Oberländer Bauern haben für Klimawandel gute Karten
Region bisher sehr feucht
Wenn es wärmer und trockener wird, haben die Landwirte im Zürcher Oberland drei Trümpfe in der Hinterhand. Zwei Fachleute des Lindauer Agrar-Kompetenzzentrums Strickhof decken sie auf.
Hitzewellen, Trockenheit, Starkregen, aber auch Hagel richten in der Landwirtschaft grossen Schaden an. Alle Wetterereignisse treten in den letzten Jahren verstärkt auf. Kaum mehr ein Jahr vergeht ohne längere Phasen, in denen es nicht sehr heiss ist oder umgekehrt auch wieder sehr nass.
Extremereignisse nehmen zu
Das Klima wandelt sich. Die Bauern im Kanton Zürich bekommen das ganz direkt zu spüren. «In manchen Jahren, wie etwa 2021, sind die Erntefenster aufgrund anhaltender Niederschläge sehr kurz. In anderen Jahren gehen die Pflanzen aufgrund der Trockenheit in Notreife», weiss Serge Braun. «Das Resultat sind dann tiefere Erträge.»
Der Agronom ist am Strickhof in Lindau im Fachbereich Boden und Düngung tätig und widmet sich insbesondere der Bodenfruchtbarkeit. «Solche Extremereignisse werden zunehmen. Das macht den Anbau immer schwieriger», hält Braun fest.
Strickhof – das Kompetenzzentrum für Agrarwirtschaft
Der Strickhof mit Hauptsitz in Lindau ist das kantonale Kompetenzzentrum für Agrar-, Lebensmittel- und Hauswirtschaft. Er vernetzt Menschen und Unternehmen und will deren Entwicklung für die Zukunft stärken. Als Abteilung des Amts für Landschaft und Natur der Baudirektion Kanton Zürich will das Zentrum einen Vorsprung durch Innovation und Vernetzung schaffen.
Der Strickhof bietet interdisziplinäre Grund- und Weiterbildungen sowie auf Unternehmen ausgerichtete Dienstleistungen an. Bei seinen Aktivitäten lässt sich der Strickhof von der Strategie «vom Feld auf den Teller» leiten.
Innovation, um in Zukunft zu bestehen
Doch nicht nur die Ackerbauern bekommen die Veränderungen zu spüren. Auch in der Viehwirtschaft, die im relativ hoch gelegenen Zürcher Oberland viel verbreiteter ist, stellen sich neue Probleme. «Kühe müssen viel Wärme abgeben. Sie trinken deshalb viel Wasser. Und sie lieben eine kühle Umgebung», hält Dany Schulthess fest. Er ist Bereichsleiter der Höheren Fachschule Agrotechnik und zugleich Leiter des Programms «Innovativi Puure». Dieses will die Zukunftsfähigkeit von landwirtschaftlichen Unternehmen verbessern.
Wenn es nun so heiss sei, bedeute das für Kühe «einen riesigen Stress», hält Schulthess fest. Das Tier könne dann die geforderte Hochleistung nicht mehr erbringen. Das Tierhaltungsteam vom Strickhof berät deshalb, wie das Wohl der Kühe in solch heissen Phasen dennoch hoch gehalten werden kann. Eine Möglichkeit ist, dass sie jeweils in der Nacht auf die Weide gelassen werden.
Futterlagerung bereitet Probleme
Probleme stellen sich auch beim Futter. Einerseits gebe es zeitliche Verschiebungen beim Grasschnitt, andererseits müsse in solchen Hitzeperioden das Fahrsilo schneller geleert werden. Bei diesen Silos wird die Silage auf einer Platte am Boden festgewalzt und anschliessend luftdicht abgedeckt.
Die Qualität des Silofutters leidet unter hoher Wärme und Luft. Hier stelle sich die Frage, ob diese Fahrsilos anders zu konstruieren seien. Helfen könne aber auch die Bewirtschaftung dieser Silos durch mehrere Betriebe.
Tiefe Temperatur und viel Regen
In Zeiten, in denen es zunehmend wärmer und trockener wird, verwandeln sich zwei Nachteile, die das Zürcher Oberland heute hat, zu Trümpfen: Von allen Zürcher Raumplanungsregionen ist es nicht nur das höchstgelegene Gebiet mit der tiefsten Durchschnittstemperatur, sondern auch das mit dem grössten Niederschlag.

