In Greifensee spricht ein Junger – und die Älteren kommen
Junge 1.-August-Redner im Fokus
Der Nationalfeiertag findet in Greifensee dieses Jahr drinnen statt. Trotz des jungen Gastredners Matthias Müller (FDP) sind eher ältere Gäste vor Ort.
Greifensee habe den schönsten Festplatz der Schweiz, sagt Veronika Schneider. Sie muss es wissen, denn sie wohnt schon seit 52 Jahren hier und hat noch fast keine 1.-August-Feier ausgelassen. «Die Garnhänki, so direkt am See, wunderschön.» Einzig: Es regnet in Strömen. Die Feiernden passen jedoch alle gut unters Dach des Festzelts in Rot und Weiss.

Auf Matthias Müller (FDP) angesprochen, der gleich seine Gastrede halten wird, sagt die 86-Jährige, sie fände es etwas «gspässig», so einen jungen Redner einzuladen. Die ehemalige Präsidentin des Seniorenvereins zeigt in das Festzelt. «Schauen Sie sich um, hier sind doch die meisten über sechzig.»
Wenige jüngere Zuhörerinnen und Zuhörer
Vereinzelt sitzen zwar Familien mit Kindern an den mit Sonnenblumen geschmückten Tischen. Auch einige Junge zwischen 20 und 30 essen Frühstück. Bei genauerem Hinsehen wird aber klar: Die meisten von ihnen arbeiten für die Feuerwehr. Abends wird nämlich traditionell die grosse «Schiiterbiig» angezündet, eine grosse Holzbeige, die jetzt ganz im Regen steht.



Andere finden es toll, dass so ein junger Redner angekündigt ist. «So höre ich mal eine andere Sichtweise», sagt Ueli Tamborini, der im Verein Greifensee Dragons mitwirkt – eigentlich aber in Pfäffikon wohnt. Seine Partnerin Anita Irniger hat erst vor Kurzem das «Poschtilädeli» in Greifensee abgegeben. Das Paar ist heute vor allem wegen der Nachbarn hier – auch weil sie abends im Rahmen des Vereins ausschenken werden.
Kim Pasche ist genau gleich alt wie der Gastredner: 30 Jahre. Sie ist heute wegen ihren WG-Freunden hier. «Und weil die Hunde mal raus mussten.» Sie und ihre WG hatten während Corona spezielle Cocktails entwickelt. «Doch nach der Pandemie hatten wir leider keine Zeit mehr dafür.» Matthias Müller kennt sie nicht. «Ich bin nicht so arg politisch interessiert.»



Der feine Zopf hat wohl zusätzlich einige Greifenseerinnen und Greifenseer schon morgens auf die Festwiese Garnhänki gelockt. Auch der Gastredner Matthias Müller nimmt später in seiner Rede Bezug zum Essen und zur «Dorfmusig Gryfesee»: «Sie sind wohl kaum wegen mir hier.» Die Zuhörerinnen und Zuhörer lachen.
Wahlkampf für den Herbst?
Müller steigt mit der Pfahlbauer-Vergangenheit von Greifensee ein, spricht aber auch dringliche Themen wie die Altersvorsorge und die Cyberkriminalität an. Dazwischen streut er gekonnt die bevorstehende Abstimmung im Oktober mit ein: «Im Herbst kann man an der Urne mitbestimmen, wer uns im Nationalrat vertritt.»

Er selbst kandidiert dann für den Nationalrat und hat einen guten Listenplatz ergattert: Er steht an siebter Stelle. Die Greifenseer Gemeindepräsidentin Monika Keller (FDP) sagt – angesprochen auf den bevorstehenden Wahlkampf –, es sei immer etwas schwierig, kurz vor Abstimmungen politische Redner auszuwählen.
Es war an der Zeit, wieder einmal einen Mann auf die Bühne einzuladen.
Dr. Monika Keller
Gemeindepräsidentin Greifensee (FDP)
Deswegen habe sie vor vier Jahren bewusst eine Sportlerin angefragt. Sie habe die letzten vier Jahre immer Frauen als Gastrednerinnen gehabt. «Es war an der Zeit, wieder einmal einen Mann auf die Bühne einzuladen.» Sie sei sehr zufrieden mit Matthias Müllers Rede. Auch wegen der «Schiiterbiig» am Abend macht sie sich keine Sorgen: «Die brennt dann schon, keine Angst.»
Kim Pasche und ihre WG fanden die Rede des Jungfreisinnigen gut. «Toll hat er die AHV angesprochen.» Auch wenn es noch lange hin ist, hat sie sich schon dazu beraten lassen. Ihr sei bewusst, wenn es so weitergehe, würde ihrer Generation nichts mehr ausbezahlt werden. Ihr WG-Kollege Jannik Rauin meint: «Eigentlich gehören keine alten Leute in die Politik.» Die Jungen sollten nicht unbedingt mit den Entscheidungen aus der älteren Generation leben müssen.
