Der Wochenmarkt in der Krise
Städte top, Gemeinden flop?
In Greifensee läuft der Freitagsmarkt mehr schlecht als recht. Nun hat sich die Gemeindepräsidentin seiner Rettung angenommen. Doch das Problem scheint mit der Gemeindegrösse zusammenzuhängen.
Auf der Website der Gemeinde Greifensee wird das Angebot des Wochenmarkts mit Fleisch, Fisch, Gemüse, Obst, Käse und vielem mehr beworben. Doch dem ist seit längerer Zeit nicht mehr so.
Der Markt serbelt, die einst zahlreichen Marktstände sind auf zwei bis vier pro Woche zusammengeschrumpft.
Der Vorstand des Vereins Griifeseemer Wuchemärt besteht nur noch aus dem Präsidenten. Die Sommerferien machen die Situation nicht besser, der Markt wird in dieser Zeit nur am 21. Juli und am 18. August durchgeführt.
Gemeindepräsidentin Monika Keller (FDP) will nun gegen das langsame Sterben des Markts vorgehen. In den «Nachrichten aus Greifensee», dem amtlichen Publikationsorgan der Gemeinde, hat sie im Juni einen Aufruf für eine Arbeitsgruppe gestartet, die noch einen letzten Effort versuchen soll, bevor der Markt endgültig begraben wird.
Ein Teufelskreis
«Bereits haben sich fünf Frauen gemeldet, und wir konnten erste Ideen besprechen und sogar schon umsetzen», sagt Keller. In der Arbeitsgruppe engagiere sie sich allerdings als Privatperson, auch könne sie langfristig nicht den Vorstand ergänzen. «Dafür habe ich aufgrund meiner Engagements leider keine Zeit.»

Sie ist aber zuversichtlich, dass nun etwas ins Rollen kommt. «Ich hatte das Gefühl, seit dem Aufruf sind auch schon ein paar Leute mehr zum Markt gekommen – wie wenn man sie daran hätte erinnern müssen, dass es ihn noch gibt.»
Die Gründe, warum dieser nur spärlich besucht wird, sieht sie im knappen Angebot. «Und wenn weniger Kundschaft kommt, wenden sich auch die Marktfahrer ab», sagt Keller. «Daraus entsteht ein Teufelskreis.»
Ähnliche Probleme in Turbenthal
Die Greifenseer sind mit ihrem Problem nicht allein. In Turbenthal etwa gibt es seit diesem Jahr gar keinen Wochenmarkt mehr, da das Interesse der Bevölkerung zu klein war.
Um das Marktwesen wieder etwas zu beleben, hat der Gemeinderat für ortsansässige Vereine und Organisationen die Aufhebung der Mietgebühren für die Benutzung der gemeindeeigenen Marktstände beschlossen. Ob es etwas bringt, wird sich noch zeigen.
Tatsächlich sind es nur wenige Oberländer Gemeinden, in denen überhaupt noch Wochenmärkte stattfinden. In Pfäffikon gab es lange keinen Markt, erst seit 2020 sind jeweils am Samstag wieder Marktstände auf der Seestrasse aufgestellt.
Der Anstoss für einen neuen Wochenmarkt kam aus der Bevölkerung, der Verein hat für sein Engagement mittlerweile den Gesellschaftspreis der Gemeinde erhalten.
In Uster gehört der Freitagsmarkt zur Stadttradition. 2019 kam nach langer politischer Debatte sogar ein Samstagsmarkt dazu, der einmal im Monat stattfindet und auch der arbeitenden Bevölkerung ein Markterlebnis ermöglicht.
Zwei Märkte gibt es auch in Effretikon, jeweils am Mittwoch- und Samstagmorgen auf dem Märtplatz.
In Wetzikon gibt es den Wochenmarkt auf dem Leueplatz schon seit rund 15 Jahren. Da der Leueplatz im Wetziker Zentrum zwischen Geschäften und der Strasse – gleich gegenüber der Migros – eingeklemmt ist, ist das Angebot beschränkt.