«Wenn das Oberland früher zu nass war, dann könnte es jetzt eher zum Profiteur des Klimawandels werden», meint Braun.
Humusreiche Böden
Und an dieser Stelle kommt auch der dritte Oberländer Trumpf ins Spiel. Wie Untersuchungen im Rahmen der kantonalen Bodenüberwachung zeigen, verfügt die Region insbesondere auf Weiden – im Fachjargon Dauergrünland – und im Wald über Böden mit einem hohen Humusgehalt.
«Humus kann bis zu fünfmal mehr Wasser als das Eigengewicht speichern», rechnet Braun vor. Ein Boden mit 2,5 Prozent Humus – «was je nach Boden eher wenig ist» – könne pro Quadratmeter rund 30 Liter mehr Wasser speichern. «Das Fazit lautet: Mehr Humus bedeutet mehr Wasserspeichervermögen.»

Der gezielte Humusaufbau verbessere die Produktionsgrundlagen, unterstreicht Schulthess. «So machen wir unsere Böden fit», schiebt Braun nach. Es gelte, mit dem Boden zu arbeiten, um die Fruchtbarkeit zu erhöhen. Wie das gemacht wird, zeigt er den Landwirten in seinen Kursen. Diese finden auf Betrieben statt. Das Interesse daran ist gross. Meist nehmen zwischen 20 und 30 Personen teil.
Wenn er einen Bauern vor Ort berät, hat Braun immer einen Spaten dabei: «Das ist das wichtigste Instrument in der Landwirtschaft.» Ein Stich bringt an den Tag, was der Boden in sich trägt und was er taugt.
Hülsenfrüchte liefern Protein ab Feld
Die Steigerung der Bodenqualität sei auch mit einer Gründüngung möglich, hält Schulthess fest. Zudem habe sich gezeigt, dass es besser sei, den Boden nie brach liegen zu lassen. Aus ökologischen, aber auch ökonomischen Gründen werde zudem der Einsatz von Dünge- und Spritzmitteln reduziert.
Im Rahmen des Programms «Innovativi Puure» werde der Anbau von Proteinpflanzen verstärkt. In erster Linie sind das Hülsenfrüchte. Diese können nicht nur tierisches Protein ersetzen, sondern helfen auch dem Boden, kann doch dadurch Stickstoffdünger gespart werden, wie Schulthess betont.
Schädlinge schlagen zu
Wie stark der Klimawandel neuen Schädlingen den Weg in die Region bereitet, können die beiden Agrar-Fachleute nicht sagen. Feststellbar sei aber, dass beispielsweise wegen der weniger kalten Winter hier heimische Schädlinge wie die Blattlaus nicht mehr erfrieren würden – und sich dann umso stärker verbreiteten.
In diesem Zusammenhang sei auch das verstärkte Auftreten von Kirschessigfliegen oder Baumwanzen zu erwähnen. Beide haben es vor allem auf Früchte abgesehen.
Bauernhof-Management wird schwieriger
Wenn der Klimawandel zunehmend die bisherigen Abläufe durcheinanderbringt, bedeutet das für die 2800 Zürcher Landwirtschaftsbetriebe, dass deren Management noch schwieriger wird. Was wird angebaut? Welche Tiere werden gehalten? Wie muss der Fuhrpark aussehen? «Die Landwirte müssen ihren Betrieb überdenken», meint Braun. Die einzelnen Bauern würden dies vielleicht unterschiedlich wahrnehmen, doch «es gibt Anpassungsdruck».

In der höheren Berufsbildung stehen solche Managementfragen laut Schulthess denn immer stärker im Zentrum. Auch hier verzeichne der Strickhof eine steigende Nachfrage.
Hohe Erträge, aber nicht um jeden Preis
Bei allen Problemen, die sich mit dem Klimawandel den Bauern stellen, gibt es für die beiden Fachleute aber auch Chancen. «Man schaut wieder mehr auf den Boden und will diesen positiv beeinflussen», erklärt der Bodenspezialist.
Und der Innovationsförderer unterstreicht, dass die Konsumenten die Bestrebungen jener Bauern belohnten, die bei der Lebensmittelproduktion weniger Ressourcen verbrauchen würden. «Die Landwirte wollen weiterhin hohe Erträge haben, aber nicht mehr um jeden Preis», beschreiben Schulthess und Braun den Mentalitätswandel.
Wie die Landwirtschaft auf den Klimawandel reagiert
In einer losen dreiteiligen Serie zeigen wir auf, welche Auswirkungen der Klimawandel auf die Landwirtschaft hat. Im ersten Teil wird am Beispiel des Hofs Rinderbrunnen im Grüt (Gossau) erklärt, was ein Betrieb aus der Region unternimmt, um sich den sich verändernden Bedingungen anzupassen.
Im zweiten Teil wird der Fokus auf den Strickhof in Lindau gelegt. In diesem Kompetenzzentrum für Agrarwirtschaft werden auch Forschung und Innovationsförderung betrieben.
Zum Schluss wird ein Blick auf den Zürcher Bauernverband mit Sitz in Dübendorf geworfen und der Frage nachgegangen, wie stark das Thema die Bauern in der Region beschäftigt und wo der Verband die Schwergewichte legt.