Hegnauer Tierheim platzt aus allen Nähten
Kritische Situation nach den Ferien
Sie sind «schnüsig» – und werden trotzdem ausgesetzt. Viele Findeltiere landen im Tierheim Strubeli in Hegnau. Doch dort sind sowohl Platz als auch Ressourcen knapp.
Drei kleine Augenpaare starren aus dem Schilf neben der Milandia-Sportanlage in Greifensee. In der Nähe gibt es keine Wohnhäuser, trotzdem sind die drei Kätzchen – die zirka zehn Wochen alt sind – weder ungepflegt noch unterernährt. Wie also kamen sie dorthin?
«Da es nicht nur eine Katze war, sondern gleich drei aufs Mal, ist der Fall ziemlich klar: Sie wurden ausgesetzt», sagt Sarah Baumberger. Sie arbeitet als Tierpflegerin im Hegnauer Tierheim Strubeli, wo die Katzen nach dem Fund Anfang August hingebracht wurden. Der Frust bei ihr und dem restlichen Team ist gross. «Leider passiert das viel zu oft, dabei könnte man sich auch einfach direkt bei uns melden.»
Viele Tiere aus schwierigen Verhältnissen
Es ist gerade keine einfache Zeit im Tierheim Strubeli. «Während der Sommerferien bieten wir Ferienplätze für Tiere an, das ist neben den Spenden unser Haupteinkommen.» In dieser Zeit können sie praktisch keine Verzichts- und Findeltiere aufnehmen, es entsteht eine Warteliste. «Und jetzt werden wir überflutet von Katzen und Hunden, die einen Platz brauchen», sagt die Tierpflegerin. Das Tierheim sei bis auf die letzte Notfallbox gefüllt. «Wir können keine weiteren Fälle mehr annehmen.»
Die Maximalkapazität des Strubeli variiert je nachdem, wie sich die Tiere gegenseitig vertragen beziehungsweise ob mehrere Tiere zusammengehalten werden können. Idealerweise hätten bis zu 100 Katzen und 80 Hunde Platz, dazu Reptilien wie Schlangen oder Nager wie Kaninchen und Ratten.
«Aber momentan haben wir einige Hunde und Katzen, die aus extrem schwierigen Verhältnissen stammen. Sie sind sich weder an andere Tiere noch an Menschen gewöhnt und müssen darum einzeln untergebracht werden», sagt Baumberger. Dies schränkt den dringend nötigen Platz ein.

Von den drei kleinen Büsi, die in Greifensee gefunden wurden, sind noch zwei im Tierheim – gemeinsam in einem Zimmer mit vielen Spielsachen. «Sie sind extrem verschmust und spielen gern.» Das dritte Geschwisterchen hat bereits ein Zuhause mit einem anderen Kitten zusammen gefunden.
«Für diese zwei finden wir sicher auch noch ein Plätzchen», sagt die Tierpflegerin und streichelt sie liebevoll. «Wären sie schwarz, wäre die Sache schon schwieriger.» Tatsächlich seien viele Leute nach wie vor abergläubisch, was schwarze Katzen anbelange.
Fallen und Wildtierkamera im Einsatz
Da in Greifensee rund um die Sportanlage noch weitere Katzen gesichtet wurden, hat das Strubeli-Team dort Fallen und eine Wildtierkamera aufgestellt. Zwar waren die Kleinen schon bei ihrem Fund nicht mehr auf Milch angewiesen, trotzdem hatte man gehofft, auch noch die Mutter finden zu können.
Die Kamera ist mit einer App verknüpft, welche die Strubeli-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter auf ihren Handys haben. Bei jeder registrierten Bewegung geht eine Meldung ein. «Ich erwache dadurch etwa vier- oder fünfmal pro Nacht», sagt Sarah Baumberger.
Solche bisweilen fast schlaflosen Nächte gehören bei der Arbeit im Tierheim dazu. Eine Kollegin habe gerade Babykätzchen bei sich, die alle zwei Stunden «gschöppelet» werden müssten. Am 1. August oder an Silvester würden gleich mehrere Mitglieder des Teams im Tierheim übernachten, um sich um die durch Feuerwerk verwirrten und verängstigten Tiere kümmern zu können.
«Und als wir einmal 13 Degu-Junge bei uns aufnahmen, bildeten wir drei Gruppen, die Nachtschichten schieben mussten.» Degus sind verwandt mit Meerschweinchen, ähneln aber eher Chinchillas. Die Kiste mit den Degu-Jungtieren wurde auf dem Parkplatz einer Aldi-Filiale gefunden. «Das ist einfach unverständlich», ärgert sich Baumberger. «Früher wurden die Tiere wenigstens direkt vor dem Tierheim abgestellt.»