«Aber wir bieten alle Grundnahrungsmittel an», sagt Marco Lutz, Präsident des Vereins Wetzikontakt, der den Markt organisiert. Die Nähe zum Grossverteiler sieht er als Vorteil. «Viele gehen zuerst in die Migros und kaufen dann bei uns spezielle Produkte, wie etwa Käse, den sie dort nicht erhalten – oder umgekehrt.»
Wir haben schon ein paar spezielle Aktionen getestet, aber hier verweilt kaum jemand zum Kaffeetrinken.
Marco Lutz
Präsident Wetzikontakt
Doch der Freitagsmarkt ist nicht der einzige Wochenmarkt in der Stadt. Im Stadtteil Robenhausen erfreut sich der Robehuuser Wuchemärt, der jeweils am Samstagmorgen stattfindet, grosser Beliebtheit.
Von einer Konkurrenz will Marco Lutz aber nicht sprechen. «Im Gegenteil, das ist eine wunderbare Ergänzung, und das Zielpublikum ist auch ein anderes.»
Der Markt in Robenhausen sei denn auch viel mehr Treffpunkt, als es im Zentrum überhaupt möglich wäre. «Wir haben schon ein paar spezielle Aktionen getestet, aber hier verweilt kaum jemand zum Kaffeetrinken. Zu uns kommen die Leute wirklich zum Einkaufen, fast alles sind Stammkunden.»
Kleine Gemeinden im Nachteil
Sind also erfolgreiche Märkte nur in grösseren Gemeinden oder gar Städten möglich? «Es scheint fast so», sagt Margrit Berlinger. Sie sass bis vor fünf Jahren für die FPD im Russiker Gemeinderat und war federführend bei der Einführung eines neuen Wochenmarkts 2018. «Doch dieser ist nicht so gross geworden, wie wir uns das zu Beginn erhofft hatten.»
Die meisten Russiker gehen nach Pfäffikon zum Einkauf in die Grossverteiler. «Und an den tollen Samstagsmarkt – die paar Male, die ich selbst dort war, habe ich viele Russikerinnen und Russiker gesehen», sagt Berlinger.
Doch obwohl der Russiker Wochenmarkt mittlerweile nur noch aus einer Anbieterin und ab und zu einzelnen Ständen besteht, ist er bereits ein fester Bestandteil des Dorflebens mit vielen Stammkunden.
Die Landwirtin aus Russikon, die den Stand regelmässig betreibt, deckt denn auch einen grossen Teil des Grundbedarfs ab.
«Solange sie weitermacht, wird es den Markt auch weiter geben», ist Berlinger überzeugt. Sie hofft trotzdem weiterhin, dass sich noch ein paar zusätzliche Anbieter finden lassen, um den Markt interessanter zu gestalten.
Entscheid im Herbst
In Greifensee will man nun verschiedene Massnahmen zur Verbesserung der Situation prüfen, darunter auch neue Angebote, andere Marktzeiten oder bessere Kommunikation. «Die Gretchenfrage ist doch: Warum geht man überhaupt auf den Markt?», sagt Monika Keller.
«Ich bin überzeugt, dass ein Markt eben mehr bietet als ein Grossverteiler. Er ist auch Treffpunkt oder sollte es zumindest sein, damit er erfolgreich ist.» Darum sei es unter anderem wichtig, am Markt einen Kaffee trinken zu können.
«Bis im Herbst versuchen wir, Marktfahrer für die nächste Saison zu verpflichten, die für den nötigen Grundstock des Angebots sorgen.»
Dazu gehören unter anderen Produzenten von Obst oder Käse, die – entgegen der Information auf der Website – momentan fast nicht in Greifensee anzutreffen sind. Nur so könne man Kundschaft für den gesamten Wocheneinkauf anlocken.
«Wichtig ist es zudem, den Verein wieder zu beleben und zusätzliche Leute für den Vorstand und zum Zupacken zu finden», sagt Keller. «Sollte dies alles in den nächsten Monaten nicht klappen, müssten wir uns doch über das definitive Ende des Markts Gedanken machen.»
