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Vor seiner Kamera sind Wildtiere Dauergast

Tierfotografie ist Marco Sulzers Leidenschaft. Und der vielen Zeit in der Natur verdankt er viel mehr, als «nur» gute Bilder.

Die Fotografie hat Marco Sulzer vor Augen geführt, wie alarmierend der Zustand der Biodiversität ist – was auch Schmetterlinge zu spüren bekommen.

Foto: Marco Sulzer/Noah Salvetti

Vor seiner Kamera sind Wildtiere Dauergast

Tösstaler Hobbyfotograf im Porträt

Mit seiner Kamera streift Marco Sulzer aus Saland durch heimische und fremde Wälder. Seine Fotosujets reichen von Füchsen und Vögeln bis hin zu Raubtieren wie dem Luchs. Das nötige Wissen hat er sich selbst angeeignet.

Oberhalb von Saland liegt noch Schnee, als Marco Sulzer ein ganz besonderer Waldbewohner vor die «Flinte» läuft. «In etwa 80 Metern Entfernung sah ich plötzlich ein braunes Tier», erinnert sich der Saländer.

Es scheint fast mit dem Hintergrund zu verschwimmen. «Ich wusste: eine Kuh, allein auf der Weide bei den Apfelbäumen, das kann nicht sein.» Erst als sich das Tier aufrichtet, begreift er: Es ist ein Hirsch, der da vor ihm steht.

Als er abdrückt, ist es still. Ein überwältigendes Gefühl macht sich breit. Die erste Begegnung mit dem König des Walds endet für keinen der beiden unschön. Im Gegenteil: «Es war sensationell», schwärmt Marco Sulzer.

Wenn er auf die Pirsch geht, muss kein Tier um sein Leben fürchten. Denn Sulzers Flinte ist die Kamera, sein Visier der Sucher, sein Abzug der Auslöser.

Ein Hirsch oberhalb von Saland
Diesen Hirsch «schoss» Marco Sulzer im Januar – mit der Kamera, versteht sich.

Eigentlich habe er an diesem speziellen Tag im Januar «nur» Füchse beobachten und fotografieren wollen, berichtet der schmächtige ältere Herr, als er den Stuhl im Wohnzimmer zurückschiebt. Und ergänzt voller Stolz: «Das war das erste Mal, dass ich einen Hirsch in freier Natur gesehen habe.»

Der 69-Jährige ist passionierter Hobbyfotograf. Sein Spezialgebiet: die Tierfotografie. Mit spektakulären Aufnahmen konnte er bereits mehrmals den Züriost-Leserfoto-Wettbewerb für sich entscheiden.

Wer denkt, seine Bilder seien das Resultat jahrzehntelanger Erfahrung, der irrt. Zunächst fotografierte Sulzer analog. Mit den Aufnahmen wollte er vor allem Erinnerungen festhalten. Schliesslich stieg er auf die digitale Technik um – anfangs mit mässigem Erfolg.

«Es war etwas zu kompliziert, also wählte ich meist die Programmautomatik», erinnert sich Sulzer. «Wenn ich die Bilder heute anschaue, lache ich darüber.»

Learning by Doing – und «by Youtube»

Seine Ehefrau Kitty war es, die die Transformation vom gelegentlichen Knipser zum Hobbyfotografen einleitete. Während der Saländer die letzten Jahre seines Arbeitslebens als Optiker zubrachte, machte sie erste Gehversuche mit einer Kamera und absolvierte Kurse.

Bald folgte er ihr nach und versuchte sich selbst im Fotografieren. «Weil wir beide andere Grundeinstellungen verwendeten, wurde es schnell mühsam mit derselben Kamera.» Vor fünf Jahren kaufte sich Sulzer schliesslich das erste eigene Modell, eine Nikon D500.

