Erdnüsse aus dem Oberland – wenn alles gut geht
Ein Bauernhof reagiert auf den Klimawandel
Der Hof Rinderbrunnen im Grüt will sich an den Klimawandel anpassen. Und sucht dafür nach Nahrungspflanzen, die mit weniger Wasser und höheren Temperaturen zurechtkommen.
Soja, Lein und Quinoa, ja auch Sesam, Chia und sogar Reis und Erdnüsse: All das könnte eine Zukunft in der Region haben. Ob das aber auch wirklich der Fall ist, probiert die neue Crew des Hofs Rinderbrunnen im Gossauer Grüt aus.
Anfang Jahr haben Judith und Martin Frei den Familienbetrieb übernommen, der nun in vierter Generation geführt wird. Auf dem 29 Hektaren grossen Betrieb – das entspricht dem Schweizer Durchschnitt – arbeiten insgesamt acht Leute mit, die sich fünfeinhalb Stellen teilen.
Versuchsparzelle soll Antworten geben
Zum Team gehört auch Stephan Gysi, ein Molekularbiologe mit Doktortitel. Vor drei Jahren hat er sich zudem jüngst einen Master in Umwelt und natürlichen Ressourcen erworben. In seiner Abschlussarbeit richtete er seinen Fokus auf die beiden – wenigstens hierzulande – Nischenkulturen Sesam und Erdnuss.
Diese beiden Pflanzenarten wachsen nun neben vielen anderen auf einer 3000 Quadratmeter grossen hofeigenen Versuchsparzelle. «Diese Versuchsparzelle stellt für uns eine einmalige Gelegenheit dar, die Möglichkeiten und Herausforderungen des Anbaus innovativer Spezialkulturen zu erforschen», sagt Gysi, der «seinen Spielplatz» leitet, vor allem aber für den Ackerbau mit Hülsenfrüchten und als Gemüsegärtner auf dem Rinderbrunnen tätig ist.
Die Gossauer Bauern wollen herausfinden, welche Pflanzen im Zürcher Oberland in Zeiten des Klimawandels gedeihen, über die nötige höhere Widerstandskraft verfügen und eine grössere Vielfalt ermöglichen.
Die Suche nach der Nuss
Ob Sesam dazugehören wird, ist fraglich, wenn man Gysi anhört. Schon dreimal hat er die Ölpflanze selbst angebaut. Im Unterschied zum Berner Seeland, wo die ersten beiden Versuche stattgefunden haben, wächst sie hier im Zürcher Oberland wenigstens einmal. Doch das Problem ist: Sie wird wohl auch hier nie reif. Dabei hätte sie den grossen Vorteil, dass sie sehr trockenresistent ist.
Vielleicht braucht es das hier in der Region aber – noch – nicht. Denn im Vergleich zum Berner Seeland sei es hier im Oberland feuchter. Zudem reift alles später.
Gysis «Steckenpferd» aber ist die Erdnuss. Doch die wachse sehr langsam. Geerntet werden soll daher so spät wie möglich gegen Ende September. Ob dann allerdings viel aus dem Boden geholt werden kann, ist mindestens für den Laien angesichts des aktuellen Stands fraglich. Gysi muss etwas im Boden graben, um dann zwei ganz dünne Etwas hervorzuziehen. Diese sollen sich in den nächsten Wochen noch zu Erdnüssen entwickeln.
Grundsätzlich würden alle hier gesäten Erdnusssorten reif. Ein guter Wert sei, wenn 80 Prozent der Pflanzen dieses Stadium erreichten. Die bulgarische Sorte reife zwar nur bei jeder zweiten Pflanze, dafür trage diese dann mehr Nüsse. «Somit hat diese ein besseres Potenzial als die amerikanische», meint Gysi.
Schöne Blüten, aber steril
Auf der Versuchsparzelle wuchsen vor einem Jahr noch Zuckerrüben. Diese haben dem Boden viele Nährstoffe entzogen. «Dafür gibt es jetzt wenig Unkraut hier», tröstet sich der Biologe. Damit müssen die Pflanzen, die jetzt hier wachsen, ihre Durchsetzungsfähigkeit gleich beweisen. Bewässert werden sie allerdings nicht.
