«Die Biodiversität wird mit mehr Schutzauflagen nicht gefördert»
Umweltberater des Zürcher Bauernverbands
Der Klimawandel macht sich auch im Portemonnaie der Bauern bemerkbar. Der in Dübendorf beheimatete Zürcher Bauernverband berät seine Mitglieder deshalb jetzt in Umweltbelangen.
«Wir machen Interessenpolitik für die Landwirtschaft.» Martin Streit arbeitet beim Zürcher Bauernverband, der seinen Sitz im Dübendorfer Gewerbequartier hat. «Und wir machen das auch, wenn es um die Umweltverträglichkeit geht», betont der Leiter des Bereichs Umweltberatung.
Der gelernte Landschaftsarchitekt unterstreicht, dass das umweltbewusste Bauern Ziel des rund 3000 Mitglieder zählenden Verbandes sei. «Aber wir wollen noch bauern.» Damit hält er Vorstellungen entgegen, die die Naturschutzgebiete immer weiter ausdehnen möchten. Immerhin bestehe der Verfassungsauftrag, das Land mit Lebensmitteln zu versorgen und auch hier zu produzieren.
Erst vor einem Jahr gegründet
Streit steht einer noch jungen Abteilung im Beratungsteam des Bauernverbandes vor. Erst vor gut einem Jahr ist der Bereich «Umwelt» geschaffen worden. Mittlerweile umfasst er ein Team von je zwei Frauen und Männern. Dieses befasst sich mit Fragen zur Biodiversität, zum Boden und zum Grundwasser, aber auch mit solchen zu Energie und Klima.
Und der Klimawandel macht den Bauern zu schaffen. Angesichts des Temperaturanstieges und der Zunahme der Extremereignisse mit Trocken- und sogar Hitzeperioden, aber auch sehr nassen Zeiten stelle sich die Frage, ob mit den bestehenden Kulturen auf dem jeweiligen Hof weitergefahren werden könne. Hier beraten Streit und sein Team die einzelnen Betriebe mit konkreten Massnahmen, «wir beobachten, was läuft und bringen neue Ansätze ein».
Gesellschaftlicher Druck
«Der Klimawandel betrifft die Bauern ganz direkt. Und er hat auch Auswirkungen auf das Einkommen.» Da spiele auch der gesellschaftliche Druck eine Rolle. Dies spürten die Landwirte etwa bei der Diskussion um den Methangasausstoss der Kühe oder den Forderungen nach einer Reduktion des Fleischkonsums.

Die Probleme, die die Landwirte beschäftigen, bekommen die Berater direkt bei ihren Beratungen für die einzelnen Betriebe zu hören. «Es ist die ganze Bürokratie, die die Betriebe gar nicht mehr selbst bewältigen können», hält Streit fest. Hinzu kämen Eigentumseinschränkungen wegen neuen Inventaren, Schutzverordnungen oder Auflagen in Gewässerräumen.
Negatives Beispiel im Tösstal
Der Umweltberater aus Dübendorf unterstreicht, dass gute Böden doch im Interesse der Bauern seien. «Wir wollen eine hohe Biodiversität.» Dezidiert wehrt er sich aber gehen neue Vorschriften, die den Landwirten das Wirtschaften erschwere oder sogar verunmögliche. «Die Biodiversität wird mit mehr Schutzauflagen nicht gefördert», ist er überzeugt.

Das zeige sich beispielsweise jetzt gerade bei der neuen regionalen Schutzverordnung im Tösstal. Bereits artenreiche Flächen würden unter Schutz gestellt und damit eine Bewirtschaftung erschwert. «So wird etwa das Mistausbringen verboten, dabei sind das doch tolle Flächen.» Für den Umweltberater ist das unverständlich, zumal dieses System die Eigenmotivation für freiwillige Leistungen untergrabe und bestrafe.
Der Klimawandel schreite fort, da gelte es auch, den Naturschutz anzupassen. «Ich möchte Wege finden, wie Bewirtschaftung und Naturschutz durchlässiger werden. Es muss miteinander funktionieren.»
Regulierungen halten nicht Schritt
Streit sieht aber auch, dass die Reglementierungen bei den Direktzahlungen teilweise den durch den Klimawandel hervorgerufenen Veränderungen hinterherhinken würden. Dies zeige sich etwa bei der Anzahl Weidetage. Diese könnten nicht erreicht werden, wenn die Kühe wegen langer Trockenheit gar kein Futter auf der Weide fänden.
Was sind Direktzahlungen?
Direktzahlungen vergüten gemeinwirtschaftliche Leistungen der Landwirtschaft. Sie sollen Anreize für eine sichere Versorgung, die Pflege der Kulturlandschaft und eine umweltfreundliche Produktion schaffen. Im Jahr 2018 wurden im Kanton Zürich 150 Millionen Franken Direktzahlungen ausgezahlt.
Ein Landwirtschaftsbetrieb erhielt damals durchschnittlich 54'000 Franken Direktzahlungen. 73 Prozent aller Betriebe nahmen 2018 an Landschaftsqualitätsprojekten teil.
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Dass die Regulierungen nicht à jour seien, zeige sich auch beim Ackerbau. Wolle ein Bauer nicht auf Direktzahlungen verzichten, könne er die nötigen Anpassungen in der Kulturführung nicht vornehmen. So würden sich auch manche Landwirte überlegen, wie sie sich «von der Abhängigkeit der Obrigkeit» lösen und aus dem System der Direktzahlungen aussteigen könnten – und eigenständig den Weg durch den Klimawandel finden.
Wie die Landwirtschaft auf den Klimawandel reagiert
In einer losen dreiteiligen Serie zeigen wir auf, welche Auswirkungen der Klimawandel auf die Landwirtschaft hat. Im ersten Teil wird am Beispiel des Hofs Rinderbrunnen im Grüt (Gossau) erklärt, was ein Betrieb aus der Region unternimmt, um sich den sich verändernden Bedingungen anzupassen.
Im zweiten Teil wird der Fokus auf den Strickhof in Lindau gelegt. In diesem Kompetenzzentrum für Agrarwirtschaft werden auch Forschung und Innovationsförderung betrieben.
Zum Schluss wird ein Blick auf den Zürcher Bauernverband mit Sitz in Dübendorf geworfen und der Frage nachgegangen, wie stark das Thema die Bauern in der Region beschäftigt und wo der Verband die Schwergewichte legt.