  1. Nicht die Geduld verlieren: Tiere haben ihre Reviere und Gewohnheiten, die man erst mit der Zeit kennenlernt.
  2. Wetterprognose beachten: Saharastaub, Regen oder Schmutz in der Luft stören die Bildqualität, besonders bei Tierfotos, wo man den Zoom-Bereich nutzt.
  3. Richtige Tageszeit nutzen: Die grelle Mittagssonne sorgt für unschöne Ergebnisse. Stattdessen zur sogenannten blauen oder goldenen Stunde fotografieren – das sorgt für eine einzigartige Stimmung. Apps können helfen, die Zeitfenster nicht zu verpassen.
  4. Der Fokus ist die halbe Miete: Die Augen eines Tiers sollten unbedingt scharf sein!
  5. Bilder bearbeiten: Wer im RAW-Format fotografiert, kann mehr aus seinen Aufnahmen herausholen.

(nos)

Der Einstieg in die Welt der Fotografie stellte den gebürtigen Winterthurer vor einige Herausforderungen. «Ich musste bei null anfangen.» So habe er etwa nur wenig Erfahrung beim Thema Bildkomposition gehabt.

Abhilfe schafften Erklärvideos auf Youtube – dank diesen lernte er etwa, dass sich das Fotografieren im RAW-Format lohnt, weil sich die Bilder dadurch besser bearbeiten lassen. Später trat Sulzer Facebook bei, wo er sich seither regelmässig in Gruppen mit anderen Fotografen austauscht.

Und auch sonst setzt er voll und ganz aufs Digitale: So speichert er alle Bilder ausschliesslich auf der Festplatte – natürlich mit Sicherungskopie. Und anstelle von eingerahmten Abzügen steht im Esszimmer ein digitaler Fotorahmen, dessen Inhalt ständig wechselt.

Spaziergang wird zur Fotosafari

Dass sich just Anfang 2020 das Coronavirus ausbreitete und man dessen Gefährlichkeit lange nicht so recht einschätzen konnte, kam Sulzers Hobby entgegen. «Auf den morgendlichen Spaziergängen mit unserem Hund Kelly habe ich bewusst grössere Runden gedreht, damit ich nicht zu vielen Leuten begegne.»

Mit angenehmem Nebeneffekt: «Plötzlich habe ich Tiere zu Gesicht bekommen, die ich vorher noch nie gesehen habe.» Gämsen, Füchse und den Eisvogel etwa. Aus dem routinemässigen Hundespaziergang wurde so nicht selten eine Fotosafari in den Wäldern seiner Wohngemeinde.

Seither gehört die Kamera zur Grundausrüstung auf jedem Spaziergang mit der Border-Collie-Hündin. Dazu hat sich der Hobbyfotograf ein kompakteres Modell, eine sogenannte Bridge-Kamera, zugelegt.

Kein Wunder: Hätte er die grosse Ausrüstung im Gepäck, müsste er zwischen acht und zehn Kilo Material mit sich herumschleppen. Eine Kamera mit Telezoom-Objektiv wirkt dagegen mit ihren rund viereinhalb Kilo geradezu leicht.

Objektiv zum Preis eines Occasionsautos

Plant er eine grössere Tour, setzt Sulzer auf eine Profi-Kamera, die Nikon Z9. Das Modell hat einen Autofokus, der das Motiv erkennt und verfolgt. Das ist praktisch, etwa wenn sich ein Tier schnell bewegt.

Kostenpunkt: mehrere tausend Franken allein für das Gehäuse. Eine Investition, die sich lohnt: «Fielen früher 20 von 200 Bildern brauchbar aus, ist es heute umgekehrt.»

Nichtsdestotrotz hat der Pensionär klare Prioritäten. Lieber will er künftig in Reisen investieren als in noch besseres Equipment. Denn: «Die Teleobjektive, die sich besonders gut für Tierfotografie eignen, sind horrend teuer.» Will heissen: zwischen 16’000 und 18’000 Franken, nur für das Objektiv.

Erst kürzlich ist er von einem Fotografie-Trip zurückgekehrt. Gemeinsam mit seiner Frau besuchte Marco Sulzer mehrere Wildparks in Nordrhein-Westfalen. Dabei gelang es ihm, gleich mehrere Tiere zu fotografieren, die ihm bisher noch nie vor die Linse geraten waren.

