir leben auf zu grossem Fuss

Hittnauer Gespräch über Windenergie

Hittnau sucht einen konstruktiven Ansatz in der Debatte um die geplanten Windräder. Der Gemeinderat hat dafür den Besitzer der höchsten Anlage der Schweiz eingeladen – und die Bevölkerung zum Dialog aufgefordert.  

Überdimensionierte Plastikfüsse über den Socken und eine Weltkugel in der einen Hand: Josias Gasser erklärt rund 90 Hittnauern, was ihn bewogen hat, sich für die Umwelt zu engagieren. Auch wenn die Aufmachung des 70-Jährigen etwas skurril wirkt, kommt die Botschaft von einem Macher.

Am 11.9.2023 wird am Gemeindehöck in Hittnau über die Windenergieanlagen diskutiert. Windradbetreiber Josias Gasser aus Haldenstein stellt seine Anlage vor.
Das Leben auf zu grossem Fuss und die eine Welt, auf der wir leben: Windradbetreiber Josias Gasser veranschaulicht die Probleme, die ihn zum Handeln bewogen haben.

Gasser hat zusammen mit einem Kollegen die aktuell höchste Windenergieanlage der Schweiz in Haldenstein vor den Toren Churs für knapp sieben Millionen Franken erstellt. 175 Meter hoch ist sie. Und sie liefert seit zehn Jahren Strom für 1300 Haushalte.


» Lesen Sie hier das Interview mit dem Windradbesitzer «


Bald soll die Anlage ein grösseres Gspänli erhalten. Die Gesamthöhe wird dort bei 200 Metern liegen. Also fast so hoch wie die 220 Meter, welche die vom Zürcher Baudirektor auf den Zürcher Oberländer Höhen geplanten Windräder haben sollen.

Klares Nein zu Windrädern

Der Bündner Unternehmer, der für die GLP auf kommunaler, kantonaler und für vier Jahre auch auf nationaler Ebene politisierte, hat in Hittnau keinen leichten Stand.

Zu Beginn des Gemeindehöcks am Montagabend will Gemeindepräsident Carlo Hächler (FDP) von den Anwesenden wissen, wie sie sich zu den geplanten Windenergieanlagen stellen. Acht Hände gehen in die Höhe, als er nach den Befürwortern fragt. Rund zehnmal so viele schnellen auf, als er die Gegner sehen möchte.

«Auch der Gemeinderat ist eher dagegen», schiebt Hächler nach. Allerdings sei es nicht Aufgabe des Gemeinderats, Energiepolitik zu machen. Daher wolle er die Bevölkerung bei dieser Frage miteinbeziehen. Und der Gemeindepräsident stellt klar: «Wir müssen handeln.» Einfach nur Nein zur Windenergie zu sagen, sei angesichts des Energiebedarfs nicht zielführend.

Hittnau gleich dreifach betroffen

Das ist auch der Grund, warum er den Bündner Windradbetreiber nach Hittnau eingeladen hat. Er will mehr darüber erfahren, was es für den Betrieb einer solchen Anlage alles braucht. Auf Gemeindegebiet liegen gleich drei potenzielle Windenergiezonen.

Wenn die Gemeinde sich gegen den Bau solcher Anlagen wehren wolle, müsse sie das jetzt tun. «Sind die Windräder erst einmal im Richtplan, dürfte die Bevölkerungsmehrheit einer solchen Festlegung zustimmen», meint er.

Und dann dürften ab 2029 nach Hächlers Schätzung die ersten Baugesuche eintreffen.

Aktiv geworden im «luftigen» Haldenstein

Josias Gasser gibt sein Bestes, um den Hittnauern die Windenergie schmackhaft zu machen. «Ich bin Unternehmer. Deshalb muss ein solcher Betrieb wirtschaftlich sein», stellt er klar. Und er erzählt nicht nur davon, wieso er so überdimensionierte Füsse hat – er illustriert damit, dass wir auf zu grossen Füssen leben – und eine Erdkugel trägt – «wir haben nur diese eine Erde, zu der wir Sorge tragen müssen».

