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In Sri Lanka droht ihm Gefahr – trotzdem musste er zurück

Die Kirchgemeinde in Bäretswil hat alles versucht. Trotz privater Unterstützung muss ein Tamile nun zurück fliegen.

Oft hat Cheran Prasad im Chilekafi ausgeholfen – und war auch als Reinigungskraft tätig.

Foto: Eleanor Rutman

In Sri Lanka droht ihm Gefahr – trotzdem musste er zurück

Bäretswil war seine Hoffnung

Auch die gesammelten Unterschriften der Reformierten Kirche halfen nicht weiter: Ein Asylsuchender musste trotz drohender Mafia zurück in sein Heimatland.

24. Juli 2023: Trügerische Idylle im Kirchgemeindehaus Bäretswil. Cheran Prasad fragt höflich in die Runde, wer einen Kaffee möchte: «Mit Rähmli oder mit Zucker?» Seinen richtigen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen, denn das könnte ihn in Gefahr bringen. «Ich weiss nicht, ob ich noch ein Leben habe in meiner Heimat», sagt er in gebrochenem Deutsch.

Vor sechs Jahren ist der 34-Jährige in die Schweiz geflüchtet. Seine erste Station war Zürich-Altstetten. Danach kam er nach Bäretswil – dort konnte er seit 2022 bei einem Ehepaar privat wohnen.

Er fliegt jetzt unter sogenannter freiwilliger Rückkehr zurück.

Michael Bärtschi

Sigrist der Reformierten Kirche Bäretswil

In den nächsten Tagen muss der Asylsuchende zurück nach Sri Lanka fliegen. Das läuft nicht direkt unter Zwangsausschaffung – es ist eher eine Notlösung im Hinblick auf einen zweiten Versuch.

«Er fliegt jetzt unter sogenannter freiwilliger Rückkehr zurück», sagt Michael Bärtschi. Er ist der Sigrist der Reformierten Kirche in Bäretswil. Seit knapp zwei Jahren begleitet er Prasad bei dessen Behördengängen und hilft, wo er kann.

Ein Asylsuchender lebte sechs Jahre in der Schweiz. Jetzt muss er zurück in sein Heimatland.
Michael Bärtschi (rechts) hat vieles versucht – auch Unterschriften wurden gesammelt.

Der Tamile ist vor knapp zwei Jahren nach Bäretswil in die Flüchtlingsbetreuung gekommen – und hat sich schnell integriert. In der Kirche konnte er an zwei Nachmittagen Reinigungsarbeiten übernehmen und im Chilekafi aushelfen. «Prasad wurde von uns allen sehr geschätzt», sagt Bärtschi.

Es scheint, als hofften alle im Kirchgemeindehaus auf ein Wunder. Eine Nachbarin sagt, sie werde für Prasad beten. Auf die Frage, wohin er in Sri Lanka gehe, werden seine Augen wässrig: «Ich habe keine Ahnung», sagt er. Seine Kinder leben bei der Grossmutter in Colombo, doch zu ihnen kann er nicht. Die Hauptstadt sei zu gefährlich für ihn.

Von der Mafia verfolgt

Wie bedrohlich die Situation in Sri Lanka für ihn ist, kann niemand der Anwesenden so richtig beurteilen. Prasad spricht von der Mafia, die ihn in Colombo bedrängt habe, da er sich nicht für ihre Seite habe entscheiden wollen. Seine Mutter ist Christin, sein Vater Hindu – mit dem Bürgerkrieg in Sri Lanka hat Prasads Geschichte nichts zu tun.

Das Staatssekretariat für Migration (SEM) kann zu Einzelfällen aus Datenschutzgründen keine Auskunft geben. Daniel Bach, Leiter des Stabsbereichs Information und Kommunikation des SEM, schreibt allgemein, eine Wegweisung nach Sri Lanka sei grundsätzlich zumutbar.

«Diese wird nur dann angeordnet, wenn das SEM im Asylverfahren zum Schluss gekommen ist, dass dem Asylsuchenden bei einer Rückkehr keine Verfolgung droht.» Offenbar wurde Prasads Fall von den Behörden nicht als gefährlich genug eingestuft.

Trotz Integration weggewiesen

Im Januar 2022 bekam Prasad dann einen negativen Asylentscheid. Das heisst, das SEM konnte Prasad nun jederzeit nach Sri Lanka zurück schicken. Bärtschi und die Reformierte Kirche sprangen in die Bresche und organisierten eine private Unterkunft in Bäretswil für den 34-Jährigen. «Ich wusste, wenn man es privat finanzieren kann, dann geht es für eine Weile.»

Der Sigrist erzählt, Prasad habe ein beschleunigtes Verfahren erhalten. «Das lief unter dem Namen Testphase. Man wollte ihn einfach viel zu schnell wieder zurückschicken», sagt Bärtschi.

Ohne Aufenthaltsbewilligung wird es schwierig

In den letzten beiden Jahren musste sich Prasad jede Woche beim Migrationsamt melden. «Er musste jeweils eine Unterschrift abgeben», sagt Bärtschi. So wollten die Behörden kontrollieren, dass er nicht untertaucht.

Zweimal sei Prasad von der Polizei auf offener Strasse verhaftet worden. Diese brachte ihn ins Zentrum für ausländerrechtliche Administrativhaft (ZAA) am Flughafen. Dort wurde ihm nahegelegt, doch einfach zurückzureisen. Doch Prasad weigerte sich, es sei zu gefährlich für ihn.

