Effretiker Minigolfer räumen Titel um Titel ab
Zwischen Dolce Vita und Spitzensport
Der lokale Minigolfclub fristet in Illnau-Effretikon ein Nischendasein, in der Szene gehört er zu den angesehensten Adressen des Lands. Eine Ursachenforschung am Vereinsnachmittag.
Wenn Nationen Sportarten hervorbringen, dann ist die Bindung in der Regel innig. In England wird der Fussball vergöttert, in Kanada wird Eishockey zelebriert, in Deutschland sind Handballer Helden.
Auch die Schweiz hat der Welt einen Sport geschenkt: das Minigolf, das der Genfer Paul Bongni 1954 durch die Patentierung des Namens und des Baus der ersten normierten Anlage in Ascona erschaffen hatte. Doch die Beziehung zwischen den Schweizern und ihrem Sport scheint eher ambivalent.
Dabei teilen sich die Gefühle bereits bei der Definition des Spiels. Der grösste Teil der Menschen sieht Minigolf als Freizeitbeschäftigung, nur eine kleine Minderheit als Sport. Klar, spätestens wenn man den Schläger selbst zur Hand nimmt, lässt sich der Wettkampfcharakter nicht mehr ignorieren. Doch wirklich ernst nehmen will man es dann doch nicht.
«Wir hätten so viel Potenzial, jeder Zweite im Land spielt einmal pro Jahr Minigolf», sagt Wolfgang Wicki, Präsident des Minigolfclubs Effretikon und einer von nur 375 lizenzierten Spielerinnen und Spielern des nationalen Verbands. Es klingt hoffnungsvoll und gleichzeitig wehmütig.
Ein Effretiker Traditionsklub – ohne Effretiker
Der Kontrast zwischen ungezwungener Freizeit und seriösem Sport zeigt sich auch an diesem schönen Vereinsnachmittag auf der Minigolfanlage im Eselriet. Jeweils am Mittwoch ab 14 Uhr treffen sich hier die Mitglieder im Sommer unverbindlich, um gemeinsam zu trainieren. Rund 15 Leute sind dieses Mal gekommen, fast alles sind ältere Semester.
Die Szenerie versprüht mediterranes Flair, man sitzt auf Plastikstühlen unter den Bäumen beisammen. Eine Handvoll Männer und Frauen ebnen gerade den vereinseigenen Grillplatz ein, der sich nach mehreren Jahrzehnten gesenkt hat. Auf den Bahnen befindet sich vor allem Laufpublikum, später werden sich vermehrt die Spielerinnen und Spieler mit blauen Klub-T-Shirts und kleinen Balltaschen unter sie mischen.

Wolfgang Wicki beobachtet die Szenerie und sagt zufrieden: «So läuft das bei uns. Jeder steuert das dazu bei, was er kann.» Das Vereinsleben, man spürt das, gibt dem 64-Jährigen viel.
Etwas mehr als 30 Personen zählt der Klub, den er seit 32 Jahren präsidiert. Den Grossteil von ihnen kennt er ebenso lange – wenn nicht sogar noch länger. Es ist mit ein Grund dafür, dass er seit Jahren einen beträchtlichen Weg in Kauf nimmt: Von seinem Zuhause im aargauischen Künten bis ins Eselriet sind es 45 Kilometer.
Tatsächlich wohnt heute kein Mitglied mehr in Effretikon. Die Gründungsgeneration aus den 1970er Jahren ist verstorben, stattdessen haben sich hier Interessierte und Freunde aus dem ganzen Kanton gefunden. Daraus erwachsen ist ein Kreis mit vielen familiären Banden und einer schwindelerregend erfolgreichen Frauenabteilung – sie macht den MC Effretikon zum erfolgreichsten Sportverein im Ort.
Wicki und die starken Frauen
Sinnbildlich dafür stehen die Wickis: Ehefrau Esther ist neunmal Schweizer Meisterin geworden, die ältere Tochter Sandra viermal, die jüngere Tochter Maja kommt auf drei Titel. Alle durften sie mindestens einmal den Gewinn einer Europameisterschaft feiern. Dazu kommen mehrere WM-Medaillen. Oder anders gesagt: Die Wickis sind nicht nur nationale, sondern Weltklasse.