Er erklärt auch, weshalb er ausgerechnet dort in Haldenstein sein Windrad aufstellen wollte. Es sind Kindheitserinnerungen an das «luftige» Gebiet.

«Dass es dort bläst, merkten wir schon beim Federballspielen. Das war dort kaum möglich.» Und beim Kirschenernten musste er sich im Baum oben bei den vielen Böen immer wieder festhalten.  

Messungen bestätigten dann viel später, dass dort wirklich gute Windverhältnisse vorherrschen. Bei der Planung und dem Bau sei es für ihn wichtig gewesen, dass die Nachbarschaft und die Bevölkerung immer «mitgenommen» worden seien. «So konnten ihnen Ängste genommen werden.»

Offenes Windrad für alle

Genau das ist auch der Grund, warum er jetzt durch die Gegend pilgert und seine Erfolgsgeschichte predigt. Und vor allem alle zu einem Besuch seiner Windenergieanlage einlädt, der grössten der Schweiz, wie es auf der Website heisst. 

«Stellen Sie nicht Säcke vor die Tür, die Sie öffnen wollen», fordert er zum Schluss seines Referats die Hittnauer auf. Mit nur einem Windrad auf Gemeindeboden könnten sie nicht nur den Strombedarf des Orts decken, sondern sogar noch Strom verkaufen.

Und so freut er sich spitzbübisch, als er vom Gemeindepräsidenten Schoggistückchen mit Hittnauer Wappen erhält. «Die sehen ja wie Windräder aus!»

Windradbetreiber Josias Gasser aus Haldenstein stellt sein Geschenk vor: Hittnauerli mit Wappen.
«Die sehen ja wie Windräder aus!»: Windradbetreiber Josias Gasser freut sich über das süsse Geschenk mit dem Hittnauer Wappen.

Diskussion am Tisch

Auch nach Gassers Referat sind die Hittnauer nicht bekehrt. Doch im anschliessenden Workshop zeigt sich, dass viele immerhin bereit sind, sich noch genauer zu informieren, bevor sie zu einer abschliessenden Haltung kommen.

Fast unisono kommen die noch im Saal verbliebenen rund 40 Hittnauerinnen und Hittnauer zum Schluss, dass die zur Diskussion gestellte Haltung «nichts tun» keine Option ist. Sie teilen sich aber je etwa hälftig in die Haltung auf, sich gegen die Anlagen aktiv zu wehren und Verbündete zu suchen oder sich weiter zu informieren.

Vor allem stösst einigen sauer auf, dass hier die Gemeindeautonomie beschnitten würde. So liegen zwei Einzelinitiativen vor – die eine will einen Mindestabstand von 800 Metern von Wohnhäusern zu Windrädern, die andere verlangt ein Verbot von solchen Anlagen auf Gemeindegebiet.

Diese werden aber rechtlich kaum Bestand haben, da die Gemeinden zu Anlagen ausserhalb der Bauzonen nichts zu entscheiden haben.

Gemeinde soll sich in Energiefragen engagieren

Jene, die sich noch informieren wollen, finden, dass zuerst die Grundlagen erarbeitet werden müssen – etwa, ob es überhaupt genügend Wind auf den Höhen um Hittnau hat –, bevor aufgrund der Fakten über das weitere Vorgehen entschieden wird.

Gemeindepräsident Carlo Hächler (FDP) erläutert die Resultate des Workshops.
Hat es überhaupt genug Wind, um rund um Hittnau Windenergieanlagen rentabel zu betreiben? Gemeindepräsident Carlo Hächler (FDP) will am Thema dranbleiben.

«Wir wollen die Stimmung in der Gemeinde abholen. Die ist aber offenbar gar nicht so leicht herauszuhören», meint Hächler. «Doch wir stehen ja erst am Anfang.»

Klar heraus kommt jedoch die Meinung, dass die Gemeinde öffentlich aufklären müsse. Und dass sie sich auch in Energiefragen engagieren solle. Etwa, indem sie Wärmebildkameras zur Verfügung stelle, um Schwachpunkte in der Hausisolation ausmachen, Altbauten saniere oder energieeffiziente Geräte fördere. 

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