Auf der Operettenbühne nutzen auch die Götter Social Media
Premiere in Hombrechtikon
An 16 Spieldaten können Musikliebhaber in die professionell produzierte Operette «Orpheus in der Unterwelt» eintauchen und einen Abend voll Humor und Ironie geniessen.
Kultur? Unbedingt! Aber Oper? Nein, danke! Wem eine Oper zu langatmig, zu schwerfällig oder zu dramatisch ist, sollte sich mal an eine Operette wagen.
Denn im Gegensatz zu ihrer «grossen Schwester» behandelt eine Operette meist heitere und komische Themen. Ausserdem werden Gesangseinlagen mit gesprochenem Dialog kombiniert, was für einen höheren Unterhaltungswert sorgt.
«Die Operette ist die Vorgängerin des Musicals», erklärt Dieter Werner. Er ist Präsident der Operettenbühne Hombrechtikon. Der 1995 gegründete Verein begeistert jedes Jahr mit einem neu einstudierten Stück.
So auch heuer: Am 2. September feiert das Ensemble mit «Orpheus in der Unterwelt» Premiere im Hombrechtiker Gemeindesaal.
Älteste Liebesgeschichte der Welt neu inszeniert
Gemäss Werner wurde das Stück im Jahr 1858 uraufgeführt. Ein alter Schinken also? «Ganz im Gegenteil», erwidert er, «Jacques Offenbach hat die Geschichte komplett umgedreht und nimmt den Antikenkult auf die Schippe.» Seiner Meinung nach sei «Orpheus» sogar zur modernsten Operette überhaupt avanciert.
Nicht zuletzt dank der Arbeit von Regisseur Stefan Wieland, der die Liebesgeschichte in die heutige Zeit versetzt. So würden die Götter mit Handys herumrennen und Venus mit ihrem Selfie-Stick hantieren.
«Der Himmel wird in unserer Aufführung zum Wellnesscenter, und die Hölle befindet sich in einem Vergnügungsviertel», verrät Dieter Werner schmunzelnd. Stefan Wieland bezeichnet das Stück als «doppelbödig, böse und ungeschlagen in seiner Frechheit und Ironie».
Für seine jährlichen Aufführungen engagiert der organisierende Verein Profis, sowohl für die Besetzung der Solorollen als auch für das Orchester, die künstlerische Leitung und die gesamten Backstage-Arbeiten. Rund 20 Mitglieder wirken jeweils im Chor mit – zwar als Laien, aber auf äusserst hohem Niveau.
Dies hat der Chor der minutiösen Aufbauarbeit des langjährigen musikalischen Leiters, Caspar Dechmann, zu verdanken. «Wir proben rund ein halbes Jahr, um Seite an Seite mit den Profis zu bestehen», so Werner.
Der IT-Fachmann wurde 2020 angefragt, das Präsidium zu übernehmen. Er lässt es sich trotz Doppelbelastung nicht nehmen, auch neben seinem Amt im Chor aufzutreten.
Über 100 Kostüme wurden für die Produktion hergestellt – vieles konnte Kostümbildnerin Dorothea Nicolai aus dem grossen Vereinsfundus als Basis verwenden und zu völlig neuen Kostümen kombinieren.
Das aufwendige Bühnenbild von Dave Leuthold erstreckt sich über zwei Etagen – in Anlehnung an Himmel und Hölle. Eigens zu diesem Zweck sei eine Galerie gebaut worden. Die vereinseigene Zuschauertribüne werde jeweils von professionellen Tribünenbauern in den Gemeindesaal integriert und biete so Platz für 500 Gäste.
Vom 2. September bis zum 7. Oktober wird die Operette jeweils am Freitag, Samstag und Sonntag aufgeführt, Tickets und weitere Infos sind auf der Website der Operettenbühne erhältlich.
Solistin Anna Gitschthaler
Die professionell ausgebildete österreichische Sopranistin Anna Gitschthaler lebt seit neun Jahren in Pfäffikon. Die gefragte Gesangssolistin ist zum ersten Mal auf der Operettenbühne Hombrechtikon zu hören – in der Rolle als Diana. «Jupiters Tochter ist die Göttin der Jagd und der Keuschheit – aber ob sie in Offenbachs Werk wirklich keusch ist, sei infrage gestellt», erklärt sie lachend. Es bereite ihr grossen Spass, die Rolle der rebellischen Dramaqueen zu verkörpern. «Diana hat genug vom Olymp, wo alles immer perfekt sein muss, deshalb nehmen sie und ihre Geschwister immer mal wieder Reissaus.» Die schöne Göttin habe die Nase voll davon, dass ihr Vater ihre Liebhaber immer in Pilze verwandle. Diana, die auch ein Auge auf Orpheus geworfen habe, lasse es dann so richtig krachen in der Hölle. «Ich habe mich noch nie so wohlgefühlt in einer Produktion», schwärmt Gitschthaler und lobt das Engagement des Teams, in dem jeder sein Bestes gebe – vom Amateur bis zum Profi.
«Nebenschauspieler» und Chorsänger Felix Rohner
Felix Rohner aus Rüti gehört seit 2014 dem Chor an und wirkt an der siebten Aufführung der Operettenbühne Hombrechtikon mit. Er spielt die Nebenrolle des Volthurnus, des Wassergottes. «In der Hölle bin ich in ein Dragqueen-Kostüm gekleidet – mit einem langen, blauen Kleid und einer blauen Perücke», erzählt er. «Ich musste mich erst an dieses Bild gewöhnen.» Zuvor war er Mitglied unter anderem beim Männerchor Rüti, erlernt hatte er das Singen an der Kantonsschule. Nach seinem ersten Besuch der Operettenbühne als Zuschauer bekam er Lust, selbst mitzuwirken. Durch Kontakte seiner Tochter kam es schliesslich dazu, dass Vater und Tochter dem Verein beitraten. Die beiden wirkten an drei Aufführungen gemeinsam mit, heute ist seine Tochter anderweitig engagiert. Er beschreibt die gemeinsamen Operettenjahre als sehr schön und lehrreich, denn seine Tochter hatte ihre hohen musikalischen Ansprüche vor allem an ihn als Vater gestellt. «‹Du musst besser stützen›, hat sie mich jeweils ermahnt – heute muss mich der Dirigent nur anschauen, da fallen mir ihre Worte gleich wieder ein», lacht er.