Zurückgekehrt ist er mit 2500 Bildern auf der Speicherkarte – und vielen Tiersichtungen im Gedächtnis. «Das Highlight waren Luchse mit ihren Jungtieren – das war unglaublich faszinierend», erzählt er begeistert.

Dabei hatte er anfänglich Zweifel, ob sich die Reise lohnen würde. «Zuerst dachte ich, 600 Kilometer Fahrt für ein paar Wildtiere, das ist doch übertrieben. Doch das Ganze war ein voller Erfolg», schwärmt Sulzer.

Unnötige Autofahrten will der passionierte Fotograf nämlich vermeiden. «Die Chance, ein Tier zu sehen, muss es rechtfertigen.» Diese bietet sich ihm auch an verschiedenen Orten in der Schweiz.

Tiere und ihre Gewohnheiten kennenlernen

Bestimmte Orte, an denen die Erfolgsquote hoch ist, besucht er immer wieder – zum Beispiel die Allmend im thurgauischen Frauenfeld. Dort hat er etwa bereits einen Waldkauz oder ein Wildschwein mitsamt Frischlingen gesehen.

Doch auch vor der Haustür trifft Sulzer immer wieder spannende Tiere an – so besuchten schon Vögel wie der Tannenhäher, der sonst nur auf 1000 bis 2000 Metern Höhe vorkommt, seinen Garten, auf der Suche nach Futter.

Hat er ein klares Ziel vor Augen, macht sich der Tierfotograf gerne schon um 5 Uhr morgens auf den Weg. «Mit der Zeit lernt man, welche Tiere man wo antrifft, und kennt ihre Gewohnheiten.»

Bevor man pensioniert wird, muss man sich fragen: ‹Welches sind eigentlich die Freunde, die ich behalten will?›

Marco Sulzer

Züriost-Leser aus Saland

Seine Begleiterin Kelly ist dabei meist mehr Hilfe als Last – anders als andere, schreckhaftere Hunde: «Sie weiss genau, wie sie sich verhalten muss, obwohl ich ihr das nie beigebracht habe.»

Drosselt er das Tempo, kehrt die Hündin zu ihm zurück. Pirscht er sich an, bleibt sie im Hintergrund. «Viele Tiere sehe ich sogar nur, weil sie es mir anzeigt.»

Seinem Hobby verdankt Sulzer aber mehr als atemberaubende Fotos – es hat vielmehr einen ganzen Lebensabschnitt geprägt. «Bevor man pensioniert wird, muss man sich fragen: ‹Welches sind eigentlich die Freunde, die ich behalten will?›» Durch das Fotografieren hat der Saländer viele neue Bekanntschaften gemacht.

Die Fotografie hat ihn sensibilisiert

Und auch sein Bezug zur Umwelt hat sich mit den vielen Stunden im Freien verändert. «Ich bewege mich ganz anders durch die Natur, als ich es vorher tat – viel bewusster», erzählt er.

Die Vielfalt habe ihm zudem vor Augen geführt, wie verletzlich das Ökosystem und wie alarmierend der Zustand der Biodiversität sei. «Wenn ich aktuelle Luftaufnahmen anschaue, sehe ich lauter eintönige Wiesen, wo früher unzählige verschiedene Blumen blühten.»

Ein Taubenschwänzchen geniesst den süssen Nektar, fotografiert in Saland
Die Fotografie hat dem Saländer auch vor Augen geführt, wie alarmierend der Zustand der Biodiversität ist – was Schmetterlinge und Vögel deutlich zu spüren bekommen.

Die moderne Landwirtschaft ist aus seiner Sicht zwar effizienter – birgt aber Nachteile für die Natur. «Es scheint, als gingen wir immer einen Schritt vorwärts und zwei zurück.» Deshalb informiert sich Sulzer über die Natur, liest viel und spendet Geld an eine Vogelschutzorganisation.

Und er versucht, die Tiere bei seinen Fototouren so wenig wie möglich zu stören. Denn: «Wer in der Natur fotografiert, darf nicht nur an das Motiv denken, sondern muss sich auch mit der Materie auseinandersetzen.»

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