In der alten Spinnerei entstehen Wohnungen mit Blick auf die Kyburg
Illnau-Effretikon
Am Tössufer in Sennhof haben Abbrucharbeiten begonnen. Die denkmalgeschützte Fabrik wird in Wohnraum verwandelt.
Ein Bagger rüttelt und zerrt mit einer riesigen Zange am alten Gemäuer. Betonbrocken brechen heraus und lassen den Boden erzittern. Die ehemalige Spinnerei Hermann Bühler in der Mülau bei Sennhof wird derzeit komplett umgebaut.
Wo bis 2016 Spinnmaschinen ratterten, entstehen in den nächsten Jahren 89 Wohnungen, vom Penthouse zuoberst mit Blick auf die Kyburg bis zum Reihenhäuschen direkt am Tössufer. Ab Ende 2026 sollen die ersten Mieterinnen und Mieter einziehen.
Durch die Abbrucharbeiten auf beiden Seiten der längsseitigen Fassaden wird der historische Kern der Spinnerei besser sichtbar. Die Fassaden sollen weiterhin wirken wie aus dem 19. Jahrhundert.
Auch in den ehemaligen Produktionshallen werden charakteristische Elemente wie Stützen und Träger möglichst erhalten, was mit erheblichem Aufwand verbunden ist.
Dass das Projekt in dieser Form umgesetzt wird, liegt auch an Martin Kägi. Der Geschäftsleiter der Hermann Bühler AG arbeitet seit 1994 für die Spinnerei, die damals noch tonnenweise Garn herstellte und exportierte.
Sein Aufgabengebiet hat sich nach der Schliessung der Fabrik ebenso stark verändert wie der Firmenzweck; von der industriellen Produktion zur Immobilienentwicklung.

Die Aufgabe: Das Areal sollte sich wieder mit Leben füllen und der ganze Umbau für die Firma finanzierbar sein. Die Denkmalpflege der Standortgemeinde Illnau-Effretikon war von Anfang an involviert und verhielt sich laut Kägi ausgesprochen konstruktiv.
«Wir hatten dasselbe Ziel.» Sehr gelohnt habe sich der Architekturwettbewerb, den das Winterthurer Büro Diagonal mit seinem Projekt gewonnen hat.
Knarrende Holzböden
Noch sind im Innern überall Spuren der ehemaligen Spinnerei zu sehen, zum Beispiel der Anmeldeschalter oder ein altes Telefon mit Wählscheibe. Doch bald verschwinden sie, das Gebäude wird im Innern Stück für Stück von unten her erneuert.
Selbst die alten Holzböden, die unter der Abdeckung sichtbar werden, müssen raus. Sie genügen den heutigen Anforderungen an Statik und Lärmschutz nicht mehr. Kägi erzählt, wie es hier einst geknarrt hat, wenn die Arbeiter drüber gingen.

Wehmütig ist der 58-Jährige deswegen nicht mehr. Der emotionale Schnitt sei 2016 passiert, als die Spinnerei als letzte ihrer Art in der Schweiz habe schliessen müssen und die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlassen worden seien. Die auf Export ausgerichtete Firma konnte aufgrund des starken Frankens und der hohen Schweizer Löhne nicht mehr mit der internationalen Konkurrenz mithalten.
Nun kratzt ein Bagger in der Produktionshalle an der Decke herum, um sie von der Isolation zu befreien. Staub füllt den Raum. Weiter unten werden massive Stahlträger ins Gebäude gezogen und zusammengeschraubt. Sie stabilisieren die Seitenfassaden, während die Kopffassade abgerissen werden soll.

Erhalten werden hingegen die auffälligen historischen Stützen in den Produktionshallen. Sie bestehen aus einem Holzkern und sind an den Kanten mit Stahl verstärkt. Nun sollen sie ausgehöhlt und der Holzkern daraus entfernt werden. Dann wird das verbleibende Stahlgerippe mit Beton und Armierungen wieder aufgefüllt.

So kann es auch die neuen Betonböden tragen, ohne dass sein Aussehen verändert würde. Die ehemalige Fabrik aus dem Jahr 1860 bestand zu grossen Teilen aus Holz. Das künftige Wohngebäude wird hauptsächlich aus Beton sein, mit einem komplett neuen Dachgeschoss aus Holz.

Im Moment braucht es viel Fantasie, um sich die künftigen Wohnungen vorzustellen. Am einfachsten ist es zuoberst. Auf dem Dach sind zweigeschossige Penthouse-Wohnungen geplant mit grosszügigem Sitzplatz.
Auch eine gemeinsame Dachterrasse für die anderen Wohnungen ist vorgesehen. Der Rundumblick dort überrascht, er schweift praktisch ohne Einschränkungen über bewaldete Hügel, die Kyburg und einen Fabrikweiher mit einem Wasserkraftwerk, das Strom liefert.

Beheizt werden die Minergie-Wohnungen per Holzschnitzel-Wärmeverbund. Die Mietpreise sind noch nicht spruchreif, Baukosten, Zinsen und der Wohnungsmarkt könnten sich bis zum Beginn der Vermietung noch zu stark verändern.
Auffällig ist ein Baugerüst mit Nistkästen für Mauersegler. Sie hätten während des Umbaus ihre Brutmöglichkeiten verloren und finden hier vorübergehend ein Zuhause, bis nach dem Umbau die neuen Nistkästen fertiggestellt sind.
Ebenfalls zu sehen sind von hier oben weitere Gebäude des Areals, die von diversen Gewerbebetrieben genutzt werden. Eine grosse Fotovoltaikanlage liefert Strom für die Betriebe und später die Wohnungen. Die gesamte Gewerbefläche von rund 14’000 Quadratmetern ist inzwischen vergeben.
Das ehemalige Ballenlager wird schon seit einigen Jahren von einem Zimmermann- und einem Gartenbaubetrieb genutzt. Im kürzlich fertiggestellten Teil haben sich eine Kaffeerösterei, eine Verpackungs- und eine Textilfirma sowie die Stadt Winterthur eingemietet. Bald zieht auch die Firma Designwerk ein, die für ihre Elektro-LKW bekannt ist.


