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Einschulung als Abnabelungsprozess: Wie Sie als Eltern gelassen bleiben

Knirpse, die kaum grösser sind als ihre Schultaschen: Oft sind es die Eltern, die nur schwer loslassen können.

Übung macht die Meisterinnen: Der Schulweg gehört zum Abenteuer Schule dazu und ist eine wichtige Herausforderung für die Abc-Schützen. (Archiv)

Foto: Mano Reichling

Einschulung als Abnabelungsprozess: Wie Sie als Eltern gelassen bleiben

Panik vor dem ersten Schultag

Ab Montag sind wieder Scharen von Kindern unterwegs, deren Köpfe die Schultaschen kaum überragen. Eine Anleitung für Familien zu mehr Ruhe.

«Grundsätzlich sind die Einschulung und der damit verbundene Abnabelungsprozess ein einschneidendes Ereignis für eine Familie», betont Nadia Herrmann. Sie ist heilpädagogische Früherzieherin MA und mit Fachleitung bei der Stiftung RgZ (Frühberatungs- und Therapiestelle für Kinder) in Zürich tätig.

Als gelernte Kindergärtnerin konnte sie früher jedes Jahr miterleben, wie unterschiedlich Familien diesen wichtigen Schritt verarbeiten. «Erfahrungsgemäss sind es oft die Eltern, die einen kleinen Ruck brauchen, um loszulassen», resümiert sie.

Sie verrät einen Trick, den sie in ihren Klassen jeweils erfolgreich einsetzte, wenn die Eltern sich nach dem Znüni aus dem Schulzimmer zurückziehen sollten: «Mit einem Blüemli, welches das Kind dem Mami oder dem Papi zum Abschied übergab, ging es meistens für beide Seiten gut.»

Ein Schritt, der die ganze Familie betrifft

Bei den Eltern würden sich oft Fragen stellen wie «Ist die Kindergärtnerin oder die Lehrerin nett und verständnisvoll?», «Wird mein Kind den Schulweg bald allein schaffen?» oder «Findet mein Kind Freunde?» Ob Eltern mit dem hiesigen Bildungssystem vertraut seien, spiele ebenfalls eine Rolle und könne gerade bei Fremdsprachigen zusätzliche Fragen aufwerfen.

Die gute Nachricht: Mit der Erfahrung kommt die Gelassenheit. «Beim ersten Kind ist dieses Ereignis meist mit mehr Aufregung verbunden, bei den jüngeren Geschwistern legt sich diese in der Regel», weiss Nadia Herrmann.

Man sieht eine Frau, die in Gebärdensprache ihren Namen mitteilt.
Heilpädagogin Nadia Herrmann, hier mit der Gebärde für ihren Namen, kennt die Bedenken von Eltern beim Thema Schulanfang.

«Die Mädchen und Jungen selbst haben die unterschiedlichsten Strategien, mit der Aufregung vor dem Schulstart umzugehen.» Das hänge mit dem Naturell eines Kinds zusammen, aber auch mit seinen Vorerfahrungen: Hat es vor dem Kindergartenstart bereits Zeit in Kindergruppen ausserhalb der Familie verbracht, wie Kita oder Spielgruppe?

«Entsprechend fällt ihm der Einstieg vermutlich leichter.» Beim Schulstart profitiere das Kind von den Erfahrungen im Kindergarten, weshalb der Abnabelungsprozess dann nicht mehr so stark ins Gewicht falle.

«Wichtig ist, dass die Kinder im Vorfeld vorbereitet werden», sagt die Expertin. Das fange mit dem Besuchstag im neuen Kindergarten oder in der neuen Schule an. Über das Erlebte könne nach diesem «Schnuppertag» zu Hause gesprochen werden, und erste Fragen oder Bedenken könnten vielleicht schon beantwortet werden.

«Einigen hilft es, in der Woche vor dem Start nochmals zur Schule oder zum Kindergarten zu spazieren, durchs Fenster zu spienzeln oder auf den Spielplatz zu gehen», regt Nadia Herrmann an. Anderen helfe eine räumliche Planung, wie etwa mit Ausmalbildern – «noch drei-, zwei-, einmal schlafen bis zum Start».

Das benötigte Equipment sollte gemeinsam organisiert werden: «Frühzeitig, aber gerade bei jüngeren Kindern nicht zu früh, da sie erfahrungsgemäss lange Wartezeiten nur schwer einschätzen können.»

Auch Tränen gehören manchmal dazu

Gemäss der Heilpädagogin haben sich die Ansprüche an die Kinder in den letzten Jahren etwas verändert. «Vor 20 Jahren waren die Kinder beim Kindergartenstart noch etwas älter als heute. Das hat auf die Ablösung sicher einen Einfluss.» Dafür hätten heute mehr Kinder Erfahrungen mit Fremdbetreuung durch Kita und Spielgruppe, «das gleicht es vermutlich wieder aus».

Den meisten Kindern gelinge der Schulstart mehr oder weniger problemlos. «Dass da und dort ein paar Tränen fliessen können, gehört manchmal auch dazu», räumt Herrmann ein. Sie rät den Eltern, geduldig zu bleiben und keinen Druck aufzusetzen. «Vertrauen Sie darauf, dass es gelingen wird.» Bis zu den Herbstferien sollte die Ablösung gut gelingen.

Wer das Gefühl habe, das Kind sei nächsten Sommer noch nicht bereit für den Kindergartenstart, solle frühzeitig im Herbst oder Winter das Thema beim Kinderarzt ansprechen, vielleicht anlässlich der Jahreskontrolle.

Viele Gemeinden würden auch Informationsveranstaltungen anbieten oder Broschüren mit Informationen zu Fragen wie «Was muss mein Kind für den Kindergarten können?», die man bei dieser Entscheidung berücksichtigen könne. «Bei Kindern in der Kita oder Spielgruppe respektive im Kindergarten fragt man am besten am Elterngespräch nach, wie die Einschätzung der Fachpersonen diesbezüglich ist.»

Tipps, die den Start erleichtern

Mit dem Kind über den Kindergarten/die Schule sprechen und vielleicht gemeinsam ein Bilderbuch zum Thema ansehen – Vorfreude pflegen.

Den Kindergarten/die Kindergärtnerin oder die Schule/die Lehrerin besuchen – dies passiert in der Regel an einem offiziellen Besuchstag, der jeweils von der Schule organisiert wird.

Den Weg gemeinsam gehen (wenn möglich nicht mit dem Auto fahren).

Alles, was das Kind braucht, rechtzeitig bereithaben – das vermindert den Stress und erhöht die Vorfreude.

Sicherer Schulweg

Als Eltern oder Betreuungsperson den Schulweg mit den Kindern üben.

Den für die Kinder sichersten Weg wählen – das ist nicht immer der kürzeste.

Als Lehrperson den Schulweg im Unterricht und am Elternabend thematisieren.

Als Fahrzeuglenker in der Nähe von Kindern doppelt aufpassen. Fahrzeuglenker sollten nicht nur das Tempo verlangsamen, sondern ihr Fahrzeug immer ganz stoppen, wenn ein Kind die Strasse überqueren möchte.

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