Eine weitere Spitzenspielerin, die seit Jahrzehnten mit von der Partie ist, ist Rebecca Weber. Die 39-Jährige hat Ende Juli in der Walliser Gemeinde Gampel ihren ersten Schweizer-Meister-Titel in der Damen-Einzelwertung gewonnen, nachdem sie bereits 2010 Europameisterin geworden war. Als Presseverantwortliche sitzt sie gemeinsam mit ihrem Vater im Vorstand – obschon sie mittlerweile in Zofingen lebt. Sie sagt: «Der Aufwand, den wir hierfür betreiben, ist schon sehr gross.»
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Sehr gross – das bedeutet an der Spitze bis zu 20 Stunden Training in der Woche. Im technischen, mentalen und physischen Bereich. Es bedeutet vor einem wichtigen Turnier, dass man sich eine Woche vorher auf der Wettkampfbahn einfindet und täglich mehrere Stunden auf ihr trainiert. Und es bedeutet, dass man bis zu 250 verschiedene Bälle im Wert von 20 Franken pro Stück mitnimmt, die man dann je nach Bahn noch speziell präparieren, kühlen oder wärmen muss – was wiederum eine Wissenschaft für sich ist.
Kurz, es ist der maximale Kontrast zur netten Freizeitbeschäftigung, der nach Wolfgang Wickis Rechnung die halbe Schweiz mindestens einmal im Jahr nachgeht. Wohlgemerkt in einer Sportart, in der auch Spielerinnen wie Rebecca Weber Eintritt zahlen müssen, um zu trainieren.
«Es ist schwierig, Nachwuchs zu finden», stellt sie nüchtern fest. «Dazu kommt, dass die Konkurrenz bei den Angeboten für Junge hier in Effretikon besonders gross ist.»
Minigolf wie Artistik
In diesen Kanon stimmt auch Wolfgang Wicki ein. Nachwuchs zu rekrutieren, ist für den inzwischen pensionierten Verkehrspolizisten zur Lebensaufgabe geworden. Nicht nur in seiner Rolle als Klubpräsident, sondern schon früher als Spitzenspieler, Nationalkadertrainer und Verbandsfunktionär.
Bis heute organisiert er neben den offiziellen Wettkämpfen auch immer wieder öffentliche Turniere und Kurse. Möglichst tief soll die Schwelle sein, der Spass im Vordergrund stehen. Damit die Menschen auf den Sport und den Verein aufmerksam werden. Doch obschon diese Veranstaltungen ordentlich besucht sind, bleibt die Fluktuation tief.
Dabei hätte der MC Effretikon als Top-Adresse doch so einiges zu bieten. Das angesammelte Wissen und die Expertise sind gross, die Leidenschaft ist ansteckend. Versiertes Minigolf, das offenbart sich nur schon an diesem Nachmittag, kann durchaus faszinieren und zuweilen fast schon artistische Züge annehmen.
Das hat auch Lukas Hunziker erkannt. Der 23-jährige Dürntner ist vor zwei Jahren zum Klub gestossen und kann als gutes Beispiel für das herhalten, was man sich für die Zukunft wünscht. Angefangen hat er als Teenager beim Minigolfclub in Wetzikon, nach Effretikon wechselte er, weil er hier profitieren und besser werden kann.

Für die Kamera zeigt er gerne sein Können, er schlägt seine Bälle langsam, mit viel Gefühl und Präzision. Nachdem der Versuch, das Loch mit einem direkten Schlag zu treffen, scheiterte, ermuntert ihn ein Mitglied dazu, es mit einer anderen Technik zu probieren.
Beim sogenannten Einzentrieren wird der Ball an die Umrandung gespielt und nähert sich danach mit jedem Rückprall dem Loch. Und siehe da: Das Unterfangen, im Fachjargon Ass genannt, gelingt auf Anhieb.
Auf die Frage, wie er den Weg vom Hobbyspieler zum ambitionierten Minigolfer gefunden habe, sagt Lukas Hunziker: «Ich bin einfach der Typ, der etwas so lange versucht, bis es klappt.»