«Personen mit einem rechtskräftigen Entscheid des Bundes, die Schweiz verlassen zu müssen, können – wenn sie sich weiterhin in der Schweiz aufhalten – gemäss Bundesrecht von der Polizei aufgegriffen und einer ausländerrechtlichen Massnahme zugeführt werden», schreibt das kantonale Sozialamt dazu. Das Amt darf jedoch keine Auskunft zu Einzelfällen geben.

Das Team der Rückkehrberatung des Kantons unterstützt Personen aus dem Asylbereich, die freiwillig oder pflichtgemäss in ihr Heimatland zurückkehren. Die Rückkehrhilfe umfasst Beratung und finanzielle Unterstützung. Personen mit negativem Asylentscheid können Rückkehrhilfe in Anspruch nehmen.

Auch ein psychologisches Gutachten half nicht

Die Kirchengemeinde in Bäretswil versuchte jedoch noch etwas Anderes: «Wir haben von einem Psychiatriezentrum ein externes Gutachten auf posttraumatische Symptome erstellen lassen», sagt Bärtschi. Denn Prasad musste als Vierjähriger miterleben, wie sein Vater vor seinen Augen ermordet worden war.

Doch das half nichts. Die Schweizer Behörden meinten dazu, es gebe auch in Sri Lanka psychologische Hilfe gegen posttraumatische Störungen.

Im März 2023 fing die Kirchgemeinde Bäretswil an, Unterschriften für Prasad zu sammeln: «Die nachfolgend unterzeichnenden Schweizer Stimmberichtigten können den Entscheid einer Wegweisung weder verstehen noch eine Ausschaffung verantworten.» Damit appellierten die Unterschreibenden ans SEM, Prasads Gesuch umgehend zu prüfen und die Bewilligung B zu erteilen.

Mit Namen zusammenstehen

280 Unterschriften kamen zusammen. «Allein in Bäretswil waren es 180», sagt Bärtschi und wertet das als Erfolg. Doch das Migrationsamt reagierte darauf nur dankend für den Einsatz und teilte mit, dass die Entscheidung bereits gefällt und sehr gut geprüft sei.

Anfang Juli dann die ernüchternde Anfrage, ob Prasad fit genug sei, um zu reisen. «Da wusste ich, jetzt wird es eng», sagt der Sigrist.

Bärtschi sah keinen anderen Ausweg mehr. Er hat alles versucht. «Ich sehe diese Rückkehr als letzte Möglichkeit», sagt er. So könne Prasad vielleicht nochmals zurückkommen in die Schweiz und zu einem späteren Zeitpunkt unter neuen Bedingungen nochmals ein Asylverfahren beantragen.

Hätte ich nicht schon Ferien gebucht, wäre ich mit ihm geflogen.

Roman Breitenmoser

Kollege von Cheran Prasad

Ein Asylsuchender lebte sechs Jahre in der Schweiz. Jetzt muss er zurück in sein Heimatland.
Roman Breitenmoser (links) hätte Cherad Prasad vielleicht eine Stelle anbieten können. Doch ohne Aufenthaltsbewilligung geht das nicht.

Ein weiterer Anwesender an dem Tag im Kirchgemeindehaus ist Roman Breitenmoser. Er hat oft Zeit mit Prasad verbracht. «Hätte ich nicht schon Ferien gebucht, wäre ich mit ihm geflogen», sagt er. Breitenmoser arbeitet als Geschäftsführer im Coop, er hätte ihm dort sogar eine Stelle beschaffen können. «Aber ohne Papiere konnte ich leider nichts für ihn tun.»

Er hat zwar wenig Wasser und Nahrung, aber es geht ihm gut.

Michael Bärtschi

Sigrist der Reformierten Kirche Bäretswil

30. Juli 2023: Cheran Prasad fliegt über Istanbul zurück in sein Heimatland. Seine Freunde in Bäretswil hoffen, dass alles gut kommt.

31. Juli 2023: Nur einen Tag später fliegt auch ein Landsmann von Prasad in sein Heimatland: Pastor Anthony von der TCF International Church versucht Prasad zu helfen. Er konnte vor Ort einen tamilischen Pastor organisieren, dessen Leute Prasad in den Norden Sri Lankas bringen können.

7. August 2023: Ein Anruf bei Bärtschi, der Sigrist klingt erleichtert: Prasad ist in Sri Lanka angekommen und wurde wie geplant von Angehörigen der Evangelischen Kirche abgeholt und an einen sicheren Ort gebracht. «Er hat zwar wenig Wasser und Nahrung, aber es geht ihm gut.» In Sri Lanka herrscht neben der Dürre auch Inflation, die Preise für Lebensmittel sind um ein Vierfaches angestiegen.

Misstrauen bei der Anmeldung

Dennoch gibt es Grund zur Sorge: «Prasad muss sich innerhalb von drei Monaten bei der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Sri Lanka melden», sagt Bärtschi. Das könnte Probleme bereiten, denn man wisse nicht, ob die Organisation Informationen zu gesuchten Personen an Dritte weitergebe.

21. August 2023: Auch der tamilische Pastor Anthony ist mittlerweile zurück aus Sri Lanka. «Ich habe einige Fragezeichen, wie es mit Prasad weitergehen soll», sagt er. Denn auch der Pastor, der ihn vorübergehend aufgenommen habe, habe Angst vor der Mafia. Am ehesten sieht Anthony eine Zukunft im mittleren Osten des Lands. «Dort gibt es vielleicht auch Arbeit für Prasad.»

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