Doch dort musste das Team aus Eigenschutz Überwachungskameras anbringen, weil das Grundstück auch schon Opfer von Vandalen wurde, die dem Tierheim schaden wollten. «Und nun werden die Tiere einfach irgendwo deponiert.»
Teure Pflege von kranken Tieren
Seit es jedoch obligatorisch sei, Hunde mit einem Chip zu versehen, würden wenigstens sie kaum mehr ausgesetzt. «Aber bei allen anderen Tierarten gibt es keine solche Richtlinie, nicht einmal bei Katzen.»
Katzen, die ihren Weg ins Strubeli fänden, würden hingegen alle gechipt weitervermittelt. «Und geimpft und entwurmt – das generiert allerdings Kosten in Höhe von 600 bis 800 Franken, dabei sind Futter und Betreuung noch gar nicht eingerechnet.» Ganz zu schweigen von Tieren, die so verletzt sind, dass sie Operationen benötigen. Wer eine Katze aus dem Tierheim bei sich aufnehmen will, zahlt jedoch nur 400 Franken. Der Rest wird durch Spenden getragen.
Das ist ein knappes Budget und hat Auswirkungen darauf, was das Team alles leisten kann. «Ähnlich wie in Greifensee gibt es immer wieder Situationen, in denen wir ausrücken könnten, um Fallen aufzustellen und Tiere einzufangen», sagt Sarah Baumberger. «Doch die Ressourcen fehlen.»
Die Wildtierkamera in Greifensee steht nach wie vor. Es wurden zwar bisher keine weiteren Familienmitglieder der drei jungen Kätzchen gefunden. «Aber auf den Bildern haben wir eine andere Katze gesehen, die momentan als vermisst gemeldet ist, und hoffen, sie einfangen zu können.»
Wir sehen jeden Tag so viel Leid.
Sarah Baumberger
Tierpflegerin im Tierheim Strubeli
Für sie und alle Mitarbeitenden im Tierheim Strubeli – und viele weitere Tierschützer – ist es nach wie vor unverständlich, dass sich so viele Katzenbesitzer weigern, ihre Tiere zu kastrieren. Es gebe viel zu viele Jungtiere, die zwar meist ein Plätzchen fänden. «Aber auch schnell wieder abgestossen werden, wenn es nicht perfekt läuft. Wir sehen jeden Tag so viel Leid.»
So seien auch die Anforderungen des Tierheims hoch, wenn es darum gehe, eine Katze in ein neues Zuhause abzugeben. «Aber wir sagen lieber einmal mehr Nein, als dass der neue Besitzer nach drei Tagen wieder mit dem Tier hier steht, nur weil es neben das Katzenkistli gemacht hat.»
Büsi gefunden – was nun?
Grundsätzlich gilt: Keine Katzen füttern, ansonsten kommen sie immer wieder, selbst wenn sie ein gutes Zuhause haben.
Das Tier sollte zuerst beobachtet werden, ob es gesund wirkt oder tierärztliche Hilfe braucht. Scheint es der Katze gut zu gehen, aber kommt sie immer wieder, sollte man ihr ein Halsband mit Adresshülse anlegen. Auf einem Zettel in der Hülse sollten «Wem gehöre ich?» und die Telefonnummer der Finderin/des Finders stehen. Oft gehen Findelkatzen abends nach Hause, wenn ihre berufstätigen Besitzer wieder zu Hause sind, und sind somit gar keine Findelkatzen.
Bringt dies keinen Erfolg, sollte man bei einem Tierarzt oder im Tierheim abklären, ob die Katze einen Chip hat. Ist dies der Fall, kann der Besitzer sofort eruiert werden.
Wenn die Katze keinen Chip hat, ist man gesetzlich verpflichtet, eine Fundmeldung zu erfassen. Dies kann einfach und mit Foto unter www.stmz.ch gemacht werden. So kann überprüft werden, ob die Katze vermisst wird.
Ab dem gemeldeten Funddatum beginnt eine Frist von 60 Tagen, in denen der Halter sich melden und sein Tier abholen kann. Verstreicht die Frist, sind Tierheime offiziell dazu befugt, ein neues Zuhause für den Findling zu suchen.
Wenn alle die oben genannten Massnahmen nicht zum Besitzer führen, kann man sich beim Tierrettungsdienst (0800 211 222) oder beim nächstgelegenen Tierheim melden. Befindet sich die Katze in einem kritischen Zustand, sollte man sich direkt an einen Tierarzt wenden.
Weitere Informationen unter www.tierrettungsdienst.ch oder www.strubeli.ch.