Geschichten aus dem Gefängnis
Pfäffiker Museumsnacht
Aufwachsen in einem Gefängnis – was für viele nach Horror tönt, war für Gaby Frei normal. An der Pfäffiker Museumsnacht erzählt sie von ihren Erinnerungen.
Unter dem Motto «Farbe, Licht und Schatten» findet am 2. September die dritte Pfäffiker Museumsnacht statt. Dabei spannen das Museum am Pfäffikersee, das Naturzentrum Pfäffikersee, die Galerie Krause und das Museum & Forum Eva Wipf zusammen.
Teil des vielfältigen Angebots sind die Erzählungen von Gaby Frei, der Tochter des einstigen Gefängnisverwalters Gottfried Behr. Das Alte Bezirksgebäude an der Hochstrasse 4, wo heute das Museum Eva Wipf beheimatet ist, fungierte noch bis in die 1990er Jahre als Gefängnis.
Insassen am Küchentisch
In den 1960er Jahren wohnte die Familie Behr in der Verwalterwohnung oben im Haus. Die heute 70-jährige Gaby Frei war beim Einzug 8 Jahre alt, beim Auszug 16 Jahre. Noch immer lebt sie in Pfäffikon. «Wenn ich heute am Haus vorbeigehe, denke ich nicht in erster Linie an das Gefängnis, sondern an mein ehemaliges Zuhause.»
Freis Vater Gottfried Behr war früher in ganz Pfäffikon auch als «Chischte-Göpf» bekannt. Ihre Mutter Ruth Behr war für die Wäsche und die Verpflegung der Gefangenen zuständig. «Täglich sassen ein bis zwei Insassen bei uns in der Küche und schälten Kartoffeln oder schnetzelten Gemüse.»
In einem Beitrag von «Schweiz aktuell» von 1996 erinnern sich Gottfried und Ruth Behr in ihren eigenen Worten an die Zeit im Bezirksgebäude. (Quelle: SRF)
So hatten auch sie und ihre zwei jüngeren Geschwister Kontakt mit den Insassen. «Für sie war es ein Privileg, in der Küche arbeiten zu können. Mein Vater hat die Helfer auch immer gezielt ausgesucht.» Passiert sei nie etwas, obwohl nicht einmal die Küchentüre abgeschlossen war. «Sie hätten jederzeit abhauen können», sagt Frei lachend.
Ihre Mutter habe pro Insasse ein Budget von einem Franken und acht Rappen pro Tag gehabt. «Ende Monat musste sie immer grausam rechnen, damit genug Geld da war. Aber sie war eine Künstlerin, was das anging.» Die Familie Behr habe jeweils dasselbe wie die Gefangenen gegessen – einfach mit etwas mehr Fleisch oder Fisch.
Nicht mit Mördern unter einem Dach
Sie habe ihre Kindheit alles andere als belastend in Erinnerung. Im Gegenteil: «Durch den engen Kontakt zu den Gefangenen haben wir gelernt, dass auch sie Menschen mit Gefühlen und Bedürfnissen sind.»
Wer an der Hochstrasse eingesperrt war, gehörte denn auch nicht zu den schlimmen Verbrechern. Die Delikte, die zur Gefangenschaft der jeweils rund 20 Insassen führten, waren eher Betrug oder Diebstahl. «Hier gab es keine Mörder.»

Wenn die eingesperrten Männer jeweils im Hof Fussball spielen durften, flog der Ball manchmal auf die Gasse hinaus. «Und wir Kinder sprangen und holten ihn zurück – manchmal schossen sie den Fussball auch extra zu uns auf den Balkon hinauf», erzählt Frei.
Im Winter sei es manchmal zu Schneeballschlachten zwischen den Kindern und den Gefangenen gekommen. «Zwar hatten wir vom Balkon aus den Vorteil, dass wir nach unten schiessen konnten, dafür hatten wir weniger Schnee zur Verfügung.»
Vater mit Sorgen belastet
Gleichzeitig sei den Kindern schon bewusst gewesen, dass es im Gefängnis auch schwierige Situationen gegeben hatte. «Unser Vater hat manchmal von seinen Sorgen erzählt. Und er setzte sich immer stark für die Insassen ein.» Sei es bei einer Ehefrau, die ihren gefangenen Mann verlassen wollte, oder einem Arbeitgeber, der das Arbeitsverhältnis auflösen wollte – er probierte zu vermitteln, wo er nur konnte.
Doch der Beruf hinterliess seine Spuren. Abzuschalten sei für ihn oft schwierig gewesen. 1969 war Gottfried Behr aus gesundheitlichen Gründen gezwungen, sich eine andere Arbeitsstelle mit weniger Stress zu suchen. Dies bedeutete für die Familie auch der Auszug aus dem damaligen Bezirksgebäude.

Gottfried und Ruth Behr sind vor über 20 Jahren gestorben. Durch Gaby Freis Erzählungen erwachen sie am Samstag noch einmal zum Leben. Das Motto «Farbe, Licht und Schatten», unter dem die Pfäffiker Museumsnacht steht, könne gut auf das Leben im Gefängnisgebäude bezogen werden. Hier habe sich viel Freud und Leid vereint.
Ein bereits etwas älterer Obdachloser – «Röbi hiess er» – legte zum Beispiel immer Anfang Winter irgendwo ein Feuer. Genug klein, dass niemand verletzt wurde, aber genug gross, dass er dafür eingesperrt wurde. «Er litt unter Rheuma und wollte darum den Winter und vor allem Weihnachten bei uns verbringen.»
Denn im Schwurgerichtssaal, ebenfalls im Bezirksgebäude, fand jeweils die «Gefangenenweihnacht» statt, bei der die Kinder der Familie Behr Flöte spielten. «Röbi war so oft an Weihnachten dabei, er war fast eine Art Familienmitglied. Irgendwann tauchte er aber nicht mehr auf.»
Letzte Chance
Solche und viele weitere Geschichten hat Gaby Frei während ihrer Zeit im ehemaligen Bezirksgebäude erlebt. Etwa, als sie einem Ausbrecher hinterherrannte oder als kleines Mädchen selbst einen Mann in eine Zelle sperrte. «Aber ich muss ja auch am Samstag noch etwas zu erzählen haben.»
So sei es an der Museumsnacht denn auch das letzte Mal, dass sie aus ihrer Kindheit erzählen werde. «Neue Geschichten kommen schliesslich nicht mehr hinzu.»
Gaby Frei erzählt am 2. September jeweils um 18 Uhr, 19 Uhr und 20 Uhr in der Küche der Verwalterwohnung im Alten Bezirksgebäude aus ihrer Jugend. Weitere Informationen zum Programm auf den Websites der beteiligten Museen: www.museum-eva-wipf.ch, www.naturzentrum-pfaeffikersee.ch, www.galeriekrause.ch und www.agp-pfaeffikon.ch.