Das war aber auch nicht nötig. «Einen so nassen und kühlen Juli und August wie hier im Oberland wollen wir nicht», meint Gysi. Obwohl, auch damit müssen seine Schützlinge umgehen können. Nicht alle schaffen das, wie vor allem bei den Canary Seeds (Kanariengras) zu sehen ist oder eben nicht. Denn was die Raupen dort übrig gelassen haben, ist nicht viel.
Schön anzusehen sind dagegen die farbigen Quinoastängel. Doch das allein reicht nicht. «Alle Blüten sind steril, die haben keine Samen drin», erklärt Gysi. «Wir haben die schlicht einen Monat zu spät ausgesät», liefert er nach. Um zugleich auf die kleinen Löcher im Boden aufmerksam zu machen. Die Erdflöhe haben der Quinoa zusätzlich zugesetzt.
Betriebsgeheimnisse auf dem Feld
Auf der gesamten Versuchsparzelle sind gegen 20 verschiedene Pflanzen zu finden, in bis zu 20 verschiedenen Sorten. «Wir vergleichen die Sorten miteinander, um ihre Eignung für den Anbau in der Schweiz, insbesondere im Zürcher Oberland, zu evaluieren.»
Den Hauptteil stellen Hülsenfrüchte wie Bohnen und Erbsen. «Bei diesen geht es darum, pflanzliche statt tierische Proteine für Menschen zu produzieren.» Darunter entdeckt der Durchschnittskonsument Vertreter, die er bisher nur aus dem Kartenspiel Bohnanza gekannt hat.
Die zweite Kategorie sind Leinsamen. «Die wollte ich einfach mal ausprobieren.» Und die dritte sind schliesslich die experimentellen Kulturen, zu denen neben Erdnüssen und Sesam auch Zuckersorghum oder Zuckerhirse, Reis im Trockenanbau und Chia gehören. Letztere ist ein Salbei – und gedeiht im Grüt prächtig. «Eine gefreute Sache», meint Gysi.
Schliesslich wachsen auf dem Feld auch noch Sorten, «die aber Betriebsgeheimnis sind», wie der Ackerbauer mit einem Schmunzeln anfügt.
Produktepalette wird erweitert
Und was hat denn nun schon Eingang in die «Massenproduktion» auf dem Rinderbrunnen gefunden? «Dieses Jahr haben wir bereits Winterlinsen und Gerste gedroschen», erklärt Martin Frei. Zwei Tonnen sind es geworden.
Im nächsten Jahr wird die Palette stark erweitert. Chia, Kichererbsen, Quinoa, Polentamais und Sonnenblumen kommen hinzu. «Dafür werden wir den Getreideanbau reduzieren.»

Damit diversifiziert der Betrieb noch weiter. «Wir sind ohnehin schon ein Gemischtwarenladen», meint Frei. Schliesslich gehören auch Galloway-Rinder, Weidelämmer, 10 Hühnerrassen, über 30 Gemüsesorten und Kräuter, 60 Apfel- und Birnbäume, Baum- und Haselnüsse und natürlich das grosse Blumenfeld dazu.
Die Umstellung auf Nischenprodukte und der gleichzeitig laufende Wechsel zur Bio-Landwirtschaft haben aber auch ihren Preis. «Um die höheren Kosten zu decken, müssen wir mehr für unsere Produkte verlangen. Das können wir nur in der Direktvermarktung», erklärt Frei. Dazu gehört nicht nur der eigene Hofladen, sondern auch der Verkauf an Restaurants und Läden. «Die müssen bereit sein, mehr zu zahlen als das Minimum.»
Wie die Landwirtschaft auf den Klimawandel reagiert
In einer losen dreiteiligen Serie zeigen wir auf, welche Auswirkungen der Klimawandel auf die Landwirtschaft hat. Im ersten Teil wird am Beispiel des Hofs Rinderbrunnen im Grüt (Gossau) erklärt, was ein Betrieb aus der Region unternimmt, um sich den sich verändernden Bedingungen anzupassen.
Im zweiten Teil wird der Fokus auf den Strickhof in Lindau gelegt. In diesem Kompetenzzentrum für Agrarwirtschaft werden auch Forschung und Innovationsförderung betrieben.
Zum Schluss wird ein Blick auf den Zürcher Bauernverband mit Sitz in Dübendorf geworfen und der Frage nachgegangen, wie stark das Thema die Bauern in der Region beschäftigt und wo der Verband die Schwergewichte legt.